Fußball

Herthas neuer Trainer Phänomen Klinsmann staunt über sich selbst

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Auch schon etwas her: Jürgen Klinsmann im April 2009 als Trainer des FC Bayern. Der Mann rechts ist Uli Hoeneß.

(Foto: imago/Sammy Minkoff)

Sein vermutlich größtes Spiel machte Jürgen Klinsmann bei der WM 1990 gegen die Niederlande. Bei Tottenham reift er vom verhassten "Diver" zum "coolsten blonden Deutschen". Nur Uli Hoeneß kann nicht so gut mit ihm - vor allem, als es richtig kracht. Nun ist Klinsmann Trainer bei Hertha BSC.

Jürgen Klinsmann hat einmal gesagt: "Ich weiß im Spiel nie, was ich gleich mache. Ich bin auch für mich selbst völlig unberechenbar. Manchmal staune ich sogar über das, was ich so alles auf dem Platz mache - aber erst, wenn ich’s hinterher im Fernsehen sehe!" Wahrscheinlich sind diese Sätze eine gute Beschreibung für das Leben des in Göppingen geborenen Schwaben. Denn auch für uns Fußballfans ist der Sohn eines Bäckermeisters nur schwer zu fassen. Uli Hoeneß sagtee einmal: "Es ist fast unmöglich, Jürgen Klinsmann zu beschreiben. Ich glaube, niemand kennt ihn wirklich. Er ist ein Phänomen".

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"Wichtig ist, was aus dem Ofen rauskommt: Eltern Martha und Siegfried Klinsmann.

(Foto: imago sportfotodienst)

Teamkollege Lothar Matthäus war jahrelang sein ärgster Widersacher. Naturgemäß ist deshalb seine Einschätzung sehr nahe dran am Menschen: "Der Jürgen ist ein Weltmann. Er war ja immer ein Gegenpool zu mir." Klinsmanns Bruder Horst hat einmal in Anspielung auf die Bäckerlehre und den sportlichen Werdegang gesagt: "Für meinen Bruder zählte immer nur eins: wichtig ist, was aus dem Ofen rauskommt." Begeistert zeigte sich Erotik-Expertin Erika Berger. Während der WM 1990 sagte sie: "Frauen fühlen sich geradezu herausgefordert, ihm zu zeigen, wie aufregend schön die Liebe sein kann."

Apropos Weltmeisterschaft 1990. Damals hatte der blonde Schwabe gerade die Partie seines Lebens ("Der Jürgen Klinsmann hat über seine 
Verhältnisse gespielt", Franz Beckenbauer) gegen die Niederlande absolviert, da sollte ihn der Teamchef vor der kompletten Mannschaft im Spiel gegen die Tschechoslowakei mit einem Zuruf ordentlich zurechtstutzen: "Du bist der Klinsmann, nicht der Pelé!"

Deutschland hatte einen echten Sonnyboy

In der Saison 1987/1988 wurde Klinsmann zu Deutschlands neuem "blonden Engel". Damals rettete er seinen Gegenspieler Norbert Nachtweih beim 3:0 des VfB gegen die Bayern vor einer Roten Karte. Der Stuttgarter krümmte sich nach einem Zweikampf mit Nachtweih vor Schmerzen auf dem Rasen des Neckarstadions. Als er sah, dass Schiedsrichter Pauly die Rote Karte zücken wollte, sprang er auf, rannte zum Schiri und flehte diesen an, den Bayern-Spieler nicht zu bestrafen. Mit Erfolg.

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"Tor des Jahrzehnts": Klinsmann am 14. November 1987 im Stuttgarter Neckarstadion gegen den Fc Bayern.

(Foto: imago images / WEREK)

Dass es zu diesem Zeitpunkt bereits 2:0 stand und Klinsmann mit einem Fallrückzieher ein "Tor des Jahrzehnts" geschossen hatte, mag ihn ein wenig in seinem Handeln unterstützt haben. So oder so hatte Deutschland einen echten Sonnyboy dazugewonnen. Und darüber freute sich nicht nur der ebenfalls hellblonde Nachtweih. Der war gar so glücklich, dass er versprach, Champagner zu schicken, "falls Klinsmann denn weiß, was das überhaupt ist"!

Als er kurz darauf - mittlerweile war er überall in Europa heiß begehrt - über einen Wechsel nachdachte, sagte er zwei bemerkenswerte Sätze. Der erste: "Zu den Bayern möchte ich nicht wechseln, ich will lieber noch ein richtiges anderes Land kennen lernen." Und als Klinsmann zum Ende der Saison seinen Wechsel nach Italien zu Inter Mailand ankündigte, sagte er: "Bayern München war für mich nicht möglich, schon von meinem Naturell her!" Die Wesensart verschob sich dann offensichtlich, sodass er nach seiner Mailänder Zeit das Angebot der Bayern annahm. Zusammen mit einem Italiener ("Der Rizzitelli und ich sind schon ein tolles Trio") wirbelte der blonde Schwabe für den Rekordmeister die Bundesliga auf.

Legendärer Tritt in eine blaue Tonne

Trotz aller sportlichen Erfolge blieb den Fans aber vor allem sein legendärer Tritt in eine blaue Tonne im Gedächtnis. Reumütig musste er Abbitte leisten: "Das wird nicht wieder vorkommen. Werbetonnen brauchen sich vor mir nicht zu fürchten." Als Klinsmann einige Zeit danach ging, nahm er den Meistertitel mit nach England zu Tottenham. Viele Jahre später kam er noch einmal zurück nach München und überraschte angeblich sogar seine Mutter mit dieser spektakulären Neuigkeit. Als Pressevertreter sie fragten, ob sie schon von der Verpflichtung ihres Sohnes als Trainer des FC Bayern gehört habe, antwortete sie: "Nee, das habe ich noch nicht gewusst. Ach du scheiße!"

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10. Mai 1997: Klinsmann tritt in die Tonne.

(Foto: imago images/WEREK)

Die kurze Münchener Liaison endete unglücklich. Doch zum richtigen Krach mit Klinsmann - mit dem man nach dem Ausscheiden wie üblich eigentlich Stillschweigen vereinbart hatte - kam es erst nach einem TV-Auftritt des ehemaligen Bayern-Trainers in Günther Jauchs Sendung "Stern TV". Hoeneß reagierte hörbar verschnupft: "Ich habe in Latein gelernt: Si tacuisses, philosophus mansisses - das bedeutet: Wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben." Und auch auf Jauch war der Manager sauer: "Der hat dem Jürgen eine Plattform gegeben, Dinge zu erzählen, die nicht stimmen, ohne kritische Fragen zu stellen." Über des Moderators Ankündigung von Klinsmann als "Barack Obama des deutschen Fußballs" konnte Hoeneß hingegen nur lachen: "Dann bin ich Mutter Teresa."

Seine schönste Zeit als Fußballer hat Klinsmann in England. Dort lieben sie ihren "Flipper" noch heute. "The Sun" schrieb nach seinem Insel-Abenteuer: "Er kam mit dem Ruf eines Elfmeterschinders und geht mit einem Image irgendwo zwischen Schneewittchen und Mutter Teresa." Das trifft das Image von Klinsmann bei den Engländern vor und nach seinem Engagement bei Tottenham Hotspur sehr gut. Der englische Trainer und spätere TV-Fußballexperte Ron Atkinson hat einmal gesagt: "Gary Lineker hat gerade die Hand von Jürgen Klinsmann geschüttelt. Es ist ein Wunder, dass Klinsmann nicht umgefallen ist."

"Coolste blonde Deutsche seit Marlene Dietrich"

Der britische TV-Komiker Frank Skinner meinte über Klinsmann, der damals noch den Spitznamen "Diver" trug: "Ich habe mir während der WM 1994 ein Spiel von Deutschland angeschaut, und als ich aufstand, um mir eine Tasse Tee zu machen, stieß ich aus Versehen gegen den Fernseher. Klinsmann ist gleich hingefallen." Als der Schwabe die Tottenham Hotspurs verließ, liebten die Engländer ihn. Der "Observer" war sich sicher, dass Klinsmann der "coolste blonde Deutsche seit Marlene Dietrich" sei.

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Reif für die Insel: Klinsmann im Trikot der Tottenham Hotspur.

(Foto: imago/Colorsport)

Am Ende seiner Karriere hatte Klinsmann gesagt: "Ich habe keine Lust mehr auf Flughafen, Fußball und wieder Flughafen. Das brauche ich nicht mehr. Und ich benötige auch kein Geld mehr." Er ist schließlich doch weiter im Fußballbusiness geblieben. Vielleicht hat er sich irgendwann an ein anderes altes Motto von sich erinnert: "Ein Bäcker kann nicht von dem Brot leben, das er gestern gebacken hat. Und ein Fußballer kann nicht von seinem letzten Spiel leben. Es geht immer um hier und jetzt."

Dieses "Hier und Jetzt" heißt nun Hertha BSC. Wie er sagte, hat der "unberechenbare" Jürgen Klinsmann bis gestern selbst noch nicht recht geahnt, dass er heute Trainer der Hertha ist. Nun darf man gespannt sein, was passieren wird. Der neue Coach der Berliner wird wohl erst hinterher genau realisieren, was er da getan hat - wenn er sich selbst im Fernsehen sieht.

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Quelle: n-tv.de