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Torschütze in Topform: Timo Werner.
Torschütze in Topform: Timo Werner.(Foto: AP)
Mittwoch, 22. November 2017

Enttäuschung trotz Dominanz: RB Leipzig entwickelt sich spät - zu spät?

Von Ullrich Kroemer, Monaco

Erst wuchtig, dann abgezockt: RB Leipzig liefert in der Champions League sein bestes Spiel ab. Der Trainer freut sich über einen großen Entwicklungsschritt - und dennoch hadern die Sachsen. Ebenso wie Frank Buschmann.

Der 4:1-(4:1)-Erfolg von RB Leipzig bei der AS Monaco am fünften Champions-League-Spieltag geriet aus Leipziger Sicht triumphal. Doch so richtig mochte sich die Freude darüber bei Trainer Ralph Hasenhüttl und seinen Spielern nicht einstellen. Vergleichsweise gefasst nahm das Team seinen ersten Auswärtssieg in der Champions League überhaupt hin. Den meisten Spielern war nicht anzusehen, dass sie sich über den deutlichen und beeindruckend überlegenen Erfolg sonderlich freuen konnten. "Wir sind eben eine etwas introvertierte Mannschaft", scherzte Kapitän Willi Orban.

Das lag nicht nur an der dürftigen Kulisse von 9029 Zuschauern – darunter Fürst Albert von Monaco – im nicht einmal halbvoll besetzten Stade Louis II. Kaum zu glauben, dass bei dieser Atmosphäre, die der bei einem Testkick ähnelte, der französische Meister und Vorjahres-Halbfinalist in der "Königsklasse" spielte. Immerhin verhinderten die gut 1200 RB-Fans, dass die Partie zum Geisterspiel geriet. Schon vor der Partie ließ der Leipziger Anhang Sky-Reporter Frank Buschmann hochleben, der sich nicht dreimal bitten ließ und mit einer "Welle" antwortete, was für Diskussionen im Netz sorgte:

Und auch im Spiel waren es die Anhänger aus Sachsen ("Eurobabogaaal, Leipzig indernadionaaaal"), die überhaupt für eine Geräuschkulisse von den Rängen sorgten. Doch auch die RB-Spieler hätten aufgrund ihrer Leistung allen Grund zu Euphorie gehabt. So konsequent und konstant hatte man das Team in dieser Saison in der Champions League noch nicht gesehen. "Wir haben den Gegner von Anfang an auf die richtige Art bearbeitet", sagte Hasenhüttl. "Wir haben unseren Spielstil durchgedrückt." Die beste, weil dominanteste Saisonleistung des Bundesliga-Dritten.

Jemerson arbeitet Leipzig unfreiwillig zu

Anders als in den Partien zuvor hatten die Gäste auch das nötige Matchglück. Monaco leistete sich eine ausgesprochen schwache Anfangsphase. Innenverteidiger Jemerson ermöglichte RB mit zwei haarsträubenden Fehlern einen Doppelschlag zum schnellen 2:0. Erst kickte der Brasilianer eine Flanke von Marcel Sabitzer ins eigene Tor (6.). Das 2:0 durch Timo Werner kurz darauf (9.) leitete der Abwehrmann durch einen haarsträubenden Fehlpass selbst ein, den Kevin Kampl antizipierte und Werner auf die Reise schickte.

Monaco - Leipzig 1:4 (1:4)

Tore: 0:1 Jemerson (6., Eigentor), 0:2 Timo Werner (9.), 0:3 Timo Werner (31., Foulelfmeter), 1:3 Falcao (43.), 1:4 Keita (45.)
AS Monaco: Subasic - Raggi, Glik, Jemerson, Jorge - Fabinho, Moutinho (83. Carrillo) - Tielemans, Lopes (66. Ghezzal) - Keita Balde (59. Diakhaby), Falcao. - Trainer: Jardim
RB Leipzig: Gulacsi - Klostermann, Orban, Upamecano, Halstenberg - Keita, Kampl - Sabitzer (35. Demme), Forsberg (79. Laimer) - Poulsen, Timo Werner (58. Bruma). - Trainer: Hasenhüttl
Schiedsrichter: Alberto Undiano Mallenco (Spanien)
Zuschauer: 9029
Gelbe Karten: Moutinho, Jemerson (2), Fabinho (2), Jorge (2) – Poulsen
Torschüsse: 10:10 - Ecken: 7:5
Ballbesitz: 50:50 Prozent
Zweikämpfe: 91:117

Weil er sich genau solche Situationen erhofft hatte, betonte Hasenhüttl nach der Partie, hatte er sich für Kampl und gegen Diego Demme als Partner für Naby Keita im defensiven Mittelfeld entschieden. Mit Blick auf die bisherigen Lehrstunden, die RB auswärts in der "Königsklasse" erhalten hatte, sagte Hasenhüttl: "Wir waren heute viel griffiger, haben mit mehr Selbstvertrauen gespielt, haben die besseren Entscheidungen getroffen. Aber man konnte nicht erwarten, dass wir von Anfang an so spielen kann wie wir das heute getan haben."

Werner krönte seine Leistung mit seinem zweiten Treffer per Elfmeter nach Foul von Falcao im Strafraum an RB-Kapitän Willi Orban (31.), den er wuchtig und entschlossen verwandelte. "Vor dem Tor ist Timo jetzt schon Weltklasse", lobte Hasenhüttl. Dass sich Leipzigs Torhüter Peter Gulacsi verschätzte und Falcaos 1:3 (43.) nach einem Standard ermöglichte, hätte die Monegassen noch einmal zurück ins Spiel bringen können. Doch Naby Keita reagierte umgehend, ließ nach Pass von Marcel Halstenberg auf engstem Raum zwei Gegenspieler aussteigen und erzielte seinen ersten Champions-League-Treffer (45.).

Plötzlich abgezockt und cool

Mit dem 4:1 war die Partie erledigt, RB spielte die Begegnung solide und seriös zu Ende – keine Selbstverständlichkeit in dieser Saison. "Wir haben für unsere Verhältnisse sehr cool und abgezockt gespielt. Da ist ein richtig großer Entwicklungsschritt zu sehen, den ich mir gewünscht habe", betonte Hasenhüttl. "Wir haben es in der zweiten Hälfte geschafft, den Gegner mit Ballbesitz mürbe zu machen." Sportdirektor Ralf Rangnick analysierte: "Der Schlüssel war heute das Netz und die Abstände gegen den Ball, die sehr gut gepasst haben."

Dass die Leipziger nun dennoch nicht jeden einzelnen im Stadion mit Handschlag begrüßten, Lieder in der Kabine anstimmten, spontane Yacht-Touren im Luxushafen von Monaco organisierten oder im Casino in Monte Carlo feierten, hatte vor allem damit zu tun, dass alle Leipziger wissen, dass dieser Entwicklungsschritt wohl genau eine Champions-League-Partie zu spät kam. Weil Porto und Besiktas Istanbul 1:1-Unentschieden spielten, müssten die bereits ausgeschiedenen Monegassen im abschließenden Spiel in Porto mindestens einen Punkt holen, damit RB noch Chancen auf das Achtelfinale hat.

So bewertete auch Rangnick: "Uns fehlt ein Punkt, der in Porto." Auch Kampl sagte: "Man überlegt: Wo hat man die Punkte liegenlassen? In Porto hätten wir einen Punkt mitnehmen können, wenn nicht sogar müssen." Und auch Yussuf Poulsen erklärte: "Wenn man sieht, wie überlegen wir Monaco heute waren, denkt man sich, dass wir auch zu Hause hätten drei Punkte holen können. Aber wenn wir lernen, zum Beispiel, wie wir besser Standards verteidigen, dann haben wir viel bessere Chancen."

Europa League ist auch nicht so verkehrt

Dass RB nun zumindest sicher in der Europa League überwintert, kommentierten sie im Leipziger Lager unterschiedlich. Mit Blick auf die Belastung durch mögliche Donnerstagsspiele sagte Rangnick: "Mir wäre es lieber, wir würden wenn schon Europapokal, weiter in der Champions League spielen." Hasenhüttl indes kann auch der Europa League etwas abgewinnen: "Wir sind auf jeden Fall in einer K.o.-Phase dabei, das ist für uns eine neue Erfahrung, die wir auch brauchen", sagte der Österreicher. Und Orban ließ wissen: "Europa League ist auch nicht so verkehrt."

Ein Fünkchen Resthoffnung besteht jedoch noch auf die Champions League. "Bei den Wettbüros würde man sicher nicht mehr allzuviel auf ein Weiterkommen von uns kriegen, aber das letzte Spiel muss trotzdem erst einmal gespielt werden", so Rangnick, der hofft: "Ich glaube nicht, dass Monaco das Spiel abschenkt." Hasenhüttl ergänzte entschlossen: "Ich kann nicht in Prozenten ausdrücken, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass wir in der Champions League überwintern. Aber eins kann ich versprechen: Wir gewinnen unser letztes Spiel gegen Istanbul." Dann auch wieder vor einer Kulisse, die der eines Champions-League-Spiels würdig ist.

Quelle: n-tv.de

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