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Hat viel vor: Ralf Rangnick.
Hat viel vor: Ralf Rangnick.(Foto: imago/Picture Point LE)
Montag, 09. Juli 2018

"Wollen gefürchtet werden": RB Leipzig kehrt zur reinen Lehre zurück

Von Ullrich Kroemer, Leipzig

Ralf Rangnick hat eine Mission: Er will als Übergangslösung den Fußball-Bundesligisten RB Leipzig zu alter Stärke zurückführen. Bestätigt sieht sich der 60-Jährige durch die Weltmeisterschaft in Russland.

Die Zuschauer applaudierten Ralf Rangnick zur Sicherheit gleich zweimal. Einmal, als er mit seinem vielköpfigen Trainerteam den Platz betrat. Und kurz darauf noch einmal, als er sich kurz darauf allein auf dem Grün befand. Schließlich waren die mehr als 1000 Fans zum Trainingsauftakt von RB Leipzig in das kleine Nachwuchsstadion am Cottaweg vor allem seinetwegen gekommen: dem neuen, alten Cheftrainer von RB Leipzig.

Zwei Jahre nach dem Aufstieg in die Bundesliga 2016 hat sich der 60-Jährige noch einmal den Trainingsanzug übergezogen. Viele wollten sehen, ob ihm die Trainingskluft noch passt. In enger grauer Hose und hellgrauem Pullover nahm Rangnick Aufstellung für ein Teamfoto, schwor die Mannschaft im Kreis auf die erste Einheit der Saison ein, zog sich danach an den Platzrand zurück und beobachtete das Aufwärmen wie ein Feldherr - wechselnd mit hinter dem Rücken verschränkten Armen und in die Hüften gestemmten Händen.

Die Gestaltung der ersten Übungen mit Ball - dem Jagen des Spielgeräts auf engstem Raum - überließ er seinem neuen Ko-Trainer Jesse Marsch, der erst am Freitag Leipzigs Schwesterklub New York Red Bulls verlassen hat. Marsch war auch als potenzieller Cheftrainer - eventuell im Gespann mit Rangnick - gehandelt worden. Doch dann war durchgesickert, dass Rangnick als alleiniger Cheftrainer übernimmt, ehe er 2019 an Julian Nagelsmann übergeben will. "Gleichberechtigte Trainer-Duos haben noch nirgends auf der Welt geklappt. Es muss am Ende irgendwen geben, der die Entscheidungen fällt und die Verantwortung trägt", hatte Rangnick bei der Verkündung der Entscheidung gesagt.

Gleich mehrfach betonte Klubboss Oliver Mintzlaff, dass es diverse Angebote anderer, auch namhafter deutscher Trainer gegeben habe, die das Übergangsjahr als Chance begriffen hätten. Doch um RB zurück zur reinen Rangnick-Lehre zurückzuführen, taugt aus Sicht der Klubführung niemand besser als der Erfinder selbst. Sozusagen als Leitmotiv für seine einjährige Amtszeit sagte Rangnick: "Wir wollen wieder für unser Spiel gefürchtet werden." Denn darum ging es den Klubverantwortlichen beim Zwist mit Vorgänger Ralph Hasenhüttl vor allem: Der Österreicher hatte den Pressing-Gegenpressing-Fußball mit nachvollziehbaren Ballbesitzideen vermischt, was jedoch den Markenkern des Leipziger Fußballs widersprach und dem Team zeitweise die fußballerische Identität nahm.

Tempo, Tiefgang, Hochschalten

Nun zitierte Rangnick seinen Nachfolger Nagelsmann. Der hatte nach dem 2:1-Erfolg der Leipziger in der Saison 2016/17 gesagt, dass Hoffenheim "gegen den Ball das Beste ist, was es in Europa gibt". "Das hat in der vergangenen Saison niemand über uns gesagt", sagte Rangnick. "Da wollen wir wieder hin."

Dabei fühlt sich Rangnick auch vom Verlauf der Weltmeisterschaft bestätigt, bei der alle Teams mit Schwerpunkt Ballbesitz früh ausgeschieden sind. Als Seitenhieb auf das DFB-Team sagte der Leipziger Klub-Architekt: "Die WM hat vieles von dem, wofür wir seit Langem stehen, eindrucksvoll bestätigt." Mannschaften seien ausgeschieden, die sich "am Ballbesitz so lange ergötzt haben, bis sie gemerkt haben: Oh, das Spiel ist aus und wir haben noch gar kein Tor geschossen".

"Ohne Tempo, ohne Tiefgang, ohne Hochschalten in den fünften, sechsten, siebten Gang gewinnst du heutzutage nicht mal mehr gegen Panama oder Südkorea", so Rangnick. "Wir fühlen uns dazu aufgefordert, unsere Elemente wieder zu richtigen Waffen zu machen."

Auf ein konkretes Saisonziel mochte sich Rangnick nicht festlegen. "Wir würden schon lieber Champions League spielen als Europa League. Ist doch logisch", sagte er. "Der Weg ist das Ziel, dass wir uns in den relevanten Bereichen des Spiels weiterentwickeln. Ob das am Ende zu Platz vier, fünf oder sechs langt, werden wir sehen."

Dazu hat sich Rangnick vor allem drei Punkte vorgenommen. Er will die  Gegentore-Flut stoppen und so den Punkteschnitt von zuletzt 1,58 wieder auf nahezu 2 Punkte wie in der Aufstiegssaison anheben. Dazu bedürfe es - zweitens - einer Steigerung der Effektivität bei Standards, sowohl beim Verteidigen in der Defensive als auch offensiv. In der vergangenen Saison hatte RB viele Standardtore kassiert, war aber selbst kaum gefährlich geworden. Und drittens will Rangnick das Team taktisch variabler aufstellen. Auch taktische Umstellungen der Grundordnung prüft der Schwabe. "Ich möchte eine Dreierkette nicht ausschließen", so der Sportdirektor und Chefcoach. "Wir müssen im Tagesgeschäft in all diesen Bereichen daran arbeiten, dass wir auch in diesen Bereichen eine Spitzenmannschaft werden."

Das zu schaffen, ist wohl auch das vorrangige persönliche Motiv, mit 60 Jahren seine 14. Mission als Trainer zu übernehmen. Bleibt die Frage, wie der Klub reagiert, wenn Rangnicks Mission schiefgeht. Dann, antwortete Klubboss Mintzlaff, "werden wir alle zusammen den Karren aus dem Dreck ziehen". Rangnick bliebe in Leipzig auch dann unantastbar. Doch so wirklich kommt es in Rangnicks Überlegungen wohl nicht vor, dass er keinen Erfolg hat.

Quelle: n-tv.de