Fußball

"Potenzial noch gar nicht sichtbar" RB Leipzig lässt sich vom FC Bayern jagen

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Ganz oben: Leipzigs Trainer Ralpg Hasenhüttl und seine Schützlinge in Leverkusen.

(Foto: imago/ActionPictures)

Die Rasenballsportler aus Leipzig thornen an der Spitze der Fußball-Bundesliga - und fühlen sich dort durchaus wohl. "Wir können nix verlieren", sagt Trainer Hasenhüttl. Nun freuen sie sich auf das Gipfeltreffen in München.

Als die Spieler von RB Leipzig und Trainer Ralph Hasenhüttl die Trainingsplätze im Elsterflutbecken betraten, brandete Applaus unter den paar Dutzend Kiebitzen und Autogrammjägern auf. Und auch einige Zuschauer des U19-Bundesligaspiels zwischen den Leipziger Talenten und Holstein Kiel waren vom benachbarten Platz die paar Meter herüber zum Eingang der Akademie gekommen, um den neuen Tabellenführer gebührend zu begrüßen.

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Durchaus erfolgreich: Ralph Hasenhüttl.

(Foto: imago/DeFodi)

Die Kicker und Trainer Hasenhüttl nahmen das lächelnd und durchaus stolz zur Kenntnis und trabten ein paar Runden, um später für Fotos zu posieren und Unterschriftswünsche zu erfüllen. Dass die Leipziger dann tatsächlich auch an diesem Sonntag noch auf Platz eins der Fußball-Bundesliga stehen sollten, war am Samstagvormittag noch nicht bekannt. Doch da momentan alles, aber wirklich alles zugunsten des Aufsteigers läuft, endete auch das Topspiel im Westfalenstadion zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern ganz im Sinne des Überraschungsteams dieser Saison - mit einem Sieg des BVB.

So geht Rasenballsport nicht nur als erster ostdeutscher Tabellenführer seit Hansa Rostock 1991 und als erstes sächsisches Team auf Rang eins des Fußball-Oberhauses in den zwölften Spieltag. Leipzig sorgt auch dafür, dass die Liga nach einem knappen Drittel der Saison an der Tabellenspitze so packend ist wie bereits seit Jahren nicht mehr. "Wir haben immer davon gesprochen, dass es schön wäre, wenn die Bundesliga wieder spannender gestaltet", sagte Hasenhüttl. "Dass wir nun diejenigen sind, die dafür sorgen, hätte keiner hier für möglich gehalten." Aus den bis zur Schmerzgrenze als Bayern-Jäger titulierten Leipzigern ist nun vielmehr der Leipzig-Jäger FC Bayern geworden.

Meister? Wir doch nicht!

Nachdem sie sich beim Klub vom Cottaweg lange gewehrt hatten, sich zum Thema Europapokal, Tabellenführung oder gar Deutsche Meisterschaft zu äußern, ließen sich die Verantwortlichen nun immerhin auf Gedankenspiele ein. "Wenn Bayern sein Ding durchzieht und konstant spielt, werden sie normalerweise Meister", sagte Sportdirektor Ralf Rangnick - vor dem Topspiel am Abend. "Wenn sie das nicht tun, kann es immer mal wieder ein anderer schaffen. Aber wir nehmen das nicht für uns in Anspruch und beschäftigen uns nicht mit derartigen Szenarien."

Doch immerhin ist es für Rangnick & Co. gedanklich nicht mehr ausgeschlossen, sich zumindest an der Tabellenspitze festzusetzen. "Mit Hoffenheim waren wir zu Weihnachten Tabellenführer", sagte Rangnick. "Wenn wir das schaffen sollten, hätten wir schon mehr erreicht als das, was jetzt geschafft worden ist." Genau wie die Spieler wollten sich auch Rangnick und Hasenhüttl das Duell der großen Rivalen in aller Ruhe in kleinem Kreis anschauen. "Wir haben unseren Job für dieses Wochenende getan, das macht die Sache angenehm. Man kann ohne viel Stress zugucken, das ist Genuss", sagte Hasenhüttl.

Und in der Tat hatten das Trainerteam und die Spieler ihren Job beim 3:2-Sieg im Rheinland - dem sechsten Erfolg in Serie - hervorragend gemacht. Hasenhüttl sagte nach der kurzen Trainingseinheit am Morgen danach: "Wir haben dieses Spiel vor allem aufgrund unserer Mentalität gewonnen." Ein paar ganz konkrete Beispiele dafür hatte der Erfolgscoach am Morgen seinen Spielern in der Kabine genannt und berichtete danach auch den Journalisten davon. "Es ist nicht selbstverständlich, dass sich ein Spieler wie Marcel Sabitzer mit einer solchen Platzwunde nicht auswechseln lässt, sondern in der zweiten Hälfte sogar noch eine Schippe drauf packt und 90 Minuten durchhält."

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Blutende Platzwunde: Marcel Sabitzer, Rasenballsportler.

(Foto: imago/Uwe Kraft)

Sabitzer hatte bei einem Luftduell mit dem ungestümen Brasilianer Wendell eine blutende Platzwunde an der Stirn davongetragen, die zunächst am Spielfeldrand getackert und dann in der Halbzeitpause mit fünf, sechs Stichen genäht worden war. Eine mindestens ebenso heroische Tat wie einst die von Dortmunds Matthias Sammer, dessen Platzwunde im Spiel bei Borussia Mönchengladbach 1994 zur Ikonographie des deutschen Fußballs gehört. So taugt auch Sabitzer, dessen zentimeterlange Naht auf der Stirn man am Samstag gut sehen konnte, als Sinnbild für Leidenschaft und Leidensbereitschaft, Motivation und Einsatz mit der die RB-Kicker ihren Job dieser Tage begreifen.

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Alles schön und gut mit Sabitzer. Wir aber finden: Matthias Sammer sah gefährlicher aus.

Dabei hatte nach den ersten 45 Minuten in Leverkusen einiges gegen Rasenballsport gesprochen. Von Gegentreffern in der ersten und letzten Minute der ersten 45 Minuten erholen sich nicht viele Teams. "In der ersten Hälfte ist so ziemlich alles gegen uns gelaufen, was man sich nur vorstellen kann", sagte Hasenhüttl. "Wir waren nicht so mutig, nicht so ruhig am Ball, wie wir das in den vergangenen Spielen gemacht haben. Wir haben uns eine Spur beeindrucken lassen von Leverkusen."

Den von Keeper Peter Gulacsi gehaltenen Elfmeter zu Beginn der zweiten Hälfte betrachtete das Team dann als Weckruf, um Leverkusen mit Wucht, Kondition und Qualität in die eigene Hälfte zu drängen. "Wir stecken uns gegenseitig mit positiver Energie an, bekommen dann im Mittelfeld immer mehr Zugriff, haben nach dem Elfmeter ganz wichtige zweite und dritte Bälle gewonnen, die entscheiden, in welche Richtung ein Spiel ausschlägt", erklärte Vize-Kapitän Orban. Das verblüffte selbst Rangnick. "Bei uns hätten alle auf der Tribüne und auch auf der Bank mit einem 2:2 leben können", sagte der Schwabe, "aber die Mannschaft wollte gewinnen und hat auf Sieg gespielt." Auch Hasenhüttl lobte seine Mannschaft: "Es auf dem Spielfeld nicht zu akzeptieren, wenn etwas nicht funktioniert, ist eine Grundeinstellung, die wir versuchen zu predigen."

"Im Moment können wir nix verlieren"

So kann sich das Team auf Leistungssteigerungen in Hälfte zwei regelrecht verlassen - auch aufgrund einer perfekten Kombination aus Willen und athletischer Ausnahmestellung, die RBL ganz offensichtlich hat. Dazu wirkt die Leipziger Erfolgself nach den teils zäh errungenen Siegen im vergangenen Zweitligajahr in dieser Spielzeit regelrecht befreit. "Im Aufstiegsjahr hatten sie sehr viel Druck, viel verlieren zu können", erklärte Hasenhüttl. "Im Moment können wir nix verlieren, sondern nur gewinnen. Dieser positive Stress, diese Motivation, die jetzt dazu kommt, führt dazu, dass die Mannschaft unglaublich cool ist." Dazu trägt auch die hervorragende motivationale Betreuung bei. Hasenhüttl und Teampsychologe Sascha Lense hatten sich vor der Partie wieder eine treffende Motivations-Metapher einfallen lassen, um die Mannschaft zu pushen: Das Eisbergmodell kennt man eigentlich aus der Freud’schen Psychologie. Das Trainerteam übersetzte das Bild auf die Leistungsfähigkeit des Teams, bei der aktuell nur die Spitze des Eisbergs zu sehen sei. Viel mehr schlummere noch unter der Oberfläche.

"Wir haben vor dem Spiel versucht, der Mannschaft ihr wahres Potenzial zu zeigen und dass wir heute alles davon brauchen werden, weil Leverkusen ein starker Gegner ist", sagte Hasenhüttl. "Vieles von dem, was wir an Potenzial haben, war noch gar nicht so sichtbar." Orban, der beim Siegtreffer zum 3:2 sein erstes Bundesligator erzielte, hilft diese Art der Motivation: "Solche Bilder sind immer wieder eine schöne Inspiration, die uns verdeutlichen, wie viel Potenzial in uns steckt. Gestern haben wir bewiesen, dass der Eisberg sehr, sehr groß ist. Einiges sieht man schon, unter Wasser ist noch sehr viel mehr." Anfeindungen der Gegner, wie die Farbbeutel-Attacke auf den Teambus auf dem Weg zum Stadion, verstärken Selbstvertrauen und Zusammengehörigkeitsgefühl der Mannschaft nur.

Zwar weiß auch Orban, dass sein Team "in den entscheidenden Momenten das Matchglück" hatte, "dass du brauchst, um so ein Spiel auswärts zu gewinnen". Doch dieses Glück müsse sich die Mannschaft weiter erarbeiten, "dass wir unsere Serie so lang wie möglich aufrecht erhalten." Bange, dass das jüngste Team der Bundesliga irgendwann einbrechen könnte, haben jedenfalls weder die Spieler noch Boss Rangnick. "Die Mannschaft wirkt sehr gefestigt. Ich sehe keinen Grund, weshalb sich irgendwas ändern sollte, wenn die Mannschaft weiter so fokussiert auf den nächsten Gegner bleibt." Derzeit spricht viel dafür, dass die letzte Partie dieses Jahres - das Gastspiel der Leipziger in München am 21. Dezember - ein wahres Gipfeltreffen wird.

Quelle: ntv.de