Sport
Leipzig international?
Leipzig international?(Foto: imago/Contrast)
Sonntag, 06. Mai 2018

Häme für Wolfsburgs Labbadia: RB Leipzig träumt von der Königsklasse

Von Ullrich Kroemer, Leipzig

Während die Wolfsburger Fans ihre desolates Team verspotten, das dem Abstieg entgegen taunelt, denken erleichterte Leipziger plötzlich wieder an die Champions League. Noch sei nichts ausgeschlossen, behauptet Ralf Rangnick.

Leipzigs Spieler nahmen sich für die Ehrenrunde im Stadion Zeit, viel Zeit. Langsam trabte der Jubelpulk von Tribünenseite zu Tribünenseite, um nach dem 4:1 (2:0) gegen den VfL Wolfsburg den Moment des Jubels ausgiebig auszukosten. Nach vier Klatschen in den vergangenen fünf Spielen wirkte der ungefährdete Sieg und das erleichterte Gefühl danach an diesem Samstagnachmittag wie ein heilsamer Balsam für die angeschlagene Leipziger Seele. "Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich in den letzten 20, 30 Minuten mal so ruhig draußen gestanden hätte", sagte RB-Trainer Ralph Hasenhüttl. Ein Spiel wie eine Kur an diesem vorletzten Spieltag der Fußball-Bundesliga.

"Wir haben Bruno Labbadia."
"Wir haben Bruno Labbadia."(Foto: dpa)

Und mittendrin der langjährige Kapitän und Fanliebling Dominik Kaiser, der nach 171 Spielen für die Leipziger RB bei seinem letzten Heimspiel aufs Feld führen durfte, von den Anhängern innig gefeiert und von den Kollegen vor dem Fanblock auf Händen getragen wurde. "Wir haben mit viel Leidenschaft und Hingabe den Bock umgestoßen", sagte Hasenhüttl. "Dominik Kaiser war dabei ein belebender Faktor für uns, was die Mentalität angeht", erklärte der Chefcoach. "Er bringt sehr viel positive Energie in die Mannschaft, weil er ein sehr gutes Standing im Stadion hat. Ich ziehe alle Hüte vor ihm, die ich habe."

Die Wolfsburger hingegen standen nach der erneut demoralisierenden Pleite so bedröppelt auf dem Rasen wie RB vor Wochenfrist in Mainz. Der konsternierte Abwehrspieler Ohis Felix Uduokhai, der sich haarsträubende individuelle Fehler geleistet hatte, musste von den Kollegen und seinem Trainer getröstet werden. Und einige Fans sangen hämisch: "Wir steigen ab, wir kommen nie wieder, wir haben Bruno Labbadia." Abstiegskampf ist dreckig. Dabei hatten die Wolfsburger, nach zwei bitteren Niederlagen zuletzt, gut begonnen. In den ersten 25 Minuten war der VfL das bestimmende Team, kombinierte sich gefällig durch die Leipziger Defensive und hatte Gelegenheiten durch Divock Origi (2.) und Josip Brekalo (9.). "Wenn wir die gefährlichen Szenen etwas besser ausspielen und konsequenter sind, gehen wir 1:0 in Führung", sagte Kapitän Maximilian Arnold konsterniert. "Aus unerklärlichen Gründen haben wir uns aber immer mehr nach hinten drücken lassen." Auch Leipzigs Chefcoach bestätigte: "Wir haben sehr unsicher gewirkt am Anfang."

"Er hat Talent im Überfluss"

Es hätte also auch anders kommen können. Doch im Gegensatz zu den jüngsten Auftritten nutzte Rasenballsport gleich die erste Gelegenheit, als der starke Jean-Kévin Augustin mal bis zur Grundlinie durchging - eine Qualität, die den Leipzigern zuletzt komplett abging - und Leihspieler Ademola Lookman bediente, der traf (24.). Überhaupt war das Duo Lookman/Augustin das prägende an diesem Nachmittag. Augustin leitete auch das 2:0 durch Timo Werner ein (34.), der erstmals seit Mitte März wieder in der Bundesliga traf, und erzielte das 4:1 nach einem herrlich direkt herauskombinierten Konter selbst (63.). Lookman, den RB gern halten würde, der aber einen Vertrag beim FC Everton hat, machte nach Vorarbeit von Werner seinen ersten Doppelpack für RB perfekt (52.).

Schwankend: Augustin, Mitte.
Schwankend: Augustin, Mitte.(Foto: dpa)

Zur Leistung des zwischen leidenschaftlichem und pomadigem Spiel schwankenden Augustin sagte Sportdirektor Ralf Rangnick: "Er hat Talent im Überfluss. Der Schlüssel ist, mit welcher Grundeinstellung er das auf den Platz bringt und was er bereits ist zu investieren. Das, was er heute gezeigt, ist für mich Benchmark. Das möchte ich in jedem Spiel sehen." Auffällig war auch: Anders als zuletzt ließ sich RB auch von Rückschlägen wie dem verweigerten Tor von Augustin wegen strittiger Abseitsposition Mitte der ersten Hälfte, noch dem Anschlusstreffer der Wolfsburger durch Daniel Didavi kurz nach der Pause (47.) nicht beeindrucken. "Wir haben uns diesmal von dem Rückschlag Anfang der zweiten Hälfte nicht beirren lassen, sondern mit klarem Kopf nach vorn gespielt und den Fehler von Wolfsburg eiskalt ausgenutzt", lobte Kapitän Kaiser. "Das war kein Feuerwerk heute, aber eine sehr konstante Leistung mit wenig Fehlern."

Und die Wolfsburger Defensive half freundlich mit, RB wieder aufzurichten. Unglücksrabe Uduokhai machte den eigentlich schon geklärten Ball vor Werners 2:0 wieder scharf und leitete durch einen Ballverlust das 3:1 ein. Bruma ließ den Ball beim 2:0 durch die Beine über die Torlinie. "Diese groben, individuellen Fehler brechen uns das Genick", sagte "Wölfe"-Spielführer Arnold. "Aber wir sind alle nur Menschen." Trainer Labbadia betonte: "Ich finde es gut, dass die Mannschaft nach Abpfiff geschlossen zu Felix Uduokhai gegangen ist, um ihn aufzurichten. Das ist ein junger Mensch, der die Fehler nicht absichtlich macht."

Beide Teams haben nun ein Endspiel

Ein Schlüssel für den ersten Leipziger Erfolg nach fünf sieglosen Spielen war auch die kompaktere Defensive. Rasenballsport verteidigte im Rückwärtsgang mit zwei Viererreihen. Auch die Spielmacher Kaiser und Lookman zogen sich stets diszipliniert mit zurück und boten ebenso wie Kevin Kampl, der in der Nacht vor dem Spiel Vater wurde und kein Auge zugetan hatte, eine starke Defensivvorstellung. Auch bei der Verteidigung von Standards - Problemzone der Hausherren. "Heute waren wir elf Mann auf dem Platz, die richtig gut gegen den Ball gearbeitet haben", lobte Keeper Gulacsi, der dem Team eine "erwachsene Leistung" attestierte.

So haben beide Teams am letzten Spieltag ein Finale. Die komplett verunsicherten Wolfsburger müssen mit zumindest einem Remis gegen den abgestiegenen 1. FC Köln wenigstens Relegationsrang 16 verteidigen. "Das wird ein Gedulds- und Nervenspiel", prophezeite Labbadia. Die am Boden liegende Mannschaft in der letzten Trainingswoche erneut aufzurichten, dürfte die größte Aufgabe dabei zu sein.

Und RB hat plötzlich sogar wieder Chancen auf die Champions League, kann aber auch die Europaliga noch verspielen. "Wir können rechnerisch immer noch auf einen Champions-League-Platz kommen, wenn Hoffenheim und Leverkusen verlieren. Das mag nicht besonders realistisch klingen, aber es ist auch nicht ausgeschlossen", befeuerte Rangnick. "Das ist immer noch möglich." Leipzigs Vordenker forderte vor dem letzten Saisonspiel bei Hertha BSC: "Wir müssen unsere ganze Konzentration auf das Spiel in Berlin richten und noch einmal alles investieren. Wir müssen gewinnen und trauen uns das auch zu." Und Keeper Gulacsi erinnerte an das verlorene Hinspiel. "Wir haben mit der Hertha noch eine Rechnung offen." Signal an die Konkurrenz: Noch hat RB die Königsklasse nicht aufgegeben.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de