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Hängende Köpfe in Leipzig. Was hinten verbockt wird, kann bei den Sachsen vorne nicht ausgebügelt werden.
Hängende Köpfe in Leipzig. Was hinten verbockt wird, kann bei den Sachsen vorne nicht ausgebügelt werden.(Foto: imago/Contrast)
Sonntag, 22. April 2018

Gegentorflut statt Königsklasse: RB Leipzig wird zur Schießbude der Liga

Von Ullrich Kroemer, Leipzig

Nach dem 2:5-Debakel im Schlüsselspiel um die Champions-League-Qualifikation gegen Hoffenheim hat RB Leipzig die Königsklasse abgehakt. Stattdessen hadert das Team mit der Verunsicherung im Saisonendspur. Eine Charakterfrage.

Emil Forsberg stand nach der Roten Karte gegen ihn mit verschränkten Armen zwischen den Mannschaftskabinen im Leipziger Stadion und schaute stumm nach oben auf einen Fernseher. Auf dem Bildschirm war zu sehen, wie der Rest der Leipziger Mannschaft ebenso stumm Arm in Arm vor dem Fanblock stand und von ein paar Hundert Anhängern getröstet wurde.

Nach der desaströsen 2:5 (0:3)-Pleite von RB Leipzig gegen die TSG Hoffenheim im sogenannten Endspiel um die Champions-League-Qualifikation konnte man förmlich dabei zusehen, wie die "Königsklassen"-Träume der Leipziger platzten. "Über die Champions League zu reden, können wir jetzt abschließen", sprach denn auch Keeper Peter Gulacsi ehrlich am Sky-Mikrofon aus. Trainer Ralph Hasenhüttl mochte nach der dritten Klatsche in den vergangenen vier Spielen gar nicht mehr von der "Königsklasse" sprechen.

TSG-Chefkoch Gnabry (l.) und sein Souschef Amiri hatten es in Leipzig einfach.
TSG-Chefkoch Gnabry (l.) und sein Souschef Amiri hatten es in Leipzig einfach.(Foto: imago/Karina Hessland)

"Wir kassieren zu einfache Tore. Den Vorwurf mache ich meiner Mannschaft", sagte Hasenhüttl. "Wenn wir nicht in den letzten drei Spielen eine Schippe drauflegen und diese Fehlerketten abstellen, haben wir da oben nichts verloren. Dann haben wir vielleicht nette individuelle Qualität, aber nicht die Qualität als Mannschaft da oben zu stehen." Und auch Sportdirektor Ralf Rangnick trat mit Sorgenfalten auf der Stirn und einem Fragezeichen dahinter vor die Mikrofone. "Wenn du so viele Tore kassierst, kannst Du keine Spiele gewinnen. Die Gegentorflut und die vielen Chancen, die wir zulassen, machen mir Sorgen." Als Grund dafür nannte der frühere Hoffenheimer konsterniert: "Wir verteidigen als Mannschaft nicht mehr so wie vorher. Wenn wir so spielen, werden wir auch die letzten drei Spiele nicht gewinnen."

Nagelsmann: "Das Ergebnis ist deutlich zu hoch ausgefallen"

RB hatte nicht schlecht, aber zu harmlos in der Offensive begonnen. Wie Lukas Klostermann weder selbst abschloss, noch rechtzeitig auf Timo Werner passte und sich stattdessen kläglich den Ball abnehmen ließ (11.), war sinnbildlich für die derzeitige Leipziger Verunsicherung. Diego Demme (13.) und Ademola Lookman (35.) scheiterten am guten TSG-Keeper Oliver Baumann. Wegen dieser ersten halben Stunde war TSG-Trainer Julian Nagelsmann trotz des Kantersieges nicht zufrieden mit dem Spiel seines Teams. "Das war ein lauer Sommerkick von uns, das hat mir nicht gefallen", sagte Nagelsmann. "Das Ergebnis ist deutlich zu hoch ausgefallen. Ich will mich nicht entschuldigen für den Sieg, aber wir wissen, dass wir es besser können." Und: "RB war heute einen Tick stärker als wir."

Angesichts der Effektivität, der Wucht und der Präzision, mit der die nun fünftplatzierten Hoffenheimer ihre Chancen nutzten und Leipzig zerlegten, eine zumindest skurrile Einschätzung. Die ersten beiden Hoffenheimer Tore entsprangen individuellen Leipziger Fehlern. Keeper Gulacsi ließ einen Schuss von Nico Schulz abklatschen, sodass Marc Uth zum 1:0 abstauben konnte (14.). Vor dem 2:0 vertändelte RB-Kapitän Willi Orban den Ball anfängerhaft in der eigenen Hälfte, Uth holte sich das Spielgerät mit grenzwertigem Köpereinsatz. Der starke Nadiem Amiri bediente Serge Gnabry, der aus kurzer Distanz traf (35.).

Harte Strafe gegen Forsberg

Der Griff an die Gesäßtasche - Emil Forsberg ahnt, was kommt.
Der Griff an die Gesäßtasche - Emil Forsberg ahnt, was kommt.(Foto: imago/Karina Hessland)

Dem 3:0 ging ein Ball des erneut genialen Gnabry in den Rücken der indisponierten RB-Abwehr voraus, den Uth auf Kaderabek flankte, der zu seinem ersten Bundesligatreffer vollstreckte (45.). "Mit dem klaren Anlaufen haben wir die Fehler der Leipziger erzwungen. Das war unser Plan, dass wir das dann so eiskalt ausnutzen, war perfekt für uns", sagte Matchwinner Uth. Wenn es noch eines Impulses bedurfte, dass Leipzig endgültig ausgeknockt wird, dann lieferte ihn Schiedsrichter Tobias Welz. Der Referee ließ ein sekundenlanges Halten von Florian Grillitsch so lange laufen, bis sich Forsberg losriss, dabei Grillitsch traf und dafür vom Platz flog (47.). Eine überharte Entscheidung. Gelb für beide hätte es getan. So war die geplante Leipziger Aufholjagd beendet, ehe sie begonnen hatte.

Nach Abpfiff waren Forsberg mit Trainer Ralph Hasenhüttl und Klubboss Oliver Mintzlaff in der Schiedsrichter-Kabine, um Welz mitzuteilen, was sie von der Entscheidung halten. "Ich treffe ihn, zwar nicht hart und nicht im Gesicht, aber genug, dass er fällt. Dann bekomme ich die Rote Karte. Das tut mir leid", sagte Forsberg. "Natürlich sollte ich meine Hände besser unten lassen, aber der Schiedsrichter kann das verhindern, indem er früher pfeift. Dann kommt es gar nicht zu der Situation."

Zwar erzielte der eingewechselte Naby Keita noch das sehenswerte 1:3 (59.), als er sich akrobatisch durch zwei Gegenspieler hindurchwand und abzog. Doch Hoffenheim konterte direkt in den Leipziger Jubel hinein durch Uth, der das 4:1 per Kopf nach Flanke von Kramaric einnickte (59.) - ein desaströses Abwehrverhalten der Leipziger Hintermannschaft. Weder konnte Kapitän Orban, der kurz darauf ausgewechselt wurde, die Flanke verhindern, noch konnten Ibrahima Konaté und Lukas Klostermann Uth am Kopfball hindern.

Zerfallserscheinungen im einst so kompakten Leipziger Team, sodass der eingewechselte Lukas Rupp nach Flanke von Amiri auch noch zum 5:1 traf (65.). Das 2:5 durch Upamecano nach Vorarbeit von Lookman war nur noch Ergebniskosmetik (88.). Hasenhüttl, dessen Plan, mit Diego Demme und Stefan Ilsanker im defensiven Mittelfeld kompakter zu stehen, nicht aufging, rief die letzten drei Spiele nun zur Charakterfrage für sein Team aus. "Ich möchte jetzt den Charakter meiner Truppe sehen", sagte der Trainer. "Den Charakter der Zuschauer habe ich heute gesehen, der spricht für das, was wir hier aufgebaut haben." Damit meinte der Chefcoach allerdings jene, die die Mannschaft trotz des Debakels unterstützten. Von denen, die nach dem 1:5 in Scharen das Stadion verließen, sprach Hasenhüttl nicht.

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Quelle: n-tv.de