Fußball

Kritik an "Manager-Spielen" Rangnick plant den Red-Bull-Erfolg radikal

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Ralf Rangnick verabschiedete sich nach dem verlorenen DFB-Pokalfinale 2019 vorerst wieder vom Trainerdasein.

(Foto: imago images / Picture Point LE)

Der Getränkekonzern Red Bull leistet sich eine globale Fußballstruktur. Der Mann, der für das Gedeihen der Idee verantwortlich ist, heißt Ralf Rangnick. Als Sportdirektor und Trainer kennt er das RB-Unternehmen bestens. Nun arbeitet er hart daran, den Erfolg planbar zu machen.

Ralf Rangnick hat Zeit mitgebracht für das Gespräch über seine neue Aufgabe. Als er als Trainer und Sportdirektor von RB Leipzig noch in verantwortlicher Position war, stand Rangnick stets unter Strom. Anderthalbstündige Gespräche wären da gar nicht denkbar gewesen. Doch in seiner neuen Funktion als Chefplaner und -Berater des Red-Bull-Fußballs, kann Rangnick ausgeruhter berichten.

Ein knappes Jahr ist es nun her, dass der 61-Jährige seinen Job als zentraler sportlicher Entscheider bei RB Leipzig aufgegeben hat, um sich als Klubarchitekt und Supervisor des Red-Bull-Klubsystems stärker strategisch um die Vernetzung der Fußball-Filialen zu kümmern. Bei RB Leipzig ist er als Berater auf den Akademie-Fluren und als Beobachter auf dem Trainingsplatz zwar noch präsent, hat seine neue Schaltzentrale aber inzwischen wieder in der Leipziger Innenstadt in den alten Geschäftsstellenräumen von Rasenballsport. Dort entsteht sportlich ebenso wie aus Marketingperspektive ein neuer globaler Thinktank für alle Standorte des Konzerns.

Der Abstand zu Trainer und Mannschaft von RB Leipzig ist dabei "derzeit größer, als ich das selbst vorher gedacht hätte", sagt er. "Aber es hat sich als richtig erwiesen, das so zu machen. Ich wollte, dass Julian Nagelsmann die Chance hat, seine eigenen Erfahrungen zu machen. Das ist für ihn einfacher, als wenn ich als Sportdirektor noch täglich präsent gewesen wäre."

Rangnick will es besser machen als Man City

Der einst omnipräsente Rangnick tritt derzeit öffentlich wenig in Erscheinung. Vielmehr tüftelt er im Hintergrund an Aufbau und Entwicklung der Red-Bull-Klubs. "Für mich ist entscheidend, dass sich Dinge entwickeln lassen. Wenn du im Moment des Erfolgs die Hände in den Schoß legst und denkst, dass alles läuft, bist du schon auf dem falschen Weg. Es ist immer wichtig, dass du versuchst vorauszusehen", sagt er. "Was passiert als Nächstes? Wohin geht die Reise? Welche Entscheidungen musst du treffen, um deiner Zeit voraus zu sein?"

Mit der stärkeren Vernetzung des neuen Red-Bull-Klubs Bragantino, des New Yorker Klubs sowie RB Leipzig will Rangnick den Konkurrenten erneut einige Schritte voraus sein. Nur die Man City Football Group hat weltweit eine vergleichbare Klubstruktur. Doch Rangnick betont, dass am Ende der vergangenen Saison drei der inzwischen neun Klubs abgestiegen seien: in den Niederlanden, Spanien und Uruguay. "Ganz offensichtlich gibt es in der City Football Group niemanden, der für die globalen sportlichen Vernetzungen zuständig ist und der versucht hat, die Abstiege zu verhindern", sagt Rangnick. "Der Unterschied ist, dass wir derzeit wohl der einzige Fußballkonzern weltweit sind, der seine drei Klubs so stringent mit gleicher Philosophie und Spielidee sportlich vernetzen und davon profitieren möchte."

Ziel ist es, in Nord- und Südamerika ebenso zur Ligaspitze zu zählen, wie in Leipzig, um die Karrieren der Spieler und im Idealfall die anderen beiden Klubs voranzubringen", sagt Rangnick. "Und wenn in zwei Jahren Spieler den Weg nach Europa beziehungsweise nach Leipzig nehmen können, würde das natürlich Sinn machen."

Dazu hat sich der Schwabe ein Team aus Mitarbeitern zusammengestellt, die bisher bei RB Leipzig angestellt waren. Sein Ex-Co-Trainer Lars Kornetka ist als Vordenker in Sachen Spielphilosophie weltweit unterwegs. Ein Nachfolger von Helmut Groß, der einst Rangnicks Mentor war und im vergangenen Sommer in Rente ging. Die Briten Paul Mitchell und Lawrence Stewart sichten als Chefscouts Talente für die Red-Bull-Standorte.

Neue Standorte könnten Spieler-Zulieferer werden

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Naby Keita kam aus Salzburg nach Leipzig - und erlöste dann durch seinen Wechsel nach Liverpool viele Millionen Euro.

(Foto: imago images/GEPA pictures)

Bereits als Rangnick noch Trainer bei RB war, schloss er sich mit Mitchell und dem Südamerika-Chef Thiago Scouro ein und suchte die 25 passenden Spieler für den neuen Red-Bull-Klub Bragantino aus, der prompt in die erste brasilianische Liga aufstieg. "Das hat gezeigt, dass ein Aufstieg unter gewissen Voraussetzungen sehr wohl planbar ist", sagt Rangnick. Vor dieser Saison nun konnte Rangnick über 20 Millionen Euro investieren - hinter Meister Flamengos und dem Zweiten Palmeiras die größte Transfersumme -, um das Team zu einem klassischen Rangnick-Team umzubauen. "Mehr junge, typische Red-Bull-Spieler, young guns, Spieler mit Tempo, Dynamik, Athletik."

Dafür ließ er die halbe Mannschaft austauschen; Trainer Antonio Carlos Zago ging nach dem Aufstieg nach Japan und wurde durch den jungen Brasilianer Felipe Conceicao ersetzt. Vieles erinnert an Rangnicks Anfangstage bei RB Leipzig und Red Bull Salzburg.

Bei New York gab Rangnick die "dringende Empfehlung", sportliche Expertise dazuzuholen. "Bei meinem ersten Besuch habe ich gespürt, dass es in der sportlichen Leitung ein gewisses Vakuum gibt", sagt er. In Sportdirektor Kevin Thelwell, der bis vor acht Wochen noch bei den Wolverhampton Wanderers war, und Chefscout Paul Fernie, bis zur Winterpause bei Drittligist Wehen-Wiesbaden tätig, fand er die neuen Entscheider.

So könnten beide Standorte in absehbarer Zeit wichtige Zulieferer für RB Leipzig und auch Red Bull Salzburg werden, das laut Uefa-Statuten jedoch nicht zu Rangnicks Aufgabenbereich als Conultant zählen darf. Zählt man noch den österreichischen Zweitligisten FC Liefering hinzu, gibt es im Red-Bull-Universum fünf Klubs, um jedem gewünschten Spieler den passenden Karriereschritt in Aussicht stellen zu können.

Sportlichen Erfolg planbar machen

RB Leipzig - Der moderne Fußball

In seinem Buch "RB Leipzig - Der moderne Fußball" beleuchtet unser Autor Ullrich Kroemer die Entwicklung von RB Leipzig zum nationalen Spitzenklub - und gibt Einblicke in Strukturen und Visionen. Dafür kommen zahlreiche Protagonisten der noch kurzen Vereinsgeschichte genauso zu Wort wie Kritiker des RB-Konstrukts. Das Standardwerk zum Vorzeigeobjekt der Red-Bull-Fußball-Strategie ist im Verlag Die Werkstatt erschienen und ist auch dort erhältlich.

Das gefällt nicht jedem. Der Sportökonom und frühere DFL-Geschäftsführer Christian Müller etwa sagt in dem Buch "RB Leipzig - Der moderne Fußball": "Im Red-Bull-Reich haben wir einen Verschiebebahnhof, wo Spieler gehortet und nach Bedarf auch ganz kurzfristig hin und her verschoben werden können. So könnten theoretisch die besten Spieler vom Markt genommen und auf die Red-Bull-Vereine verteilt werden, um sie den Konkurrenten vorzuenthalten und situationsbedingt dort einzusetzen, wo es den größten Effekt verspricht. Müller bezeichnet das als "Manager-Spiele, die nicht mehr rein virtuell sind. Das ist eine Form von Wettbewerbsverzerrung."

Allein, verboten ist der Besitz mehrerer Klubs nicht, solange die Verbände die Integrität des Wettbewerbs nicht gefährdet sehen. Zwischen Klubs verschiedener Erdteile, die in unterschiedlichen Kontinentalverbänden Mitglied sind, gibt es derzeit eh keinerlei Beschränkungen seitens der Fifa.

Rangnick selbst treibe ohnehin die sportliche Vision an, nicht die Marketingperspektive: "Ich persönlich habe meinen Job nie gemacht, damit Red Bull mehr Dosen verkauft", beteuert er. "Das war nie mein Antrieb und ist grundsätzlich auch ein Klischee aus den Anfangszeiten. Mir ging es immer darum, sportlichen Erfolg zu haben und diesen mitzuplanen und zu entwickeln."

Dass er eines Tages wieder zurückkehrt ins Rampenlicht eines namhaften Klubs, mag er nicht ausschließen. Gespräche und eine Anfrage des AC Milan habe es gegeben. Doch aktuell ruht das Thema. "Für mich geht es darum: Hast du das Gefühl, dass du einen gewissen Einfluss hast?", sagt er. Ein Club Builder wie er könnte sich nur dann vorstellen, eine neue Aufgabe anzunehmen, wenn er die nötigen Veränderungen auch ohne Kompromisse umsetzen könnte.

Quelle: ntv.de