Fußball

Demonstrativ auf Wellenlänge Rangnick und Nagelsmann zeigen Einigkeit

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Gemeinsam beim Schiedrichter: Julian Nagelsmann und RalfRangnick diskutieren mit felix Brych und seinen Assistenten.

(Foto: imago/Matthias Koch)

Zähes Spiel, spannender Taktik-Schlagabtausch, launiges Gespräch: Beim Remis zwischen Leipzig und Hoffenheim lassen Julian Nagelsmann und sein künftiger Mentor Ralf Rangnick die Muskeln spielen. Sie lassen ahnen, was möglich ist, wenn sie gemeinsam Matchpläne aushecken.

Als das dritte und letzte Duell in dieser Saison zwischen den Fußballtrainern Ralf Rangnick und Julian Nagelsmann vorüber war, konnte man einen guten Eindruck davon bekommen, wie es laufen wird, wenn beide in der kommenden Saison auf der gleichen Seite stehen. Im Gespräch nach dem zähen 1:1 (0:1) zwischen RB Leipzig und der TSG Hoffenheim spielten sich der 60 Jahre alte Rangnick und sein knapp halb so alter Nachfolger Julian Nagelsmann die Bälle zu. Nagelsmann berichtete ungewohnt freimütig davon, dass er Leipzig "sehr, sehr schön" finde und die Stadt "schon relativ lange kenne", da ihn der Ralf schon mehrfach eingeladen habe. Sogar eine "sehr schöne Wohnung" habe er bereits gefunden.

Launig unterhielten sie sich über ihre Zettel-Wirtschaft, mit der die Taktik-Vordenker ihren Spielern die zahlreichen Umstellungen weitergaben. "Sie kennen das berühmte Spiel Flüsterpost, bei dem am Ende in den seltensten Fällen das herauskommt, was am Anfang gesagt wurde. Einen Kuli hat keiner dabei, insofern ist ein Zettel manchmal ganz ratsam", sagte Nagelsmann. Rangnick fügte an: "Flüsterpost kannte ich bisher noch nicht, wir haben früher immer stille Post dazu gesagt." Keine Frage: Hier demonstrierten zwei Fußballlehrer glaubhaft, dass sie auf einer Wellenläge sind und auch gut zusammenarbeiten können.

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Hör gut zu: Nagelsmann und Florian Grillitsch.

(Foto: imago/Picture Point LE)

Am Montagabend aber waren sie Gegner, die sich alles abverlangten. Während diese Partie zum Abschluss des 23. Spieltags der Bundesliga kein "Leckerbissenspiel" war, wie Rangnick einräumte, weil sich angesichts des Pressing-Stresses, den beide Teams entwickelten, kaum kontrollierte Spielzüge zustande kamen, war es spannend, das Trainerduell zu beobachten. Nach zwei Siegen für RB in der Hinrunde (2:1) und in der zweiten Pokalrunde (2:0), bei denen Rangnicks Taktik besser aufgegangen war, forderte Nagelsmann seinen künftigen Sportdirektor und Mentor im dritten Vergleich diesmal voll und ganz.

Denn darauf, dass Hoffenheim mit Viererkette und dem zentralen Abwehrspieler Florian Grillitsch mal als Sechser, mal als Aufbauspieler im Abwehrverbund agierte und Joelinton einen Zehner gab, der teils an der Mittellinie ackerte, Leipzigs Spielermacher Diego Demme ausbremste und RB damit am Spielaufbau hinderte, hatte Rangnick in der Form nicht gerechnet. Nagelsmann erklärte: "Florian Grillitsch war bei eigenem Ballbesitz in der Dreierkette und defensiv als zentraler Verteidiger auf der Sechs eingeteilt und hat es speziell in der ersten Halbzeit sehr, sehr gut gelöst." Auch Joelinton habe es "ordentlich gemacht".  Eine Untertreibung. Der 1,86-Meter-Mann ackerte unermüdlich und nahm den sonst so ballsicheren Demme komplett aus dem Spiel, bis der entnervt ausgewechselt wurde.

RB Leipzig ist keine One-Man-Show

Eine neues taktisches Mittel gegen das sonst so dominante Spiel der Leipziger durchs Zentrum, das so in dieser Saison noch kein Team gespielt hat. Nicht von Ungefähr war es auch Joelinton, der das frühe 1:0 durch Andrej Kramaric mit einer Balleroberung erst einleitete und dann mit seinem wuchtigen Schuss, den RB-Keeper Peter Gulacsi nur abklatschen lassen konnte, vorbereite (23.). Ein Treffer aus dem Taktik-Lehrbuch, den sich Nagelsmann genauso vorher ausgemalt haben könnte.

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Doch lieber von Beginn an: Tyler Adams.

(Foto: imago/Karina Hessland)

RB hingegen fand in der 5-3-2-Grundordnung in der ersten halben Stunde keinen Zugriff, verlor zu viele Zweikämpfe, immer wieder viel zu schnell auch den Ball und bekam keine Ordnung ins Spiel. So räumte Rangnick ein: "Wenn ich die Uhr zurückdrehen könnte, hätten wir von Beginn an in der uns vertrauten 4-2-2-2-Grundordnung gespielt und Tyler Adams von Anfang an gebracht." Dabei, so Rangnick, hatte er "das Gespür, dass Hoffenheim vielleicht nur mit zwei Innenverteidigern beginnt. Ich habe die ganze Woche über mit meinem Trainerstab diskutiert." Darüber, dass er dennoch mit Fünferkette begann, "ärgere ich mich ein kleines bisschen", bekannte der Perfektionist. Auch hier zeigte Rangnick seinem künftig wichtigstem Mitarbeiter: RB Leipzig ist keine One-Man-Show, hier wird diskutiert und gemeinsam entschieden.

Doch dass Hoffenheim zunächst im Vorteil war, eröffnete nur den offenen Taktik-Schlagabtausch der künftigen Kollegen. Erst reichte Rangnick seiner Mannschaft einen Zettel rein, stellte auf Vierer-Abwehrkette und Raute im Mittelfeld um. Nagelsmann wiederum hatte diese Reaktion erwartet wie ein Schachspieler, der immer zwei, drei Züge vorausdenkt. "Wir hatten es vorbereitet, aber die Anpassung hat länger gedauert", so der 31-Jährige. In der zweiten Halbzeit änderte Rangnick die Ordnung dann nochmals – diesmal konsequent –, brachte Zugang Tyler Adams und später auch Kevin Kampl und ließ im gewohnten 4-2-2-2 agieren. "Dann haben wir es geschafft, das Spiel zu einem Battle zu machen", sagte Rangnick. Daraufhin gab auch Nagelsmann Zettel an seine Spieler weiter und stellte seinerseits noch zweimal um, unter anderem auf Fünferkette. Doch daran, dass RB sich in diesem zähen Match ab der 80. Minute Vorteile erspielte, änderte das nichts.

Alss sei ein Großteil der Zuschauer eingenickt

Immer mehr Flanken brachten Gefahr im Hoffenheimer Strafraum. So entstand auch der Ausgleich durch Innenverteidiger Willi Orban, den Rangnick in der Schlussphase nach vorn beordert hatte und der eine Hereingabe von Marcel Halstenberg so entschlossen ins Tor grätschte, als gelte es eines zu verhindern (89.). Der letzte Coup von Rangnick, der letztlich nicht nur zu einem Remis im Spiel beider Teams, sondern auch zu einem Unentschieden beim Taktik-Schlagabtausch beider Trainer führte. Rangnick stellte hernach lapidar fest: "Dafür sind Trainer da, dass sie strategisch reagieren. Dass es Umstellungen gibt, gehört mittlerweile beim Fußball dazu. Und das ist auch gut so."

Das Publikum übrigens konnte der Taktiererei wenig abgewinnen. Die Atmosphäre unter den gut 33.000 im Leipziger Stadion war mau, teilweise konnte man den Eindruck gewinnen, als sei ein Großteil der Zuschauer bereits eingenickt. Erst nach Orbans Ausgleich erwachte die Kulisse noch einmal für sechs Minuten inklusive Nachspielzeit aus dem Dämmerschlaf. Ein Leckerbissen für Taktik-Nerds sozusagen. So darf man einerseits gespannt darauf sein, was taktisch alles möglich ist, wenn ab der kommenden Saison die beide genialen Strategen ihre Köpfe zusammenstecken und gemeinsame Schlachtpläne aushecken. Andererseits dürfte es eine Herausforderung für das derzeit gute Verhältnis der beiden ehrgeizigen, selbst- und machtbewussten Coaches werden, die Rollen und Kompetenzen klar zu verteilen, wenn es mal unterschiedliche Auffassungen über strategische Ausrichtungen gibt. Die Ex-RB-Trainer Alexander Zorniger und Ralph Hasenhüttl könnten davon berichten.

Vorerst aber sind Nagelsmann und Rangnick voller Vorfreude auf die Zusammenarbeit. "Die künftige Zeit sehe ich hoffentlich sehr erfolgreich, das ist der Grund, warum ich herkomme und wir zusammenarbeiten", sagte Nagelsmann. Der hatte sogar am Spieltag Zeit gefunden, im wahrsten Sinne des Wortes auf seine Zeit in Leipzig vorauszublicken. "Wenn man aus einem relativ hohen Stockwerk seines Hotels auf die Stadt schaut, in der man in drei, vier Monaten lebt, geht einem das schon durch den Kopf. Das ist normal und menschlich", sagte Nagelsmann. Zuvor hatte er kaum öffentliche Gedanken über seinen kommenden Arbeitgeber und seinen künftigen Lebensmittelpunkt zugelassen. Ab Sommer dann können er und RB Leipzig im besten Falle voneinander profitieren.

Quelle: ntv.de, Ullrich Kroemer

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