Fußball

Gefangen in der Brexit-Schleife Rangnicks banges Warten auf die Ausnahme

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Ist Ralf Rangnick der Viktor Navorski des Weltfußballs?

(Foto: picture alliance/dpa)

Ralf Rangnick ist seit Anfang der Woche Interimstrainer von Manchester United. Eigentlich. Wäre da nicht der Brexit, der ihn und seinen neuen Verein verzweifeln lässt. Um in Großbritannien zu trainieren, braucht der Ausnahmetrainer eine Ausnahmegenehmigung von einem Ausnahmegremium.

Erinnern Sie sich noch an Viktor Navorski? Der mit nichts außer seinem Gepäck und einer Erdnussdose am New Yorker JFK-Airport strandet. In dessen Land, Krakosien, ein Bürgerkrieg ausbricht. Das jetzt von den USA nicht mehr anerkannt wird. Der deswegen nicht einreisen und nicht ausreisen kann? Und die nächsten neun Monate im Terminal verbringen muss, dort heimisch wird und allerhand Abenteuer erleben darf.

Steven Spielbergs Film "Terminal" aus dem Jahr 2004 mit Tom Hanks als Navorski über das Verlorensein in einer Welt der Bürokratie und über die Isolation in einem fremden Land wird aktuell vom neuen Trainer von Manchester United, Ralf Rangnick, in England nacherzählt. Natürlich mit neuen Inhalten, mit neuen Problemen. In Rangnicks Heimat, Deutschland, ist nach allem, was wir wissen, kein Bürgerkrieg ausgebrochen und Großbritannien erkennt das Land weiterhin an.

Zu wenige Trainerstunden

Doch der 63-Jährige ist weiter gefangen in einer endlosen Brexit-Schleife und befindet sich zudem nach seiner Ankunft in Manchester in Quarantäne, die er, sollte sein PCR-Test negativ sein, schon bald verlassen könnte. Ansonsten sind Rangnick jedoch die Hände gebunden. Er darf sein neues Team um Superstar Cristiano Ronaldo noch nicht trainieren. Der Grund ist so einfach wie wenig einleuchtend: Der Brexit sorgt weiter für Brexit-Dinge. Und diese Brexit-Dinge hindern Rangnick derzeit massiv an der Ausübung seines Berufs.

Denn den, also den Beruf des Trainers, hatte der in der englischen Presse als "Pate des Gegenpressings" verehrte Rangnick letztmals 2019 ausgeübt. Zu lang her für die harten Regeln im ehemaligen Mitgliedsstaat der Europäischen Union. Weil er nun seit zwei Jahren kein Trainer mehr war und innerhalb der vergangenen fünf Jahre zu wenig Arbeitsstunden als Trainer gesammelt hat, qualifiziert er sich nicht automatisch für eine Arbeitsgenehmigung im Vereinigten Königreich.

Stattdessen wartet jetzt erst einmal ein vom englischen Fußballverband eingesetztes unabhängiges Gremium auf den Deutschen. Beurteilen sollen sie unter anderem, ob der in England jetzt bereits kultisch verehrte, von Jürgen Klopp in höchsten Tönen gelobte Rangnick "in der Lage ist, einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung des Fußballs auf höchster Ebene zu leisten", wie der "Telegraph" berichtet. Das Gremium, ein "Ausnahmegremium", könnte am Ende eines langen Prozesses eine Genehmigung, eine "Ausnahmegenehmigung", erteilen. Dann würde das britische Innenministerium endlich das Visum erteilen.

Kafkaeske Situation

Der Zeitpunkt der Anhörung liegt außerhalb der Kontrolle seines neuen Vereins, bei dem Rangnick nach seiner Aufgabe als Interimstrainer bis zum Saisonende für zwei weitere Jahre als Berater agieren soll. Sie könnte jederzeit einberufen werden, es könnte noch dauern. Eine nachgerade kafkaeske Situation für United und den als Retter angeheuerten Rangnick. Einem System ausgeliefert, das niemand verstehen will oder kann, das derart komplex und verworren ist, dass man nur noch hoffen kann, zumindest den richtigen Raum für den Anhörungstermin zu finden.

Das kann dauern. Lange dauern. Zumindest länger, als es Rangnick lieb sein dürfte. Am Donnerstag empfängt Manchester United im heimischen Old Trafford Arsenal, ein paar Tage später geht es gegen Crystal Palace, dann in der Champions League gegen Young Boys Bern und am 11. Dezember steht eine Reise zum Abstiegskandidaten Norwich City an. In der englischen Presse wird das bereits als Möglichkeit für sein Debüt auf der Trainerbank angegeben. Grundsätzliche Zweifel an den Fähigkeiten des ehemaligen RB-Leipzig-Trainers sollen nicht bestehen, ist zu hören.

Ein Bild in einer Erdnussdose

Neun Monate nach Navorskis Ankunft in New York endet der Bürgerkrieg in Krakosien. Endlich kann er zurück, nicht ohne die Unterschrift Benny Golsons auf einem Bild. Das trug er die ganze Zeit bei sich. In der Erdnussdose. Sein Werk ist vollendet. Dieses Autogramm fehlte seinem Vater noch auf dem berühmten "A Great Day in Harlem"-Bild mit 57 Jazzmusikern, erstmals 1959 im Esquire-Magazin erschienen. Navorksi war es gelungen, aus dem Flughafen zu entkommen. Für diesen einen Moment. Für dieses eine Autogramm.

Ist Ralf Rangnick also der Viktor Navorski des Weltfußballs? Hat der neue Trainer von Manchester United am Ende auch nur eine Erdnussdose mit einem Bild sämtlicher Ballon d'Or-Gewinner dabei? Fehlt ihm nur noch Ronaldos Unterschrift? Da müssen Sie sich keine Sorgen machen. Die Mühlen der Brexit-Bürokratie mahlen langsam, aber sie werden zu einem Ergebnis kommen.

Bis dahin darf er sich noch ein klein wenig wie Tom Hanks in Spielbergs wunderbarem Film fühlen. Und bereits an diesem Donnerstag, sollte er einen negativen PCR-Test vorweisen, als Besucher zum Spiel Manchester United gegen Arsenal ins Old Trafford gehen. An der Seitenlinie aber steht dann Michael Carrick. Der Übergangstrainer wartet weiter auf die Ablösung durch den Interimstrainer.

Quelle: ntv.de

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