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Was plant Zinédine Zidane? Real Madrid verzweifelt am Ronaldo-Dilemma

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Die Cristiano-Ronaldo-Lücke konnte Real Madrid in dieser Saison nicht schließen. Selbst Rückkehrer Zinedine Zidane nicht.

(Foto: imago/Revierfoto)

Real Madrid befindet sich in einer völlig ungewohnten Situation. Bereits im April ist die Saison gelaufen. In der Liga ist der FC Barcelona enteilt, in der Champions League gab's die Schmach gegen Ajax. Wie geht's nun weiter? Eine Frage, die vor allem Zinédine Zidane beantworten muss.

Das ganze Unheil begann am 10. Juli des vergangenen Jahres: An diesem Tag verkündete Cristiano Ronaldo seinen Abschied von Real Madrid und seinen Wechsel zu Juventus Turin. Der Starstürmer der Madrilenen wollte ein neues Kapitel in seiner Karriere schreiben. Zinédine Zidane erkannte die Zeichen der Zeit und räumte seinerseits den Trainerstuhl. Plötzlich stand Madrid ohne ihre beiden wichtigsten Protagonisten vor einer Umbruchsaison, die sich rasch als Albtraum entpuppen sollte.

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Luka Modric und seine Real-Kollegen erlebten gegen Ajax eine historische Champions-League-Ernüchterung.

(Foto: REUTERS)

Erst durfte Ex-Nationaltrainer Julen Lopetegui sein Glück versuchen, um nach erfolglosen Monaten von Santiago Solari abgelöst zu werden. Solari stand an der Seitenlinie, als Madrid im heimischen Estadio Santiago Bernabéu von Ajax mit 4:1 gedemütigt wurde. Nach drei Titelgewinnen in Serie in der Champions League war nun im Achtelfinale Schluss. In ihrer Verzweiflung meldeten sich die Bosse der Madrilenen bei einem alten Bekannten: bei Zinédine Zidane. Dem französischen Fußball-Giganten wurden umfangreiche Machtbefugnisse versprochen, wenn er sich zu einer Rückkehr an seine alte Wirkungsstätte entscheiden könnte. Nach nur neun Monaten war Zidane wieder Cheftrainer bei Real.

Den Umbruch rückgängig gemacht

Eigentlich wollte der 46-Jährige nicht mit dem zu erwartenden Niedergang "seiner" Erfolgs-Mannschaft in Verbindung stehen. Doch die Verlockung, sich ein weiteres Denkmal in Madrid zu setzen, war zu groß. Seit einem Monat ist Zidane wieder in Amt und Würden. Und während die sportliche Trendwende bisher ausblieb, ist seine Handschrift aber von der ersten Minute an zu erkennen. Solari gab der zweiten Reihe um Federico Valverde, Marcos Llorente und Sergio Reguilón eine Chance. Zidane vertraut wieder auf die alte Garde. Marcelo, Isco und Casemiro gehören wieder unangefochten zur Stammelf. Eben jene Spieler, mit denen Zidane die Champions League dreimal hintereinander gewann.

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Karim Benzema ist einer der wenigen Gewinner in dieser Real-Saison.

(Foto: picture alliance/dpa)

Doch die Fragen nach der Zukunft des Kaders bleiben. Da die Saison weitestgehend gelaufen ist, löchert die Presse den Coach unablässig mit Fragen nach Transfers im Sommer. Welche Spieler möchte er loswerden? Welche Megaeinkäufe werden die Madrilenen tätigen? Zidane selbst scheint sich nicht sicher zu sein und analysiert momentan die Situation. Auch aus der Ferne wird der 46-Jährige das Treiben der Mannschaft beobachtet haben. Jahrelang standen Gareth Bale, Marco Asensio und Isco im Schatten von Cristiano Ronaldo. Als sie endlich die Hauptlast tragen durften, tauchte einer nach dem anderen ab.

Nur Benzema überzeugt

"Die Erkenntnis, dass wir diesen Spieler, der aus dem Nichts Tore gemacht hatte, nicht mehr haben, hat uns Angst eingeflößt und viele Punkte gekostet", erklärte Rechtsverteidiger Dani Carvajal in einem Interview mit der "Marca". Lediglich der junge Flügelspieler Vinícius Júnior und Stürmer Karim Benzema konnten in dieser Saison überzeugen. Gerade Benzema versucht so viel wie möglich von der einstigen Rolle Ronaldos zu übernehmen – und beackert dafür das Offensivzentrum und die linke Seite zugleich.

Der Franzose erhält dafür endlich die Anerkennung im Verein und bei den Fans, die ihm eigentlich seit langem zusteht. Doch selbst der spielintelligente und technisch versierte Benzema kann Ronaldo nicht vollends ersetzen. "Man kann machen, was man will, aber Cristiano kann nicht ersetzt werden. Er ist weg und wir können Spieler bringen, die aber nicht das tun, was Cristiano getan hat. Das ist das Leben", sagte Zidane auf der Pressekonferenz vor dem letzten Spiel gegen Leganes, das in einem glanzlosen 1:1 endete.

Die Gerüchteküche brodelt

Die Madrilenen werden traditionell mit jedem offensiven Topspieler Europas in Verbindung gebracht. Dafür haben sie in der Vergangenheit bereits sehr häufig das Scheckbuch gezückt und gerade für Stürmer absurde Summen geboten. Zudem könnten Verkäufe von Bale, Isco oder James Rodríguez, der aktuell noch an den FC Bayern ausgeliehen ist, einiges an Geld in die Kasse spülen, um die Regularien des Financial Fairplay der Uefa einzuhalten.

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Luka Jović spielt bei Eintracht Frankfurt eine sensationelle Saison. Das wissen sie auch bei Real Madrid.

(Foto: REUTERS)

Hartnäckige Gerüchte gibt es unter anderem um Luka Jović von Eintracht Frankfurt, um Benfica-Stürmer Joao Félix und um Chelseas Eden Hazard. Gerade der Belgier sollte, geht es nach den Spekulationen der spanischen Presse, schon mehrfach ins Real-Trikot schlüpfen. Zidane wünscht sich gewiss Neuzugänge, aber keinem kann er nur annähernd die Last auf die Schultern legen, der legitime Ronaldo-Nachfolger zu sein. Selbst Hazard mit all seinem nachgewiesenen Talent kann schwerlich in diese Rolle schlüpfen.

Lehren von Ronaldo

Ronaldo war und ist ein Ausnahmeathlet. Er mutierte gerade in den letzten Jahren zu einem gnadenlosen Torjäger, der insbesondere in der Luft fast unschlagbar scheint. Das weist er in diesen Tagen bei Juventus nach. Am Samstag feierte er mit Turin bereits vorzeitig den Gewinn der italienschen Meisterschaft. Vom verspielten Dribbler, der einstmals Sir Alex Ferguson bei Manchester United zur Verzweiflung brachte, ist nichts mehr übrig.

Ronaldo weiß, dass er sich in einer langen Karriere immer wieder neu erfinden muss, um zu den Besten zu gehören. Real Madrid und Zidane müssen genau das beherzigen. Den Versuch zu unternehmen, das Erfolgsrezept der vergangenen Jahre zu kopieren, ohne das wohl wichtigste Schlüsselelement zur Verfügung zu haben, wird nicht funktionieren. Ganz zu schweigen davon, dass ein Luka Modrić weniger inspiriert spielt als noch in den vergangenen Jahren, ein Marcelo teilweise durch Disziplinlosigkeit auffällt oder ein Sergio Ramos bei weitem nicht mehr der unschlagbare Abwehrboss früherer Tage ist.

Dieses Real Madrid ist nicht mehr jenes von 2016 oder 2017. Daran kann auch Zidane nichts ändern.

Quelle: n-tv.de

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