Fußball

Plausible Löw-Entscheidung Sanés Zeit wird kommen - in vier Jahren

In der englischen Premier League gehört Leroy Sané zu den Top-Fußballern. Dennoch nimmt ihn Bundestrainer Joachim Löw nicht mit zur WM - aus guten Gründen. Die Nicht-Nominierung ist für Sané allerdings nur ein kleiner Rückschlag.

Bundestrainer Joachim Löw hielt am Montag, wie so oft in seiner Karriere bei der Nationalmannschaft, eine Überraschung bereit. Er strich Leroy Sané aus dem endgültigen Kader für die Fußballweltmeisterschaft und verzichtet somit auf einen der Top-Spieler der vergangenen Premier-League-Saison.

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Diese Konstellation ist optimal für Sané. Er ist isoliert auf der Außenbahn und erhält den langen Verlagerungspass.

(Foto: Constantin Eckner)

Sané hatte trotz seiner teils überragenden Leistungen für Manchester City bis jetzt einen schweren Stand im deutschen Team. Die Klasse, die er im Klub demonstriert, übertrug sich kaum auf seine Auftritte im DFB-Trikot. Dafür unterscheidet sich das momentane System von Löw doch zu stark von jenem, das City-Trainer Josep Guardiola in der abgelaufenen Spielzeit praktizieren ließ.

Sané kann vor allem dann glänzen, wenn er auf der Außenbahn viel Platz erhält und ins Dribbling geht. Im Eins-gegen-Eins kommt sein Tempo zur Geltung und er kann gegen die meisten Verteidiger fast schon mit Leichtigkeit zur Grundlinie durchbrechen oder den direkten Weg zum Tor suchen. 17 Vorlagen in 40 Spielen sprechen für sich. Guardiola weiß um die Stärken und Schwächen seines Schützlings, der im Sommer 2016 vom FC Schalke 04 nach Manchester wechselte.

Bei City wird Sané nur selten in den Spielaufbau eingebunden. Er muss sich nicht allzu aktiv am Passspiel beteiligen. Sein Hintermann auf der linken Seite, Fabian Delph, arbeitet dafür umso intensiver und zieht auch mit Läufen ins Mittelfeld die Aufmerksamkeit der Gegner auf sich. Sané genießt indes die Freiheit in der Nähe der Seitenauslinie. Erfolgt dann von rechts oder halbrechts die Spielverlagerung auf den 22-Jährigen, ist er in seinem Element.

Andere Rolle im DFB-Team

"Die Entscheidung war wahnsinnig knapp. Bei einem 100-Meter-Lauf bei Olympia müsste man ein Zielfoto machen", sagte Löw, nachdem er die Nicht-Nominierung Sanés bekanntgegeben hatte. Der Bundestrainer wusste um die Tragweite seiner Entscheidung. Immerhin ließ er einen Offensivspieler zu Hause, von dem momentan ganz Europa schwärmt. Aber der langjährige Chef der Nationalmannschaft stellte das eigene Spielsystem an oberste Stelle.

Er wusste, dass sich Sané im 4-2-3-1 seiner Mannschaft nur schwerlich zurechtgefunden hätte. Denn die Strukturen sind seit jeher auf die wichtigsten Stützen, Toni Kroos und Mesut Özil, ausgerichtet. Insbesondere über Kroos läuft der Spielaufbau der Deutschen. Er lässt sich dafür wie auch in Diensten von Real Madrid auf der halblinken Seite zurückfallen und zieht die Angriffe von hinten auf.

Sané würde sich als linker Flügelangreifer in seiner unmittelbaren Nähe befinden und nicht selten frühzeitig den Ball erhalten. So geschah dies auch im jüngsten Testspiel gegen Österreich. Sané ließ sich in einzelnen Fällen sogar hinter Linksverteidiger Jonas Hector zurückfallen und bot sich als Passempfänger an. Oder wanderte durch die Mitte und positionierte sich unweit von Özil - ungewohntes Terrain für Sané. Er wollte sicherlich zeigen, dass er auch in diesem System seinen wichtigen Beitrag leisten kann. Aber effektiver ist er auf dem offensiven Flügel und mit viel Freiraum um sich herum.

Marco Reus, der höchstwahrscheinlich die Position auf der linken Seite bekleiden wird, wirkt insgesamt flexibler und könnte bei seinem ersten großen Auftritt bei einer Weltmeisterschaft der Schlüssel für die deutsche Mannschaft werden. Reus benötigt weniger Platz, schlängelt sich geschmeidig durch die Halbräume und kann auch bei höchstem Tempo den Ball auf seine Mitspieler ablegen. Backup Julian Brandt, der sich laut Löw knapp bei der endgültigen Kaderauswahl durchsetzte, hat einen ähnlich geradlinigen Stil wie Sané, verhält sich aber im Pressing und Gegenpressing etwas geschickter als der Daheimgelassene.

Schlüsselrolle nach dem Rücktritt von Reus und Co.

Die Nicht-Nominierung ist für Sané jedoch nur ein kleiner Rückschlag. Aufgrund der mangelnden Kompatibilität mit dem aktuellen Spielsystem hätte sich der 22-Jährige in Russland sowieso vornehmlich auf der Ersatzbank wiedergefunden. Aber an der unbestrittenen Klasse von Sané wird der Bundestrainer bald schon nicht mehr vorbeikommen. Zumal sich das Gesicht der DFB-Auswahl nach dieser Weltmeisterschaft oder spätestens nach der Europameisterschaft in zwei Jahren merklich ändern wird.

"Wir werden in Zukunft, ab September, verstärkt mit ihm arbeiten", sagte Löw nun. Viele Schlüsselakteure - wie Kroos, Özil, Reus, Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng - sind allesamt 28 oder 29 Jahre alt und nähern sich dem Herbst ihrer Karrieren. Treten sie erst einmal aus der Nationalmannschaft zurück oder lassen leistungstechnisch nach, muss Löw ein neues Spielsystem aufbauen und auf andere Kicker zuschneiden. Dann schlägt die Stunde von Sané.

Quelle: ntv.de