Fußball

Erster Punktgewinn für Blau-Weiß Schalkes Rausch endet in der späten Ekstase

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Ausgleichsjubel.

(Foto: IMAGO/Moritz Müller)

Im ersten Bundesliga-Heimspiel verhilft der VAR den Schalkern in der Nachspielzeit zum glücklichen, aber nicht unverdienten 2:2 gegen Mönchengladbach. In Sachen Einstellung allerdings bewies das Team von Trainer Frank Kramer seine Erstliga-Tauglichkeit nachdrücklich.

Frank Kramer gilt unter den Bundesliga-Trainern als besonnen und ruhig. Am Samstagabend allerdings ließ sich der neue Chef-Übungsleiter des FC Schalke 04 von der überwältigenden Atmosphäre mitreißen. Als die Gelsenkirchener Kicker im Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach per Strafstoß zum späten Ausgleich kamen - das Tor fiel in der dritten Minute der Nachspielzeit - sprintete der 50-jährige Fußballlehrer mit Vollgas an der Seitenlinie entlang zur jubelnden Spielertraube, dass Mats Hummels vor Neid erblasst wäre.

Der Treffer zum 2:2 (1:0)-Endstand und der damit verbundene erste Punktgewinn für den Aufsteiger, den Marius Bülter mit seinem zweiten Saisontreffer erzielt hatte, ließ nicht nur das Stadion erbeben, sondern war späte, wenn auch glückliche Belohnung für einen in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten Auftritt der Knappen. "Wir haben eine geile Stimmung gehabt, ein gutes Spiel gemacht und leidenschaftlich gefightet", so Kramer und erklärte seinen emotionalen Ausbruch: "Das musste raus. Die Fans haben uns reingepeitscht in dieses Spiel. Unfassbar und unglaublich."

Dass das erste Bundesliga-Heimspiel nach rund 15 Monaten vor einer beeindruckenden Kulisse stattfinden sollte, war nicht anders zu erwarten. Mit 62.971 Zuschauern war das Stadion seit Wochen ausverkauft. Nach dem unglücklichen Auftaktmatch in Köln in der Vorwoche, das die Gelsenkirchener nach etlichen unverhältnismäßigen Eingriffen des Videoassistenten mit 1:3 verloren hatten, merkte man der Mannschaft an, dass sie ihren Fans zeigen wollte, wie sie die Nackenschläge weggesteckt hatte.

Der Zielspieler steht wieder auf dem Platz

Trainer Kramer hatte seine Startelf dazu im Vergleich zum Saisonauftakt auf drei Positionen geändert. Einmal, weil er musste - Dominick Drexler ist nach seiner Roten Karte für zwei Spiele gesperrt - zweimal, weil er wollte. So kam es, dass die blau-weißen Fans ein Wiedersehen mit den Aufstiegshelden Malick Thiaw, Marius Bülter und Simon Terodde feiern konnten, wobei Letzterer den arg holprig in die Saison gestarteten Neuzugang Sebastian Polter im Sturmzentrum ersetzte.

Schon in der Endphase der Aufstiegssaison hatte diese Konstellation oft gefruchtet, und auch diesmal sah es lange Zeit so aus, als sollte Kramers offensichtlicher Anschauungsunterricht zum Erfolg führen. Schalkes Angreifer kamen lange in den besten Zonen zum Abschluss, hatten Chancen und deutlich mehr vom Spiel. Mit Terodde hatte das Team einen klassischen Zielspieler, von rechts wie von links wurde er gesucht. Es war phasenweise ein Abziehbild des Erfolgsrezepts der letzten Spielzeit.

Die Führung durch Rodrigo Zalazar, der aus knapp 25 Metern getroffen hatte, war trotz Gladbacher Dominanz in Sachen Ballbesitz ebenso verdient wie der Halbzeitstand. "Wir haben in den ersten 45 Minuten gut gespielt, viele Nadelstiche gesetzt, Abschlüsse gehabt und waren zwingender vor dem Tor", so Kramer.

Gibt's eine Torhüterdiskussion?

Torschütze Zalazar war bis zu seiner Auswechslung in der 65. Minute einer der auffälligsten Akteure. Einen Tag nach seinem 23. Geburtstag wagte der Uruguayer viele Dribblings und schoss mehrfach beherzt auf das Gladbacher Tor. Ein Jahr lang arbeitete er als Leihgabe von Eintracht Frankfurt bei den Schalkern, im Sommer zogen die Blau-Weißen die vertraglich festgeschriebene Kaufoption. Wie er zeigte auch Schalke am Samstagabend alle Tugenden, die es braucht, um in der Liga zu bestehen. Die Mannschaft machte das, was sie kann und was die Leute im Ruhrpott so lieben: Sie ackerte und raubte ihrem Gegner die Freude am Spiel.

Aber eben nicht über die vollen 90 Minuten. Denn im letzten Spielviertel offenbarte das Knappen-Kollektiv auch jene Untugenden, die das Unternehmen Klassenverbleib schnell in Gefahr bringen können. Da stand die Defensive der Schalker, die zuvor klar und strukturiert agiert hatte, plötzlich recht windschief auf dem Platz. Die Gäste aus Gladbach nutzten das höchst effizient und brauchten gerade mal sechs Minuten, um durch die Tore von Jonas Hofmann (72.) und Marcus Thuram (78.) das Spiel zu drehen.

Und weil das zweite Tor begünstigt wurde von S04-Keeper Alexander Schwolow, der wie schon vor einer Woche in Köln einen sicheren Ball fallen ließ, war damit im Nachgang auch die Torhüterdiskussion eröffnet. "Ich würde das als Missverständnis mit seinen Vorderleuten werten", sagte Kramer und nahm seinen Torsteher in Schutz. "Aber klar, das sah schon sehr unglücklich aus."

Natürlich kommt die Frage nach Transfers

Dass Kramers Gemütslage dennoch eine durchweg erfreuliche war, dafür hatten zu guter Letzt die Gäste in Form von Patrick Hermann gesorgt, der den Ball nach Hereingabe eines Freistoßes per Hand zur Ecke klärte und somit den Elfmeter verursachte - übrigens pikanterweise erst nach Intervention des Videoassistenten. "Ich denke, anderenfalls hätten die Schalker heute keinen Treffer mehr erzielt", sagte Gladbachs Trainer Daniel Farke auf der abschließenden Pressekonferenz.

Es war der erste Punktgewinn auf der langen Reise der blau-weißen Rückkehrer, an deren Ende ein weiteres Jahr Bundesliga-Zugehörigkeit stehen soll. Mehr nicht. Die Nordtribüne des Stadions allerdings bebte nach Spielschluss, als hätte die Mannschaft soeben die Meisterschaft gewonnen, und lieferte damit allerbeste Argumente für den Standort Gelsenkirchen. Die Spieler genossen das Jubelbad und ließen sich minutenlang feiern für einen engagierten Auftritt. "Es wird in dieser Saison Rückschläge geben", so Kramer. "Aber wir müssen immer wieder aufstehen. Es ist unsere verdammte Pflicht, unser Herz auf den Platz zu werfen."

Unvermeidlich waren rund um das Spiel die Fragen an den Sportdirektor, ob er der Mannschaft vor dem Schließen des Transferfensters in gut zwei Wochen nicht noch ein Tuning verpassen möchte, um noch mehr PS auf die Straße zu bringen. Zu entlocken war ihm wie immer nicht viel. "Es wird ohnehin nicht dieser eine Spieler sein, der noch verpflichtet werden könnte", sagte Rouven Schröder. "Das Kollektiv muss es richten." Insofern war die Begegnung am Samstag ein Anfang ...

Quelle: ntv.de

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