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Fußball-Zeitreise, 14. Juli 1979 Sepp Maier ist froh, überlebt zu haben

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Noch in der Nacht des Unfalls drucken große Boulevardblätter ihre Spekulationen zur Unfallursache.

(Foto: imago sportfotodienst)

Die Nachricht ist ein Schock: Im Jahr 1979 verletzt sich Fußball-Weltmeister Sepp Maier bei einem Autounfall schwer - wie die beiden Frauen im anderen Wagen, mit dem das Auto des Torwarts kollidiert. Dass dieses Unglück das Karriereende von Maier bedeutet, ahnt damals noch niemand.

Es sind nur noch sieben Kilometer, die Sepp Maier am 14. Juli 1979 zu fahren hat - doch der Fußball-Nationaltorhüter wird an diesem Abend nicht zu Hause ankommen. Auf der Rückfahrt von einem Freundschaftsspiel in Ulm verliert Sepp Maier auf regennasser Fahrbahn die Kontrolle über seinen Mercedes 6,9 Liter. Die Linkskurve auf einer leicht abschüssigen Straße, die er eigentlich so gut kennt, wird zu seinem Verhängnis. Das Heck dreht sich und der Wagen rutscht auf dem Wasserfilm die Fahrbahn hinab. Aquaplaning. Maier hat keine Chance mehr, seinen Mercedes zu steuern.

Dann tauchen plötzlich Scheinwerfer aus der Dunkelheit auf, kommen immer näher und schon im nächsten Moment kracht das entgegenkommende Auto in den Wagen des FC Bayern München Torwarts. Sepp Maier verliert augenblicklich das Bewusstsein. Als die Sanitäter ihn auf einer Trage in den Krankenwagen wuchten, wird Maier wach. Er schaut sich irritiert um und schreit: "Ich bin gar nicht gefahren ...!"

Noch in der Nacht drucken die großen Boulevardblätter die ersten Schlagzeilen. Sie berichten vom Überlebenskampf Maiers und fragen sich, ob er mit seinem "Luxusauto" womöglich doppelt so schnell unterwegs gewesen sei, wie es erlaubt gewesen wäre. Andere Journalisten stellen die Vermutung an, dass der Torhüter unter Umständen alkoholisiert am Steuer gesessen habe. Auch wenn sich später herausstellen wird, dass beides nicht der Fall war, halten sich diese Gerüchte bis heute hartnäckig. In den ersten Wochen nach seinem Unfall werden alle Zeitungen von Maier ferngehalten. Als er später liest, was in diesen Tagen über ihn, den "Autorowdy" und "Trunkenbold" geschrieben wurde, gesteht er, dass ihn diese Zeilen "fertiggemacht hätten", hätte er von ihnen im Krankenhaus gewusst.

Erst Wochen später kommt er aus dem Krankenhaus

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Das schwer beschädigte Auto von Sepp Maier.

(Foto: imago sportfotodienst)

Doch mit einer Sache hatten die Medien recht: Das Leben des Sepp Maier hing in den ersten Stunden nach dem Unfall am seidenen Faden. Die Ärzte gingen zuerst nur von einigen Rippen- und Knochenbrüchen aus - doch als Uli Hoeneß am nächsten Mittag mit einem befreundeten Professor beim Bayern-Keeper am Krankenbett steht, merken sie schnell, dass das noch nicht alles sein kann. Ohne zu zögern, organisieren sie, dass Maier in ein anderes Krankenhaus verlegt wird. Und dort stellt man fest, dass ein Riss im Zwerchfell dafür gesorgt hat, dass sich die Leber in den Lungenflügel geschoben hatte. Dabei hatten sich bereits über zwei Liter Blut in der Bauchhöhle gesammelt. Die Lage ist für den Torhüter lebensbedrohlich.

Eine große, mehrstündige Operation wird noch für die Nacht anberaumt. Erst Wochen später darf Maier das Krankenhaus wieder verlassen. Er hat aufgrund von künstlicher Ernährung und aus Appetitlosigkeit zu diesem Zeitpunkt mehr als zehn Kilogramm abgenommen - doch die Tränen, die bei der Ankunft zu Hause fließen, sind Tränen der Freude. Der Torhüter ist froh, überhaupt noch am Leben zu sein und dass es den ebenfalls schwerverletzten Frauen aus dem anderen Auto wieder besser geht.

"Die Schmerzen waren einfach niederschmetternd"

In einer großen Story mit dem "Fussball-Magazin" spinnt Maier nur zwei Monate nach seinem Unfall bereits wieder langfristige Pläne für seine Karriere. Er möchte seinen Vertrag bei den Bayern bis 1981 erfüllen: "Wer mich kennt, weiß, dass ich das schaffen kann. Ich werde trainieren wie ein Besessener!", sagt er. Und auch bei der Nationalelf möchte er weiterhin ein Wörtchen mitreden: "Wenn ich auch nur die Nummer zwei sein sollte."

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Maiers Abschiedsspiel beim FC Bayern wäre kurz vor dem Anpfiff fast noch geplatzt.

(Foto: imago/WEREK)

Doch es kommt alles anders, als es sich Maier gedacht und erhofft hatte. Am 21. November 1979 weiß er: "Es ist alles vorbei." Nach einigen verzweifelten Versuchen, ein wenig Gymnastik beim Training an der Säbener Straße zu machen, sieht er ein: "Die Schmerzen waren einfach niederschmetternd."

Am 3. Juni 1980 steht schließlich das Abschiedsspiel des legendären FC Bayern Torhüters an - doch kurz vor dem Anpfiff droht es noch zu platzen. Maier hat sich mit dem aktuellen Trainer der Münchener, Pal Csernai, endgültig überworfen: "Von diesem Arschloch lasse ich mir mein Abschiedsspiel nicht kaputt machen. Von mir aus kann er zusehen, aus der Loge in Reihe 68." Als man Maier sagt, dass es diese Loge gar nicht gebe, erwidert er grinsend: "Eben". Und damit war klar: Seinen Humor hatte der Weltmeister von 1974 bei dieser ganzen tragischen Geschichte nicht verloren.

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Quelle: n-tv.de

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