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Schalke-Boss beugt sich Druck Tönnies hat Schalke 04 verraten

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Clemens Tönnies legte beim FC Schalke 04 alle seine Ämter nieder.

(Foto: imago images / DeFodi)

Für Malocher und Kumpel will der FC Schalke 04 stehen. Aufsichtsratschef Clemens Tönnies vertritt jahrelang konträre Werte, sein Rücktritt kommt zu spät. Nach rassistischen Aussagen hätte Tönnies längst abgesetzt werden müssen, ideell hat er S04 auf Jahre geschädigt.

Die komplette Rückrunde haben die Fans von Schalke 04 nichts mehr zu feiern gehabt, so schlecht spielte ihre Mannschaft. Jetzt jubeln die meisten von ihnen erstmals im Jahr 2020: Denn in dem Moment, da Schalke-Boss Clemens Tönnies nach 19 Jahren alle seine Ämter niederlegt, geht ein Mann, der dem Klub schon lange nicht mehr gutgetan hat. Im Gegenteil: Tönnies tritt die Schalker Ideale seit Langem mit Füßen. Sein Rücktritt ist richtig und überfällig.

Vor einem Jahr hätte bereits das Ende von Tönnies beim FC Schalke verkündet werden müssen. Der Aufsichtsratschef schockierte mit rassistischen Aussagen: Als Redner beim Tag des Handwerks in Paderborn kritisierte er Steuererhöhungen im Kampf gegen den Klimawandel und war der Meinung, man solle man lieber jährlich 20 Kraftwerke in Afrika finanzieren. "Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn's dunkel ist, Kinder zu produzieren." Wütend kritisieren Schalke-Fans den milliardenschweren Unternehmer aus Rheda-Wiedenbrück. Der wollte die Aussagen danach natürlich gar nicht so gemeint haben.

Und rassistisch wären sie ohnehin nicht, urteilte der fünfköpfige Schalker Ehrenrat damals. Kor­nelia Topor­zysek, die das Gremium daraufhin verließ, erklärte vor wenigen Tagen bei 11freunde.de, es sei dort ohnehin nicht um Aufklärung gegangen, sondern um "Loya­lität und Dank­bar­keit gegen­über bestimmten Per­sonen", es herrsche "das System Tönnies", dessen Interessen wichtiger seien als die des FC Schalke. Der Verein versagte, saß den Skandal einfach aus. Die Anhänger schauten fassungslos zu. Tönnies musste nicht mal zittern ob einer möglichen Entlassung.

Boss von Malocherklub beutet Arbeiter aus

Dabei heißt es in der Satzung des Klubs: "Der Ausschluss aus dem Verein kann erfolgen bei (...) grob vereinsschädigendem oder unehrenhaftem Verhalten innerhalb oder außerhalb des Vereins." Auch die Ethikkommission des Deutschen Fußball-Bundes verzichtete darauf, gegen Tönnies zu ermitteln. Er selbst ließ lediglich bis Mitte November sein Amt als Aufsichtsratsvorsitzender auf Schalke ruhen - ein Schlag ins Gesicht für alle, die er mit seinen Aussagen beleidigt hatte, ein Schlag ins Gesicht für alle, die gegen Rassismus kämpfen. Der Schaden für den Verein, den Fußball und die Gesellschaft waren da bereits angerichtet.

Tönnies "unehrenhaftes Verhalten", das schon früher für einen Ausschluss aus dem Verein hätte gesorgt haben müssen, trat nun immer stärker zutage. Bis er selbst die Reißleine zog. Schalke verpasste es erneut, Tönnies für seine Vergehen vor die Tür zu setzen, der als milliardenschwerer und profitgieriger Unternehmer schlichtweg nicht zu dem Kumpelklub passt. Wer unter der Woche - zumeist osteuropäische - Arbeitskräfte ausbeutet (von Tieren gar nicht zu sprechen) und unter äußerst prekären, ja unmenschlichen Bedingungen arbeiten lässt und in der Corona-Krise ihre Leben aufs Spiel setzt, sich am Wochenende aber als Boss eines Malochervereins hochleben lässt, der hätte schon länger nicht mehr Schalke-Chef sein dürfen.

Es waren aber nicht nur die rund 1500 Corona-Fälle in seinem Fleisch-Imperium und sein äußerst fragwürdiger Umgang damit, Tönnies verriet zuletzt immer mehr die Ideale seines Vereins. So ärgerten sich die Schalke-Fans zurecht, dass unter seiner Führung Härtefallanträge für Ticketerstattungen gestellt werden mussten, verbunden mit der Frage, warum Fans das Geld dann überhaupt bräuchten. Der Boss stinkreich, aber der Verein klamm? Das passte für viele nicht zusammen.

Tönnies verrät die Werte von S04

Und dann soll auch noch das Land NRW dem stark verschuldeten Klub mit Steuergeldern aus der Patsche helfen, während der Aufsichtsratschef weiterhin Geld scheffelt? Jahrelang soll Tönnies verantwortungslos millionenschwere Ausgaben abgesegnet haben, um sich danach durch die Vergabe von hohen Darlehen, die er sich angeblich mit bis zu sechs Prozent verzinsen ließ, selbst zu bereichern. Zu Recht fühlten sich die S04-Anhänger angesichts dieser perfiden Machenschaften vorgeführt.

Ähnlich wütend reagierten die Fans auf die Kündigung langjähriger Fahrer der Nachwuchsabteilung auf 450-Euro-Basis, aus "wirtschaftlichen" Gründen ersetzten Subunternehmen die Mini-Jobber. Das Schalke-Leitbild lautet "Wir leben dich" - unter Tönnies' Führung blieb davon kaum noch etwas übrig. Glaubwürdigkeit? Null! Auch die Ausgliederung der Profiabteilung, wodurch Schalke kein eingetragener Verein mehr wäre, soll Tönnies angestoßen haben.

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So konnten die Anhänger sich nicht länger mit ihrem Verein identifizieren. Wie auch? Mehrere Hundert bildeten am letzten Bundesligaspieltag eine Menschenkette rund um die heimische Arena und das Trainingsgelände als verzweifelten Hilferuf und letztes Aufbäumen gegen die Führungsetage vor dem Saisonende.

Immerhin dieses Signal hat Tönnies nun verstanden. Zu spät zwar, aber vielleicht noch gerade rechtzeitig, um Schalke 04 vor dem Komplett-Zerfall zu retten, tritt der Aufsichtsratschef zurück. Sein Verhalten und seine Profitgier haben die Werte des Kumpelklubs verraten und dem Verein auf lange Sicht geschadet. Der S04 braucht nun den Wiederaufbau - sportlich, finanziell und ideell.

Quelle: ntv.de