So läuft der Brasilien-KracherTraumatruppe will DFB-Rekord crashen
Deutschland gegen Brasilien, da war doch etwas? Richtig, dieser 7:1-Triumph im WM-Halbfinale 2014. In Berlin will Brasilien dieses Trauma tilgen. Nur: Die Löw-Elf ist unschlagbar – trotz "eckiger Scheiße" auf dem Trikot.
Worum geht's?
Um einen Berliner Fußballtraum, ein brasilianisches Fußballtrauma (Stichwort eins zu sieben), und selbstverständlich ums Gewinnen. "Wir als Mannschaft, als deutsche Nationalmannschaft, wollen immer gewinnen", hat nämlich Weltmeister Jerome Boateng vor dem Fußballklassiker gegen Brasilien (ab 20.45 Uhr im n-tv.de Liveticker) in bester Oliver-Bierhoff-Marketing-Diktion verkündet. Das kann dann gerne das Spiel als solches betreffen, ein Sieg wäre nach dem jüngsten Remis-Hattrick (siehe Tabelle) ja durchaus mal wieder eine willkommene Ergebnisabwechslung. Gewonnen werden sollen im letzten Test vor der WM-Nominierung aber vor allem Erkenntnisse: für die WM-Nominierung und für das Projekt Titelverteidigung, das im DFB-Jahresrückblick ja möglichst mit dem Zusatz "erfolgreiche" geschmückt werden soll. Dass der Gegner dabei nicht Gibraltar heißt, sondern der (noch) alleinige Rekord-Weltmeister ist, macht das Gewinn-Unterfangen für den Berliner Boateng dann allerdings doch etwas "besonders". Er habe "sicherlich als kleines Kind geträumt, mal im Olympiastadion gegen Brasilien zu spielen", gab er auf entsprechende Nachfrage pflichtgemäß zu Protokoll.
Fürs Protokoll und die Statistikfreunde sei auch noch einmal vermerkt: Schon mit einem Remis könnte die DFB-Elf den Ungeschlagen-Uralt-Rekord von 23 Spielen aus der Derwall-Ära einstellen - was Boateng & Co. allerdings eher semibegeistert. Vielleicht, weil die Rekordserie imposanter klingt, als sie ist. Seit dem kolossal unnötigen Halbfinal-K.-o. bei der EM 2016 in Frankreich, das für den Perfektionisten Löw sein persönliches Belo Horizonte war, weigert sich die DFB-Elf zwar beharrlich, zu verlieren. Gewonnen hat sie zuletzt aber nur noch Erkenntnisse, der letzte Sieg liegt schon fünfeinhalb Monate zurück und kam gegen Aserbaidschan zustande (siehe Tabelle). Das ist nicht nur eine Ewigkeit her, sondern auch kein Maßstab für den Weltmeister. Brasilien ist es schon.
Wie ist die Ausgangslage?
Die DFB-Elf ist mit ihrem Trainer einig, dass sie aus dem 1:1 im ersten Test gegen die Spanier am Freitag in Düsseldorf gestärkt auf ihrem Weg zur WM nach Russland hervorgeht. Obwohl sie ja, wir hatten es erwähnt, zum dritten Mal hintereinander nicht gewonnen hatte. Und so war es bei aller Freude, nach einem frühen Rückstand gegen die Zauberfüße um Altmeister Andrés Iniesta nicht eingeknickt zu sein, Abwehrchef Jérôme Boateng in mittlerweile bewährter Manier, der die Gunst der guten Laune nutzte, um gezielt seine Kritik zu platzieren. Im Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" sagte er: "Für die Zuschauer war es bestimmt ein tolles Spiel. Aber wir müssen uns in jeder Hinsicht noch verbessern. In der Chancenverwertung, in der Zielstrebigkeit zum Tor, in der Zusammenarbeit der Mannschaft und im Umschaltspiel." Am Tag vor der Partie gegen Brasilien merkte er auf Nachfrage zwar an, so negativ habe er das gar nicht gemeint. Aber: "Wir wollen im Sommer erfolgreich sein. Da muss man die Dinge ganz klar ansprechen." Das sei doch allemal besser, als dass man sie "verstreichen zu lässt und wir uns alle, wenn es drauf ankommt, blöd angucken". Der Bundestrainer fand das super, was der Jérôme gesagt hat. "Das habe ich ja auch gesagt: Deutschland kann, muss und wird sich noch steigern."
Wie ist die DFB-Elf drauf?
Gegen Spanien hatte Löw seine eine Startelf mit den Spielern bestückt, die er für seine elf besten halten dürfte, der Interpretationsspielraum ist da relativ gering. Nun zeigt er sich experimentierfreudiger, was einem der vielen Journalisten aus Brasilien bei der obligatorischen Fragerunde am Tag vor der Partie nicht gut ankam. Angeblich sei das Spiel doch so wichtig. Wie könne es da sein, dass der Bundestrainer vorher mit Thomas Müller und Mesut Özil zwei seiner besten Spieler nach Hause schicke? Löws Glück war, dass er sich da noch nicht auf dem Podium befand und Boateng diesen Vorwurf parierten musste - was er mit der ihm eigenen Gelassenheit dann auch tat: "Dann ist das eben so." Schließlich gehe es darum, etwas zu testen, taktisch und personell. Und als der Bundestrainer dann da war, zeigte sich, dass er seine Meinung seit Freitagabend nicht geändert hatte: Ilkay Gündoğan und Leroy Sané von Manchester City rücken in die Startelf, mutmaßlich für etwas angeschlagenen Sami Khedira von Juventus Turin und für Julian Draxler von Paris Saint-Germain. Der Berliner Marvin Plattenhardt darf anstelle des Kölners Jonas Hector auf der linken Seite verteidigen. Die Stelle im Tor bekommt nicht etwa Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona, auch der designierte Nachfolger Manuel Neuers ist etwas lädiert. Statt seiner teilen sich der Leverkusener Bernd Leno und Kevin Trapp von PSG den Job, nicht gleichzeitig natürlich, jeder bekommt eine Halbzeit im ausverkauften Olympiastadion.
Was machen die Brasilianer?
Die sind tatsächlich immer noch traumatisiert (Stichwort: sieben zu eins). Immer noch nicht austherapiert. Durchaus pikiert ob der Löw'schen Experimentierfreude. Aber aus all diesen Gründen sind sie auch extrem motiviert für das erste deutsch-brasilianische Fußball-Rendezvous seit dem WM-Desaster 2014. "Das hat psychologisch eine sehr große Bedeutung, da muss man sich gar nichts vormachen", gab Nationaltrainer Tite im "Kicker" zu: "Das 7:1 von der WM ist ein Gespenst." Nicht nur sportlich, auch emotional sei die Partie eine große Herausforderung – obwohl von den WM-Traumatisierten nur noch Fernandinho, Paulinho, Wilian, Marcelo sowie die damals nicht eingesetzten Thiago Silva (gesperrt) und Dani Alves dabei sind. Superstar Neymar fehlt wie 2014 verletzt. Macht aber gar nichts, glaubt DFB-Brasilien-Experte Matthias Ginter. Er sieht die "ganze Mannschaft gespickt mit Weltklassespielern", Abwehr und Angriff des Rekord-Weltmeisters seien "durch die Bank sehr, sehr gut besetzt".
Beim letzten Test gegen WM-Gastgeber Russland wackelte Brasiliens Defensive zwar mehrfach bedenklich, am Ende hieß es trotzdem 3:0. Auch gegen Deutschland dürften die Brasilianer im stabilen 4-1-4-1-System agieren mit Gabriel Jesus als einziger Sturmspitze und hinten einer Rehhagel-Abwehr mit dem stolzen Durchschnittsalter von 32,3 Jahren. Vielleicht genau das richtige Taktikrezept, denn der Druck und die Erwartungen sind riesig – für die Brasilianer. Während der Bundestrainer vor dem Spiel dezent andeutete, für seine DFB-Elf sei dieses fabulöse 7:1 quasi schon am Morgen danach abgehakt gewesen, weil es ja noch diesen WM-Titel zu gewinnen gab, ist die Partie in Berlin für Brasilien viel, viel mehr als ein Testspiel. Es könnte nach Olympia-Gold 2016 (gegen Deutschland) und der coolen WM-Qualifikation der letzte erlösende Therapieschritt sein heraus aus dem tiefen Tal der Tränen - oder das Trauma verstärken. Vorsichtshalber wollte ein brasilianischer Reporter von Löw wissen, für wie wahrscheinlich er ein erneutes 7:1 für Deutschland halte. Der Bundestrainer überging die Frage galant.
War sonst noch was?
Ja, und zwar, wir zitieren: "Am Ende ist das aber nur eckige Scheiße." Gelesen haben wir das in der vergangenen Woche in der "FAZ". Und gesagt hat das der Typograph Erik Spiekermann über die neuen Trikots der deutschen Fußballer. Oder besser: über die Schrift, in der die Namen der Spieler auf den Trikots stehen. Die lässt in der Tat einige Fragen offen, die Witze darüber sind bereits jetzt Legende. Wie heißt der Typ im neuen Trikot? OAAXLEA? DARKLER? ORAHLEA? DAAHLER? ORAXLER? ORAHLER? DRAXLER?. Und Spiekermann erklärt auch, was ihm missfällt: " Eine Eins darf nicht wie eine Sieben aussehen, eine Acht nicht wie eine Drei und eine Drei auch nicht wie ein B. Eine Schrift ist keine Schrift mehr, wenn die Eitelkeit des Designers zu groß wird." Gerade den Namen von Fußballern, die die Zuschauer im Stadion ja auch aus großer Entfernung lesen können sollen, sei das ein Unding. Sein Fazit fällt vernichtend aus: "Ich hab schon viel erlebt, aber das ist schlechter als alles, was ich bisher vom DFB gesehen habe. Es ist unfassbar. Diese Institution hat ein Talent darin, danebenzugreifen. Wenn es um Fußball geht, dann haben wir ja schon eine sehr lange peinliche Geschichte von Maskottchen und Logos. Aber diesmal hat gar nichts funktioniert: inhaltlich, formal, ästhetisch, kulturell, historisch." Puh, und nun? Weiterspielen!