Fußball

Nun mit Gündoğan und Sané Löws konservatives Experiment hinkt

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Bei Manchester City wird Ilkay Gündoğan als "Pass Master" und Leroy Sané als einer der besten Außenstürmer der Welt gefeiert.

(Foto: imago/Revierfoto)

Es ist beileibe nicht alles schlecht beim WM-Härtetest gegen Spanien. Aber eben auch nicht alles gut. Nun weiß Bundestrainer Joachim Löw, was seinem DFB-Team noch fehlt. Nur: Welche Konsequenzen zieht er daraus?

Einen Härtetest für die Weltmeisterschaft in Russland? Den hatte Bundestrainer Joachim Löw vor dem Fußball-Länderspiel gegen Spanien eigentlich nicht explizit ausgerufen. Jedoch machte allein die Wahl des Gegners deutlich: Zur reinen Unterhaltung der 50.653 Zuschauer im gut bedachten Stadion war der Weltmeister von 2010 am Freitagabend nicht nach Düsseldorf gekommen, um sich mit dem amtierenden Titelträger zu messen. Nach dem 1:1, bei dem Rodrigo Moreno in der sechsten und Thomas Müller in der 35. Minute die Tore erzielt hatten, befand Löw dann auch, für die deutsche Nationalmannschaft sei das ein "hervorragender Test" gewesen. "Beide Mannschaften sind ein hohes Risiko gegangen, war ein sehr intensives Spiel, das wichtige Erkenntnisse gebracht hat."

Dass er allerdings dem Gegner sichtlich zufrieden attestierte, auf Augenhöhe agiert zu haben, war angesichts der gerade zu Beginn atemberaubenden Ballbesitzdominanz der Spanier eine durchaus ungewöhnliche Beobachtung. Und ein zweifelhaftes Kompliment, das wohl eher in die Kategorie Versprecher einzusortieren ist. Vor allem vor der Pause hatten die Iberer demonstriert, warum auf dem Weg zum WM-Titel an ihnen kein Weg vorbei führen wird. Und dass sie, Stand jetzt, vielleicht sogar schon ein bisschen weiter sind als die DFB-Elf.

Oder lag es am Ende doch am Zweitliga-gebeutelten Düsseldorfer Publikum, dass die spanischen Ballstafetten nach hohen Regeln der Fußballkunst immer wieder für Szenenapplaus sorgten? "Ne, warum?", kommentierte der Bundestrainer verdutzt. Überrascht sei er darüber nicht gewesen, denn es sei ja so: "Wenn man die Liga kennt und die Spieler, dann weiß man, dass sie das von klein auf lernen." Immerhin: Sein Team hat sich, nach einer viertelstündigen Findungsphase, gewehrt. Innenverteidiger Mats Hummels vom FC Bayern formulierte das so: "Wir hatten anfangs richtig Probleme, haben uns dann aber gefunden. Das ist auch eine Qualität dieser Mannschaft."

Passende Antworten auf wichtige Fragen

Deutschland - Spanien 1:1 (1:1)

Tore: 0:1 Moreno (6.), 1:1 Müller (35.)
Deutschland: ter Stegen - Hector, Boateng, Hummels, Kimmich - Khedira (53. Gündoğan), Kroos - Müller (80. Goretzka), Özil, Draxler (68. Sané) - Werner (84. Gomez)
Spanien: de Gea - Carvajal, Piqué (51. Nacho), Ramos, Alba - Koke, Thiago (82. Hernandez) - Isco (59. Asensio), Silva (71. Vázquez), Iniesta (46. Niguez) - Moreno (65. Costa)
Schiedsrichter: William Collum (Schottland)
Zuschauer: 50.653 in Düsseldorf (ausverkauft)

Ohnehin schien dieser Abend aus Sicht des DFB von vornherein auf genau das ausgelegt: Lernen und Erkenntnisse gewinnen - und zwar aus personeller wie aus taktischer Sicht. Von Beginn an wurde deutlich, dass die Zeit der Personalexperimente offiziell beendet ist. Mit seiner Startelf hatte Löw eine Mannschaft aufs Feld geschickt, die so auch für das Auftaktspiel beim Turnier in Russland vorstellbar wäre: sieben Weltmeister, dazu Marc-André ter Stegen im Tor, Jonas Hector links und Joshua Kimmich rechts in der Viererkette sowie Timo Werner im Sturm. Das heißt vermutlich aber auch: Bei nur einem letzten verbleibenden Testspiel gegen Brasilien am Dienstag (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) in Berlin bleiben wenig Chancen, sich für einen Stammplatz zu empfehlen - einerseits.

Auf der anderen Seite war es so, dass gerade die konservative Formation ungeahnte Probleme offenbarte - für die der Bundestrainer allerdings das ungewohnte System verantwortlich zeichnete. Auffällig offensiv gingen die Deutschen ins Pressing, attackierten früh und mit viel Risiko - der Plan, die Spanier so zu Fehlern zu zwingen, scheiterte allerdings gerade in der Anfangsphase krachend. Um das auf dem hohen Niveau hinzukriegen, räumte Löw dann auch ein, fehlt noch die eine oder andere Trainingseinheit. Und die gibt es erst ab dem 23. Mai, wenn sich die deutsche Mannschaft wieder in Südtirol vorbereitet.

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Sturmhoffnung Timo Werner verfehlt den Ball in der Luft.

(Foto: picture alliance / Marius Becker)

Wie wichtig diese Einheiten noch sein werden, liegt auf der Hand - denn das taktische Experiment darf durchaus als Versuch gewertet werden, passende Lösungen für die wirklich wichtigen Aufgaben bei der WM zu finden. Für ihn sei das eine wichtige Erkenntnis gewesen, sagte der Bundestrainer. Schließlich dürften auch Mannschaften wie Argentinien oder Frankreich mitbekommen haben, dass es selten eine gute Idee ist, die Deutschen ungehindert zum Spielaufbau kommen zu lassen.

Gündoğan und Sané als Versprechen

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Sind im Kampf um einen WM-Platz nah beieinander: Julian Draxler und Leroy Sané.

(Foto: picture alliance / Christian Cha)

Spannend wird sein, ob die DFB-Elf am Dienstag gegen Brasilien einen ähnlichen Ansatz verfolgt - und ob die definitiv veränderte Formation die Ideen des Bundestrainers besser umsetzen kann. Denn es sei ja so, stellte der erkenntnisfreudige Löw fest: "Uns läuft schon etwas die Zeit davon." Und er kündigte an, seine Mannschaft auf mindestens drei Positionen verändern zu wollen. Für den mitunter überfordert wirkenden Jonas Hector vom 1. FC Köln soll der Berliner Marvin Plattenhardt sein Glück am linken Ende der Viererkette versuchen dürfen. Das kann er so machen, dennoch bleibt diese Stelle die Problemposition in der DFB-Elf. Das weiß auch Löw, der daher Hector flugs noch einmal lobte. Der habe ein "wahnsinniges Laufpensum absolviert". Und: "Jonas vertraue ich absolut. Das ist ein Spieler, der auf höchstem Niveau agieren kann, schlau und technisch gut." Dass ihm gegen Spanien mitunter einige Stellungsfehler unterlaufen waren, sehe er ihm nach.

Weitaus gewichtiger ist aber, dass der Bundestrainer direkt nach der Partie in Düsseldorf ankündigte, gegen Brasilien İlkay Gündoğan und Leroy Sané statt Sami Khedira und Julian Draxler von Beginn an einsetzen zu wollen. Beide, also Gündoğan und Sané, stehen bei Manchester City unter Vertrag, dem designierten englischen Meister. Beide spielen unter Trainer Josep Guardiola, wenn nicht die Saison ihres Lebens, so doch eine hervorragende. Beide konkurrieren direkt mit einem Weltmeister um einen Platz im Team. Und beide haben die Chance, sich auch durchzusetzen: Gündoğan - der gegen Spanien nach 53 Minuten für den leicht angeschlagenen Khedira eingewechselt worden war und sofort präsent war - auf der Doppelsechs neben Toni Kroos; und Sané - der nach 68 Minuten für den an diesem Abend eher schwächeren Draxler kam - auf dem linken Flügel.

Die beiden sind, das lässt sich so sagen, die größten Versprechen im deutschen Team. Auf der Insel nennen sie Gündoğan nicht ohne Grund "The Pass Master". Der 27 Jahre alte Mittelfeldspieler, der von Dezember 2016 bis Ende August vergangenen Jahres nicht spielen konnte, weil ihm das Kreuzband gerissen war, sagte jüngst: "Ich könnte gerade nicht viel glücklicher sein." Seinen Status im Nationalteam schätzt er so ein: "Es ist schwierig für mich, meine persönliche Rolle innerhalb der Mannschaft zu definieren. Kann ich momentan auch gar nicht, da ich viel verpasst habe in den letzten Jahren." Und Sané wird in England schon jetzt als einer der besten Außenstürmer der Welt gefeiert. In der Tat ist der 22 Jahre alte Flügelflitzer schnell, dribbelstark, technisch überragend und er behält meist die Übersicht. Dafür bedankt er sich bei seinem Trainer Guardiola: "Seit meinem ersten Tag hier macht er mich und mein ganzes Spiel besser: wie ich mich bewegen muss, ohne Ball und mit Ball. Es ist beeindruckend, wie er dir dabei helfen kann, besser zu werden." Der habe ihm zudem einen guten Tipp gegeben: "Er sagte, ich solle so frei spielen wie Messi."

Löw wird das alles mitbekommen haben. Jedenfalls verspricht der Bundestrainer: "Bei der WM, da wird es noch besser." Und vorher gibt es dann eben doch nochmal ein Casting.

Quelle: ntv.de