Fußball

Gegen die drohende Reizüberflutung Tuchels Rotation sorgt für Diskussionen

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Ilkay Gündogan wurde für wie viele andere BVB-Stars lange geschont - nach seiner Einwechslung in der 73. Minute konnte er keine Akzente mehr setzen.

(Foto: imago/DeFodi)

Für die Fans im Revier ist es das Spiel des Jahres: Schalke trifft auf Borussia Dortmund. Zeit für große Emotionen, für ein großes Spiel. Das indes bestreitet der BVB mit einer B-Mannschaft – aus gutem Grund, findet der Trainer.

Ralf Fährmann war sichtlich genervt. Eine knappe Stunde nach Ende des Revierderbys wurde Schalkes Keeper mit der Frage konfrontiert, wie er mit der Aussage umgehe, dass Schalke 04 ja nicht einmal gegen die Dortmunder B-Mannschaft gewinnen könne. Statt zur eleganten Parade griff Fährmann zu drastischer Diktion. Seine Antwort: Solche Typen "können mich mal am Arsch lecken".

Die Schalker durfte sich nach dem 2:2 (0:0) in einem in der ersten Halbzeit öden und im zweiten Durchgang umso turbulenteren Aufeinandertreffen der ewigen Rivalen als Punktsieger fühlen, weil es ihnen gleich zwei Mal gelungen war, eine Führung des Widersachers zu egalisieren. Die Gastgeber, die nach ihrem katastrophalen Auftritt beim 0:3 in Ingolstadt von allen Seiten derbe angezählt worden waren, hatten Moral gezeigt - und dieses Gefühl wollten sie sich auf keinen Fall schlecht reden lassen.

Aber wie man die Dinge auch dreht oder wendet: Es bleibt dabei, dass der BVB der 148. Auflage des Ruhrgebiets-Klassikers nicht die ganz große Bedeutung zumaß. Die Brachial-Rotation von Thomas Tuchel sorgte für Diskussionsbedarf. Gleich auf acht Positionen hatte Dortmunds Trainer seine Stammformation im Vergleich zur Europa-League-Begegnung gegen den FC Liverpool geändert. Weidenfeller, Gündogan, Mkhitaryan, Reus, Aubameyang, Piszczek, Castro – eine solch exquisit besetzte Bank dürfte es in der ruhmreichen Geschichte von Borussia Dortmund noch nicht gegeben haben.

Belastungsgrenze ist nahe

Der Betrachter darf sich da nichts vormachen: Das Derby hat für die Fans eine enorme Bedeutung, weil es seit jeher ein mit Emotionen überfrachtetes Duell zweier Nachbarn ist, die sich in inniger Abneigung verbunden sind. Aber einen solch gesteigerten Stellenwert hat die Begegnung für eine Mannschaft wie die von Borussia Dortmund, die von Termin zu Termin hetzt, keinesfalls. 48 Pflichtspiele hat der BVB in dieser Spielzeit bereits absolviert, einer solchen Belastung ist hierzulande kein anderer Verein ausgesetzt. Wenn es in drei Wettbewerben weiterhin so reibungslos läuft wie bisher, kommen bis zum Saisonende nochmal elf kräftezehrende Partien hinzu.

Und irgendwann, so die berechtigte Befürchtung von Tuchel und seinem Trainerteam, wird seine Mannschaft, die den hohen Anforderungen bislang erstaunlich robust getrotzt hat, Wirkung zeigen. Vor allem, wenn der Spielplan eine solche Reizüberflutung bereithält wie derzeit: Liverpool, Schalke, Liverpool – Highlights im Drei-Tages-Rhythmus bedeuten "nicht nur einen körperlichen, sondern auch einen emotionalen Stress", hat Tuchel erkannt: "Wir laufen auf eine Belastungsgrenze zu."

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Wer ein solches Mammutprogramm zu absolvieren hat, der muss seine Energien klug einteilen und haushalten. Da wäre es wenig hilfreich, sich bei der kurzen Dienstfahrt nach Gelsenkirchen bis zum Gehtnichtmehr zu pushen. Zumal der Ausgang ja keine signifikanten Auswirkungen auf die Tabelle hat. Der BVB kann von Tabellenrang zwei nicht mehr verdrängt werden und da sich die Bayern an der Spitze weiterhin keine Blöße geben, wäre der Gipfel auch bei einem Sieg nicht wirklich in Reichweite gewesen.

Diskrepanz zwischen den Rivalen

So ist der Rückstand auf den Rekordmeister auf sieben Punkte gewachsen, dennoch stellte niemand im Dortmunder Lager Tuchels Personalrochaden infrage. "Die Jungs, die auf dem Platz waren, haben es gut gemacht", betonte Sportdirektor Michael Zorc, "den Jungs, die draußen waren, fehlte die Frische." Mittelfeldakteur Nuri Sahin betonte, Dortmunds Kader habe "so viele Spiele in den Knochen, da ist es doch klar, dass der Trainer rotiert. Wer will ihm denn daraus einen Vorwurf machen?"

Zumal die riesige Diskrepanz zwischen den beiden Rivalen im Vorfeld der Auseinandersetzung auf die Derbystimmung drückte. 23 Punkte Differenz, dieser Abstand mutet schon fast surreal an. Wenn sich zwei Kontrahenten, die sich eigentlich auf Augenhöhe begegnen sollten, gefühlte Lichtjahre voneinander entfernen, steigert das nicht unbedingt die Lust auf den direkten Vergleich.

45 langweilige Minuten schienen diesen Eindruck zu bestätigen. Dass das Derby nach dem Seitenwechsel noch so richtig Fahrt aufnahm und zu einem erbittert geführten Schlagabtausch wurde, war in erster Linie das Verdienst der Schalker, die die Ärmel hochkrempelten und sich gegen einen technisch versierteren Gegner mit allem wehrten, was ihnen zur Verfügung stand.

Breitenreiter schlägt zurück

Tuchel sah "in der zweiten Halbzeit ein intensives und spektakuläres Spiel", sein Schalker Kollege André Breitenreiter stimmte ihm da uneingeschränkt zu: "Es war ein absolutes Derby mit dem richtigen Charakter. Wir haben uns mit Herz und Leidenschaft gewehrt." Schalke nutzte das Heimspiel dazu, das ramponierte Image aufzupolieren. Breitenreiter, der zuletzt beobachtet hatte, "dass der Kopf runtergeht bei Rückständen", sah nun Spieler, "die gezeigt haben, wie es geht. Du musst an dich glauben".

Das war auch für den Trainer selbst wichtig, der bei einer weiteren Schlappe mit Sicherheit in die Diskussion geraten wäre. Nach diesem Spielverlauf durfte sich Breitenreiter als moralischer Gewinner fühlen und nutzte die Gelegenheit prompt, um sich zu wehren. Breitenreiter fühlt sich auf Schalke ungerecht behandelt, nun schlug er zurück, indem er das bekannt schwierige Umfeld bei seinem Arbeitgeber an den Pranger stellte. "Hier wird doch nur auf das Trainerteam und die Mannschaft draufgetreten."

Quelle: n-tv.de

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