Fußball

DFB-Team in der Einzelkritik Viel Löw, wenig Flick, aber wieder mehr Sané

Das Spiel gegen Liechtenstein ist ein besonderes für Hansi Flick. Es ist sein Debüt als Bundestrainer. Sonst ändert sich bemerkenswert wenig. Die Lethargie der letzten Löw-Jahre ist nicht abgeschüttelt. Der 2:0-Sieg gegen den Fußball-Zwerg Liechtenstein lässt viel Luft nach oben.

Das Fußball-Länderspiel gegen Liechtenstein ist ein ganz besonderes für Hansi Flick. Es ist nämlich sein Debüt als Bundestrainer. Sonst ändert sich bemerkenswert wenig. Gut zwei Monate nach der großen EM-Enttäuschung hat die Nationalmannschaft das fest eingeplante Tor-Festival als Akt der Befreiuung und des Aufbruchs verpasst.Die Lethargie der letzten Löw-Jahre ist nicht abgeschüttelt. Aber die wirklich gute Nachricht ist: Der 2:0-Sieg gegen den Fußball-Zwerg Liechtenstein lässt viel, sehr, sehr, sehr viel Luft nach oben. Unsere Einzelkritik:

Bernd Leno: Leno? Bernd Leno? Wo war Manuel Neuer? Der Mann will doch immer spielen! Keine Sorge, keine Revolution. Der Kapitän war verletzt und deswegen spielte der Arsenal-Keeper. Und der hätte in seinem neunten Länderspiel die Torwart-Handschuhe eigentlich in der Kabine lassen können. Musste nichts halten. Hatte 15 sehr kurze Ballkontakte. Am Ende rauschte mal ein Freistoß durch seinen Strafraum. Mehr Aufregung musste er persönlich nicht ertragen.

Ridle Baku: Im zweiten Länderspiel bot der junge Wolfsburger, dessen Vorname eine väterliche Hommage an den deutschen Superstürmer Karl-Heinz Riedle ist, rechts einen überraschend fahrigen Auftritt. Verdammt viele Ballverluste, sehr unpräzise Zuspiele und Flanken, das war (noch) nix. Dass er der Mann werden wird, der nach der Rückkehr von Joshua Kimmich ins Mittelfeldzentrum die Probleme auf der Problem-Position löst, nun, vielleicht war der Druck ein bisschen zu groß?

Thilo Kehrer: Beim DFB-Comeback nach einem Jahr war der PSG-Profi nicht zu bewerten. Im Kerngeschäft als Innenverteidiger nicht gefordert. Jedes Training im Klub mit den Megastars Kylian Mbappé, Neymar und Lionel Messi ist anspruchsvoller. Im Aufbau spielte er ein paar sehr scharfe und dynamische Pässe aus dem Zentrum auf die Außenbahnen. Legendäre Zuspiele waren das allerdings nicht. Sein Stellungsspiel war gut, wurde aber auch nicht auf harte Proben gestellt.

Niklas Süle: In den seltenen Duellen mit dem fast zwei Köpfe kleineren Aron Sele war er fast immer der Sieger. Am Vorabend seines 26. Geburtstags war der Münchner dann aber mangels Defensivaufgaben eher offensiver Mittelfeldspieler. Kurbelte mit an. Hatte viele Ballkontakte, viel mehr als Querpässe fiel ihm nicht ein. Hämmerte Mitte der zweiten Halbzeit auch mal aufs Tor. Man ahnte da, wie viel Kraft in ihm steckt. Aber auch wie viel Frust. Über das Ergebnis lohnt das Gespräch nicht.

Robin Gosens: War trotz der Umstellung auf die Vierer-Abwehrkette fast ein Außenstürmer. Manchmal sogar ein Mittelstürmer. Wie bei seiner auffälligen EM war er mit sehr viel Vorwärtsdrang ausgestattet, phasenweise war er überhaupt nicht einzufangen. Gute Kopfballchance (18.), abgewehrter Schuss (68.), Vorlage zum 2:0 - am Ende verletzt raus. Unter großen Schmerzen. Das DFB-Team musste mit zehn Mann weiterspielen.

İlkay Gündoğan: Spielte etwas überraschend statt Leon Goretzka an Kimmichs Seite. Leitete viele Angriffe ein und kam selbst oft zum Abschluss. Der Spielmacher von Manchester City schoss aus allen Lagen, mal vorbei, mal gehalten, mal abgeblockt. Im 50. Länderspiel war er ohne Jubiläumsglück. Er kann doch so viel mehr. Hat er aber nicht exklusiv. Gilt fast für alle aus dem deutschen Team. Wieder einmal muss man leider sagen: Gündoğan und die Nationalmannschaft, das ist keine gut funktionierende Symbiose. Im DFB-Trikot versteckt sich sein Potenzial einfach viel zu oft.

Joshua Kimmich: Bekam die Kapitänsbinde des geschonten Manuel Neuer. Er war gewohnt zweikampfstark und ballsicher. Der neue Mittelfeld-Chef trieb seine Mitspieler auch verbal an. Geniale Ideen kamen aber auch von ihm nicht. Sein Chipball Mitte der ersten Halbzeit war sehr schön. Man kennt das von ihm. Aber schön ist nicht immer erfolgreich oder gefährlich. Hatte seine stärkste Szene schließlich in der Aufarbeitung des Frust-Spiels. "Es war komisch, schwierig, der Gegner hat dermaßen tief verteidigt, das habe ich so fast noch nie erlebt. Nichts hat so wirklich funktioniert."

Jamal Musiala: Begann bei seinem Startelf-Debüt doch sehr nervös, kannte man von ihm so überhaupt nicht zuletzt. Er spielte beim FC Bayern, als wäre er schon immer da gewesen und nie mehr wegzudenken. Dann aber bereitete er Werners Führungstor mit einem feinen Dribbling vor. War damit der Türöffner beim Flick-Debüt. Das Ausnahmetalent spielte danach mit deutlich mehr Selbstbewusstsein. Der geschmeidige Münchner schlängelte sich immer wieder um die Gegner. War übrigens der jüngste Startelf-Debütant seit Uwe Seeler 1957.

Kai Havertz: Der Champions-League-Sieger lief als Zehner auf, nicht als zentraler Stürmer. Das war überraschend. In der Zentrale kamen von ihm zu wenige Ideen, um die vielbeinige Abwehr des Gegners zu knacken. Im engen Abwehrwall des Gegners suchte er vergeblich nach Räumen. Ein unauffälliger 60-Minuten-Auftritt des Chelsea-Profis. Und das ist noch geschmeichelt.

Leroy Sané: Der kriselnde und zuletzt ausgepfiffene Flügelspieler bekam die Startelf-Chance zur Eigenwerbung - nutzte sie allerdings erst spät. Blieb zunächst im Eins-gegen-eins sehr oft hängen und bekam einen Tunnel als Höchststrafe (21.). Das Fürstentum eskalierte, wenn man das so sagen kann. Sané steigerte sich nach der Pause und belohnte sich mit dem Tor zum 2:0. Der Münchner versuchte viel. Bot sich an, dribbelte, köpfte sogar (64.). Manches misslang - klasse sein Treffer nach Drehung (77.). Was leider auffällig war: Seine Eckbälle waren fürchterlich. Da muss der neue Standard-Coach Mads Buttgereit noch mächtig nachrarbeiten.

Timo Werner: Seinen ersten Schuss hielt der Torwart (7.). Nach Musialas klasse Vorarbeit traf der Mittelstürmer nach einem starken Sprint in die Tiefe überlegt. Es war sein 17. Länderspieltor. Ihm lag die Rolle als Stoßstürmer allerdings nicht, auf engstem Raum konnte er seine Schnelligkeit nicht ausspielen. Hatte nach 30 Minuten erst vier (!) Ballkontakte. Als er sein Tempo ausspielen konnte, hatte er gute Momente.

Liechtenstein - Deutschland 0:2 (0:1)

Tore: 0:1 Werner (41.), 0:2 Sané (77.)
Liechtenstein: Büchel - S. Wolfinger (83. Yildiz), Malin (83. Kollmann), Kaufmann, Hofer, Göppel - Noah Frick (71. Kardesoglu), Frommelt, Hasler - Sele (61. F. Wolfinger), Yanik Frick (71. Grünenfelder); Trainer: Stocklasa.
Deutschland: Leno - Baku (60. Hofmann), Kehrer, Süle, Gosens - Kimmich (82. Wirtz), Gündoğan (73. Goretzka) - Musiala (60. Reus), Havertz (60. Gnabry), Sané - Werner; Trainer: Flick.
Schiedsrichter: Fabio Verissimo (Portugal)
Zuschauer: 7958 (in St. Gallen)
Gelbe Karten: keine

Jonas Hofmann: Kam Mitte der zweiten Halbzeit, hatte viel Platz und nutzte ihn für Flankenläufe. Guter Auftritt.

Marco Reus: Bekam in seinem ersten Länderspiel seit knapp zwei Jahren von Flick 30 Spielminuten. Fügte sich gut ein, traf das Außennetz. In der Endphase war er sogar Kapitän. Und die Fans begeistert.

Serge Gnabry: Der Münchner ersetzte nach einer Stunde Havertz. Er fand im Strafraum nicht die Lücke. Eine scharf geschlagene Ecke von ihm verpasste Goretzka.

Leon Goretzka: War knapp 20 Minuten auf dem Platz - ohne großartig aufzufallen. An der Vorbereitung des 2:0 immerhin beteiligt.

Florian Wirtz: Ersetzte Kimmich in der 82. Minute. Was es zu ihm zu sagen gibt? Nun, er ist der erste Debütant unter Flick.

Quelle: ntv.de, mit dpa/sid

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