Fußball

Skandal um Schalke-Boss Tönnies War das kein zufälliger Ausrutscher?

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In den vergangenen Tagen musste sich Clemens Tönnies einiges anhören.

(Foto: imago images / Revierfoto)

In der Nacht hat der Schalker Ehrenrat sein Urteil gesprochen. Clemens Tönnies lässt für drei Monate sein Amt im Aufsichtsrat von S04 ruhen. Damit hofft man auf Schalke, die Sache aus der Welt zu schaffen. Dieser Plan könnte scheitern, wie ein Blick auf den Typen Tönnies zeigt.

"Kaiser und Könige sind gestorben, aber beim FC Schalke wird immer noch Fußball gespielt." Wer hat es gesagt? Natürlich, Clemens Tönnies. Schon vor einigen Jahren war das, als er deutlich machen wollte, dass es bei diesem Verein niemals um Einzelschicksale gehen könne. Gestern nun tagte der Ehrenrat des S04 über sein Schicksal. Das Ergebnis: Der große Boss der Königsblauen darf weitermachen. Nicht im Moment - aber bald wieder. Drei Monate lässt er sein Amt ruhen, "danach wird er seine Tätigkeit im Aufsichtsrat wieder aufnehmen", heißt es. Man könnte noch ergänzen: Als wäre nie etwas gewesen!

Doch wenn man ehrlich ist: Wer die Reaktionen rund um den Schalker Markt und in den sozialen Netzwerken in den letzten Tagen verfolgt hat, wird über diesen Kompromiss nicht erstaunt sein. Ziemlich genau die Hälfte aller Schalker forderte als Konsequenz für den Ausspruch Tönnies' vor den Paderborner Handwerkern seine Demontage als Aufsichtsratsvorsitzender ihres Klubs - die andere Hälfte fand diese Maßnahme unangemessen.

Der Tenor lautete, wie hier die Meinung von Peter Neururer: "Scheiß Aussage, klar,- aber direkte Klarstellung und Entschuldigung - das hat mit Rassismus nichts zu tun!!!" Die Entscheidung des Ehrenrats darf deshalb nicht verwundern - auch wenn sie natürlich mehr als fragwürdig bleibt. Doch: Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Was hat den Menschen und Typen Clemens Tönnies in diese Lage gebracht? War sein Ausspruch ein dummer Zufall, ein einmaliger Ausrutscher, wie man die Sache seitens des S04 gerne zu deuten versucht ("der erhobene Vorwurf des Rassismus unbegründet") - oder steckt mehr dahinter? Eine Spurensuche liefert Erklärungen.

Eines fällt zuerst auf, wenn man sich den Werdegang des Clemens Tönnies genauer anschaut: Dieser Mann will offenbar mit aller Macht geliebt werden! Es gibt diese eine Szene in der legendären Serie "Kir Royal", in der der Generaldirektor Heinrich Haffenloher im weißen Bademantel den Boulevard-Journalisten Baby Schimmerlos davon überzeugen will, ihn, den schwerreichen Großunternehmer, in die Münchener Schickeria einzuführen. Sein Argument: die viele "Kohle", die er hat ("Ich scheiße dich so was von zu mit meinem Geld"). Aber im Grunde geht es dem Fabrikbesitzer um etwas ganz anderes: "Baby, ich will doch nur dein Freund sein. Und jetzt sag’ Heini zu mir!"

Der Schalke-Boss weiß, wie die Herzen der Fans ticken

Egal, wer in den vergangenen Tagen aus dem direkten Schalker Umfeld über den Milliardär, Fleisch-Großunternehmer und Aufsichtsratsvorsitzenden des FC Schalke 04 ein Wort verloren hat, niemand hat Tönnies gesiezt. Ob Gerald Asamoah, Huub Stevens oder der ehemalige hauptamtliche Vorstand beim Schalker Fan-Club-Verband, Rolf Rojek - alle sprachen stets nur von "Clemens". Tatsächlich tut der seit jeher viel für seine Nahbarkeit. Einmal im Jahr können alle dies im TV sehen, wenn sich Tönnies öffentlichkeitswirksam beim Auswärtsspiel in Dortmund unter die Stehplatz-Besucher des S04 mischt.

Ohne "Fracksausen" nimmt er es dort auch persönlich mit pöbelnden und spuckenden Ultras auf oder klettert wie ein Jungspund über Zäune - denn er weiß: alle Welt sieht zu und denkt: Ach guck einmal, der Clemens, der ist tatsächlich einer von uns!  Dass der Schalke-Boss genau weiß, wie die Herzen der Fans ticken, zeigt eine andere Anekdote. Bevor Tönnies begann, sich und sein berufliches Betätigungsfeld offensiv in der Öffentlichkeit zu vermarkten, wussten nicht sehr viele Fußballfreunde, was der Aufsichtsratsvorsitzende im wahren Leben so macht.

Und genau dieses Unwissen nutzte Tönnies, als wieder ein Derby im Westfalenstadion anstand. Damals grinste er in die Kameras und sagte: "Die Dortmunder Bratwurst ist hervorragend." Ehe jemand den Anflug von Anbiederei an die so verhassten "schwarz-gelben Zecken" hinterfragen konnte, schob der Unternehmer, völlig aus dem Häuschen ob der überraschten Gesichter, hinterher: "Aber sicher, da ist schließlich Fleisch aus meiner Fabrik drin!" Der mediale Aufschrei hätte nicht größer sein können. Vielen BVB-Anhängern drehte sich sprichwörtlich der Magen um. Und Tönnies? Der war der große Gewinner: Die eigenen Fans feierten ihn und sein Name stand in allen Gazetten.

Assauer fremdelte mit dem "Wurstheini"

Dabei hatte es der Mann aus Rheda-Wiedenbrück eigentlich nie "auf die erste Reihe" abgesehen. Doch der frühe Tod seines Bruders Bernd, der nicht nur der Initiator der B. & C. Tönnies Fleischwerk GmbH & Co. KG sondern auch Präsident des FC Schalke 04 war, hat Clemens Tönnies eine Rolle zugespielt, die er intuitiv und ohne Zögern mit Leben füllte. Beide Brüder waren von früher Kindheit an Fans des S04.

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Auch oder gerade Bruder Bernd Tönnies verkörperte die königsblaue Liebe.

(Foto: imago/Uwe Kraft)

Selbst als Bernd ("Jedes zwölfte Kotelett, das in Deutschland auf den Tisch kommt, stammt aus meinem Unternehmen") schwer krank in der Uni-Klinik von Münster lag, ließ er seine königsblaue Liebe nicht ruhen: "Ein gutes Dutzend neuer Schalke-Mitglieder habe ich schon geworben. Ich habe den Ärzten sofort gesagt: Hier darf keiner nur eine Hand an mich legen, wenn er nicht sofort die Beitrittserklärung unterschreibt. Das hat gewirkt!" Bei ihrem letzten Gespräch soll Bernd, so erzählt es Clemens Tönnies noch heute gerne, seinem Bruder gesagt haben: "Kümmere dich um Schalke!" Und das tat er fortan.

Zuerst als Mitglied des Aufsichtsrats und seit 2001 als dessen Vorsitzender. Richtig ins Rampenlicht trat Tönnies im Jahr 2006, als der langjährige Manager Rudi Assauer seinen Rücktritt verkündete. Der starke Mann des S04 fremdelte während der gemeinsamen Zeit auf Schalke mit Tönnies, den Assauer den "Wurstheini" nannte. Tönnies bemühte sich nach eigenen Worten darum, einen versöhnlichen Abschied mit Assauer auszuhandeln, doch das misslang. Sein Plan, Assauer zum "Beckenbauer von Schalke" zu machen, schlug fehl. Tönnies meinte einmal, dass ihm dieser Bruch mit dem beliebten Manager "sehr wehgetan habe". Man darf ihm das abnehmen, nichts wiegt für Tönnies schwerer, als die persönliche Abneigung ihm gegenüber.

Kein kritisches Wort über Putin und Hoeneß

Er selbst steht seinen Freunden wie Russlands Präsidenten Wladimir Putin und Bayern Münchens Präsidenten Uli Hoeneß bis zur Grenze zur Naivität loyal gegenüber. Als Putin die Krim besetzte, sagte Tönnies nur: "Ich bin kein Weltpolitiker. Aber wir freuen uns, wenn wir uns sehen. Er erkundigt sich dann auch nach Schalke. Wir haben ein gutes Verhältnis - dazu stehe ich." Und als Hoeneß wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis musste, meinte der Schalke-Boss: "An meiner Grundeinstellung zu ihm als persönlicher Freund wird sich auch in Zukunft nichts ändern." Kein kritisches Wort über die Vergehen der beiden. Dabei sollte eine echte Freundschaft so etwas aushalten können. Doch an dieser Stelle offenbart sich wieder die Grundintention seines Handelns: Tönnies’ Sehnsucht, geliebt zu werden.

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Diese Freundschaft hat Bestand: Uli Hoeneß und Clemens Tönnies.

(Foto: imago/STAR-MEDIA)

Im Gegensatz zu seinen Anfängen auf Schalke sucht Tönnies mittlerweile bewusst und offensiv das Rampenlicht. Als der S04 im März 2009 einen neuen Manager benötigte, stand die Welt in der kleinen Gemeinde Rheda-Wiedenbrück in Ostwestfalen-Lippe für einen Tag still. Torwart-Titan Oliver Kahn hatte sich mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden zu Vertragsgesprächen im Königs-Hotel am Schlosspark getroffen. Ein Geheimtreffen - vor "1000 Kameras", wie Kahn Wochen später süffisant anmerkte. Als es in diesen Tagen bei den Königsblauen nicht lief, verstand es Tönnies zudem, sich klar und unmissverständlich in der Sprache der Fans zu äußern. Mit feinem Populismus verkündete er, dass die Profikicker zu viel verdienen und einen tüchtigen "Tritt in den Hintern" benötigen würden. Das Zeichen war eindeutig: Hier reißt sich einer für den Verein den Arsch auf. Das wird alles schon wieder werden. Ab sofort kümmert sich der Clemens höchstpersönlich und in vorderster Front um die Angelegenheiten.

Dass es im Verein dennoch immer wieder rumorte und Initiativen zur Abwahl Tönnies gestartet wurden, liegt an seinem Gebaren als Patriarch auf Schalke. Seine Alleingänge und sein übergroßer Machtanspruch stießen vielen Mitgliedern des eingetragenen Vereins mehr als einmal sauer auf. Dass es damals bei der Ablösung der Schechter-Anleihe für die Finanzierung der Arena erst hieß, man habe mit einer "international operierenden Bank", die namentlich unerwähnt bleiben müsse, zusammengearbeitet und sich später herausstellte, dass es sich in Wahrheit um das Geld der "Tönnies-Gruppe" handelte, haben viele Schalker ihren Führungspersonen nie verziehen. Die offenkundige Lüge hallt bis heute nach.

Meisterbrief mit Hakenkreuz

Wie weit Tönnies tatsächlich von der Lebenswelt einer Mehrheit seiner Vereinsmitglieder entfernt ist, offenbart ein Rechenbeispiel, das er im Jahr 2015 präsentierte. Damals stellte er diese Rechnung auf: "Wir haben 132.000 Mitglieder. Nur mal ein Gedankenspiel: Mitglieder zahlen freiwillig einen einmaligen Betrag von 1000 Euro. Wären es 132.000, könnten wir die Finanzverbindlichkeiten weitgehend tilgen und sparen so rund 25 Millionen an Zins und Tilgung, und das jedes Jahr. Das macht in zehn Jahren insgesamt 250 Millionen mehr."

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April 2007: Tönnies sieht in Bochum, wie die Schalker mal wieder die Meisterschaft verspielen.

1000 Euro als freiwilliger Betrag von den Mitgliedern. Ein interessanter Gedanke - nicht nur bei einem Klub, der aus Gelsenkirchen stammt. Übrigens: Offiziell heißt es von Schalker Seite, dass Tönnies aktuell kein Geld im Verein habe. Doch sind nicht wenige Sponsorendeals - insbesondere der mit Gazprom - mit seinem Namen und seiner Person verknüpft.

Als Tönnies dieser Tage seinen Ausspruch vor den Paderborner Handwerkern tätigte, erinnerte sich in einem Facebook-Post der Journalist Gregor Schnittker an eine Reportage, die er im Jahr 2013 gedreht hatte. Schnittker zeigte in seinem Beitrag ein Foto aus dem Gästebereich der Tönnies’ Firma in Rheda-Wiedenbrück. Dort hängt an der Wand der Meisterbrief des Vaters von Clemens Tönnies. Auf diesem ist im mittleren, oberen Bildausschnitt gut etwas zu sehen, das nicht nur beim ersten Hinschauen irritiert: ein Hakenkreuz. Bei allem Respekt für die Leistungen des Vaters darf beziehungsweise muss die Frage gestellt werden: Wieso hängt Clemens Tönnies ein Bild mit einer eindeutigen Nazi-Symbolik dort an die Wand? Und was sagt dies über die Person aus, die so etwas macht? Ist es Gedankenlosigkeit, Nachlässigkeit oder falsch verstandener Stolz?

Das Geld hat die Moral gefressen

Am Ende dieser Geschichte, die mit dem Auftritt von önnies am Freitag vergangener Woche in Paderborn begann, erscheint das Aufhängen dieser Urkunde in einem neuen Licht. Auch wenn, wie viele seiner Weggefährten versichern, Clemens Tönnies kein lupenreiner Rassist sein mag, so nimmt er einen Tabubruch in diesem Sinne offensichtlich und scheinbar ohne (echte) Skrupel in Kauf. Die Fragezeichen auf Schalke sind nach dem Urteil des Ehrenrates nicht kleiner geworden. Die inszenierte Selbstjustiz des Clemens Tönnies ist jedenfalls ein Schauerspiel. Ehrliche Reue sieht komplett anders aus.

In "Kir Royal" tanzte damals der Unternehmer Heinrich "Heini" Haffenloher auf dem Tisch - während der Boulevardjournalist Baby Schimmerlos desillusioniert und frustriert zurückbleibt. Es scheint auch in diesem Fall wie so häufig: Das Geld hat die Moral gefressen - und das Schlimme ist: Clemens Tönnies weiß schon jetzt, dass er damit durchkommen wird. Seine guten Freunde haben ihm ja gezeigt, wie es geht.

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Quelle: n-tv.de

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