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Bremen steckt im Abstiegskampf Warum Werder weiter in die Krise taumelt

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Kann es nicht glauben: Florian Kohfeldts Werder Bremen hat gegen Paderborn verloren und steckt damit mitten im Abstiegskampf.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Fußball-Bundesligist Werder Bremen steckt mitten im Abstiegskampf - nur merkt es an der Weser niemand. Dabei kriselt es bei den Nordlichtern an allen Ecken und Enden, die einstige Heimstärke ist passé und selbst Max Kruse wird vermisst. Die fünf Gründe für Werders Misserfolg.

Werder-Fans, die ihre eigene Mannschaft auspfeifen. Das gibt es nicht oft. Die Pfiffe nach dem 0:1 gegen den Deshalb-nicht-mehr-Tabellenletzten aus Paderborn hatten sich die Grün-Weißen aber redlich verdient. Ängstlich, ohne Esprit und eher wie ein Absteiger als wie ein Aspirant auf die europäischen Plätze spielte Bremen nun schon zum wiederholten Male in dieser Saison – und liegt mit 14 Punkten aus 14 Spielen nur zwei Zähler vor dem Relegationsrang 16.

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Wer es gegen die Schießbude der Liga (32 Gegentreffer, nur Mainz hat mehr Anstöße ausgeführt als Paderborn) nicht fertigbringt, sich Chancen herauszuspielen oder gar ein Tor zu schießen, der muss sich gründlich hinterfragen. Das, so Trainer, Spieler und Offizielle von Werder Bremen, tue man an der Weser jede Woche. Und doch nehmen die Leistungen des Nordlichts eher ab, als dass Besserung zu erkennen wäre. Die Krise des Traditionsvereins – nur ein Sieg in den vergangenen zehn Ligapartien! – hat fünf Gründe.

1. Der Abstiegskampf wird nicht angenommen

Es fing schon in der Vorbereitung an: Kapitän Niklas Moisander sprach Europa als "Minimalziel" aus. Klar, Werder hatte in der Saison 2018/19 die internationalen Plätze nur denkbar knapp verfehlt, aber dennoch verbreitete sich in Bremen auch durch das von Cheftrainer Florian Kohfeldt bewusst offensive Auftreten nach außen eine gewisse Selbstüberschätzung. Dabei hatte Werder gerade einmal eine halbwegs gute Saison hingelegt. Vor genau zwei Jahren, am 14. Spieltag der Saison 2017/18 lag Werder nämlich noch auf Platz 17 und hatte drei Punkte weniger als heute.

Damals schaffte Bremen es aus dem Keller, weil es den Abstiegskampf annahm und um jeden Punkt kämpfte. Heute nehmen Kohfeldt und Manager Frank Baumann das an der Weser verbotene Wort nicht mal in den Mund. Das lässt einen Blick für die Realität vermissen – und könnte sich rächen. Denn wer den Abstiegskampf nicht annimmt, kann ihn erst gar nicht gewinnen. "Unser Passspiel war schlecht", sagte Kohfeldt nach der Partie gegen den Tabellenletzten, "wir sind darin verfallen, es fußballerisch zu sehr erzwingen zu wollen." In manchen Köpfen, vielleicht auch in dem des Trainers, herrscht sie immer noch, die Selbstüberschätzung, und so wird zu wenig gekämpft, um im Abstiegskampf bestehen zu können.

2. Qualität im Kader fehlt

Immerhin erkannte Baumann nach der Paderborn-Pleite: "Wenn man das Schalke-Spiel sieht und das heute, dann macht mir vor allem die Leistung Sorge." Aber er fuhr fort: "Weil das ein Thema war, das wir über die ersten zehn, zwölf Spiele nicht bemängeln konnten." Was stimmt: In vielen Spielen zu Beginn der Saison verkaufte sich Werder unter Wert, war oft die spielbestimmende Mannschaft - nahm allerdings keine Punkte mit. Aber es stimmte eben immer nur ein Teil der Leistung: Mal wurden Torchancen nicht genutzt, mal patzte das Mittelfeld, mal die Abwehr, mal der Torwart. Und auch beim jüngsten 3:2-Sieg in Wolfsburg hatten die Bremer Glück, am Schluss noch den entscheidenden Konter fahren und die drei Zähler einsacken zu können.

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Alles in allem stimmte die Leistung eben nicht komplett, sonst hätte Werder mehr Punkte gesammelt. Zwar war die Verletztenmisere enorm, aber auch andere Teams haben Verletzte. Und mittlerweile hat sich das Lazarett merklich gelichtet und die Ergebnisse bleiben gleich. Ergo: Es fehlt an Qualität im Kader. Zum einen in der Breite, so dass Stammspieler wie Ludwig Augustinsson, Kapitän Moisander oder Stürmer Niclas Füllkrug nicht eins zu eins ersetzt werden können, wenn sie ausfallen. Zum anderen aber auch punktuell: Es fehlt an Kreativgeistern, die auch in einem schlechten Spiel wie gegen Paderborn ein paar hundertprozentige Chancen herausspielen. In direkten Duellen kann sich eigentlich nur Milot Rashica durchsetzen, Leonardo Bittencourt agiert wie über seine gesamte Karriere zwar bemüht, aber nicht ertragreich.

3. Der Abgang von Max Kruse wurde unterschätzt

Nicht nur ein Kreativer fehlt, sondern auch ein echter Knipser. Füllkrug zeigte, dass er das sein kann, aber er zeigte genauso, wie verletzungsanfällig er ist. Claudio Pizarro hat natürlich die Strafraum-Gene, aber mit seinen 41 Jahren ist er kein Mann mehr für die vollen 90 Minuten. Genauso wenig kann Kohfeldt alles auf die Nachwuchsstürmer Joshua Sargent, Johannes Eggestein oder Benjamin Goller setzen. Und so vermisst wohl jeder in Bremen klammheimlich Max Kruse, der Topscorer der vergangenen Jahre bei den Nordlichtern. Er war Kreativgeist und Knipser in einer Person.

Kruses Abgang sollte mit verschiedenen Spielern kompensiert werden. Dieser Plan ging schief. Am ehesten schafft es noch Yuya Osako das Bremer Spiel zu leiten, aber nicht nur gegen Paderborn tauchte auch er komplett ab. Werders Spiel war über Jahrzehnte immer geprägt von einer tonangebenden Persönlichkeit in der Offensive: Von Mario Basler und Andreas Herzog über Johan Micoud und Diego bis hin zu Mesut Özil und Kevin De Bruyne. Dem Team fehlt auch der Anführer Max Kruse. Maxi Eggestein ist noch nicht so weit, Nuri Sahin ist zu brav und Davy Klaassen ist zu leise.

4. Eklatante Standard-Schwächen

Linksverteidiger Augustinsson erklärte nach der Niederlage gegen Paderborn: "Wir haben darüber gesprochen, dass wir nicht so passiv spielen dürfen wie gegen Schalke, und es ist wieder passiert." Der Schwede beschwor: "Wir müssen sehr kritisch mit uns umgehen und hart zu uns sein in dieser Woche." Zwar kassierte Werder diesmal kein Gegentor nach einem Standard, aber genau diese Parolen gab es im Wochenrhythmus, als es um die Schwäche nach Eckbällen und Freistößen ging. Am Spieltag darauf fielen dann wieder genau die gleichen Gegentreffer. Zehn sind es mittlerweile, mehr hat nur Hertha BSC. Die Berliner hängen ebenfalls im Keller fest.

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Das kann nicht nur Pech sein, sondern ist mittlerweile als Frage der Qualität anzuerkennen. Dazu kommen unnötige Fouls, wie etwa von Marco Friedl, der beim 2:2 gegen Freiburg in der dritten Minute der Nachspielzeit den Freistoß verursachte, den SC-Stürmer Nils Petersen zum Ausgleich nutzte. In der Winterpause muss Kohfeldt hier unbedingt ansetzen, sonst wird sich Bremen immer wieder einfache Gegentore fangen.

5. Gefährliche Heimschwäche

Die offensive Dominanz, die Kohfeldt sehen will, brachte bei Werder nicht nur gegen Paderborn kein einziger Spieler auf den heimischen Platz. Besonders in Heimspielen enttäuschten die Nordlichter. Dabei war das Weserstadion unter Kohfeldt mal eine Festung, die niemand einnehmen konnte. In dieser Saison allerdings: Ein Sieg, zwei Unentschieden und gleich vier Niederlagen bei 8:14 Toren. Damit haben die Werderaner jetzt schon ein Spiel mehr zu Hause verloren als in der gesamten vergangenen Saison. Damals landeten sie in der Heimtabelle auf Platz vier (acht Siege, sechs Unentschieden, drei Niederlagen), was ein Garant für die starke Saison war.

Immerhin Kapitän Moisander scheint das Problem erkannt zu haben: "Letztes Jahr waren wir viel stärker zu Hause, das ist enttäuschend für den ganzen Verein, die Fans und vor allem für uns. Wir müssen alles dafür tun, um das schnell zu ändern." Diese Worte erklangen an der Weser zuletzt schon oft. Passiert ist bislang jedoch noch nichts.

Quelle: ntv.de