Fußball

Bayerns Triumph im Schnellcheck Was Flick anfasst, das wird zum Triple

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Der FC Bayern gewinnt die Champions League - Cheftrainer Hansi Flick bewies ein Näschen mit einem Wechsel vor dem Spiel.

(Foto: SVEN SIMON/ Frank Hoermann/ Pool )

Der FC Bayern muss beißen. So stark wie Paris St. Germain hat den Klub noch kein Team herausgefordert. Und dann streikt auch noch der Ball. Aber der neue Triple-Sieger hat ja Manuel Neuer und Cheftrainer Hansi Flick, der den Matchwinner aus dem Hut zaubert.

Was ist im Estádio da Luz passiert?

Bayern Münchens Cheftrainer Hansi Flick sorgte vor dem Finale für eine kleine Überraschung: Anstelle des zuletzt starken Ivan Perisic rückte der schnelle Kingsley Coman (in Paris geboren, bei PSG ausgebildet) zurück ins Team. In der Abwehr blieb derweil alles wie gehabt. Also startete rechts Joshua Kimmich statt Benjamin Pavard. Auch das war streng genommen eine Überraschung. Denn die Defensive um den neuen Abwehrchef David Alaba und den (alten) Heldengrätscher Jérôme Boateng war zwar in der Königsklasse das Fundament für das herausragende Pressing der Münchner. Aber sie war auch die Reihe, die die Mannschaft am verwundbarsten machte. Denn durch das extrem frühe Anlaufen des Gegners stand die Viererkette oft "sehr hoch". Das bot viel Platz. Platz, den zuletzt sowohl der FC Barcelona als auch Olympique Lyon für sich entdeckt hatten, ihn allerdings nicht nutzten.

Keine Überraschung gab es derweil bei PSG. Thomas Tuchel vertraute jener Elf, die RB Leipzig so beeindruckend aus dem Turnier genommen hatte. Lediglich Stammtorwart Keylor Navas kehrte nach einer auskurierten Verletzung wieder ins Tor zurück. Der 33-Jährige aus Costa Rica, der dreimal mit Real Madrid die Champions League gewann, war im letzten Spiel vom Spanier Sergio Rico vertreten worden. Das Duell der europäischen Schwergewichte, des deutschen und des französischen Meisters, war auch das Aufeinandertreffen unglaublicher Serien. Seit dem siebten Dezember (!) sind die Münchner ungeschlagen. PSG war es vor der Partie sogar seit dem ersten November (mit einer einzigen 1:2-Niederlage zwischendurch im Achtelfinale der Champions League gegen Borussia Dortmund, die aber wegen des 2:0 im Rückspiel nicht ins Gewicht fiel).

Und es war der Showdown der Mega-Offensiven: Robert Lewandowski, der derzeit beste Mittelstürmer der Welt, der in dieser Saison unglaublich 55 Pflichtspieltore geschossen hat, zusammen mit Thomas Müller und Serge Gnabry gegen das Superstar-Duo Kylian Mbappé und Neymar. Am Ende wurde keiner von ihnen der Matchwinner, es kann ja auch nicht jedes Mal eine Torgala aufs Grün gebracht werden oder eine komfortable Halbzeitführung geben: Gegen Barcelona führten die Bayern nach 45 Minuten 4:1 und gegen Lyon mit 2:0, diesmal mussten sie mit einem 0:0 in die Pause und am Ende sollte ausgerechnet der Franzose Coman das Spiel mit einem einzigen Kopfball entscheiden. Es war ein Kampfspiel in Lissabon, aber eines mit sehr viel Spannung und hoher Qualität. Und am Ende gewann der FC Bayern München das zweite Triple seiner Vereinsgeschichte.

Teams und Tore

Tor: 0:1 Coman (59.)
Paris:
Navas - Kehrer, Thiago Silva, Kimpembe, Bernat (80. Kurzawa) - Marquinhos - Paredes (65. Verratti), Ander Herrera (72. Draxler) - Di Maria, Neymar, Mbappe; Trainer: Tuchel.
München: Neuer - Kimmich, Jerome Boateng (25. Süle), Alaba, Davies - Thiago (86. Tolisso), Goretzka - Gnabry (68. Coutinho), Thomas Müller, Coman (68. Perisic) - Lewandowski; Trainer: Flick.
Schiedsrichter: Orsato (Italien)
Zuschauer: keine (in Lissabon)
Gelbe Karten: Paredes (2), Neymar (3), Thiago Silva (2), Kurzawa (2) - Davies (2), Gnabry (2), Süle, Müller

Das Münchner Triple im Spielfilm

3. Minute: Kaum angepfiffen, schon steigt bei Twitter der digitale Blutdruck. Die Stimme von ZDF-Mann Béla Réthy klingt etwas blechern (stimmt). Ein Shitstörmchen. Technische Probleme womöglich? Wie heißt es bei uns so schön: Wir bleiben dran!

18. Minute: Spitzenpass von Leandro Paredes auf Mbappé. Spitzenpass von Mbappé auf Neymar. Dann Spitzenhand von Manuel Neuer, die für seinen geschlagenen Fuß rettet. Im Nachgang haut der Titan auch seinen Wuchtkörper noch in den zweiten Versuch des brasilianischen Mopeds (so umschmeichelt ZDF-Experte Sandro Wagner die Blitzschnell-Offensive von PSG). Das 1:0 für Paris war nah. Sehr sogar.

22. Minute: Béla Réthy sieht "Lewandowski wie eine Ballerina" - Drehung, Schuss, Pfosten. Wir sagen: So ist er halt, der Lewandowski. Außer dass er sonst das Tor macht.

23. Minute: Vier Pariser laufen auf die halboffene Bayern-Abwehr zu. Erst machen die Münchner alle Räume zu, dann aber wieder auf. Ander Herrera findet einen, den sonst nur Thomas Müller findet. Dort lauert Angel di Maria, der knallt den Ball aber freistehend deutlich drüber. Eingeleitet wurde die Szene übrigens durch einen Hacken-Luft-Pass von Mbappé - gegen Boateng.

31. Minute: Marc-André ter Stegen, ähmmm ... Keylor Navas verhindert das 0:1. Lewandowski drückt eine Flanke wuchtig per Kopf auf das Pariser Tor, dort pariert der Henkelpott-Hattricker mit einem Titanen-Reflex. Verrückte Welt: Mit seinen blondierten Haaren sieht er aus der Ferne verdammt aus wie ter Stegen (der hatte sich gegen den FC Bayern im Viertelfinale in dieser Minute übrigens bereits das vierte Gegentor gefangen). Der Stammkeeper des FC Barcelona wurde gerade am Knie operiert - gute Besserung! -, hat einen neuen Trainer und bald vielleicht Lionel Messi nicht mehr als Teamkollegen.

45. Minute: Heiliger Bimbam, was macht Alaba denn da? Er liefert im Strafraum die PERFEKTE Vorlage für Mbappé. Der bekommt den Ball zehn Meter vor dem Tor auf den Fuß und schiebt ihn höflich in die Arme von Neuer. Ein Mitleidsabschluss so kurz vor der Pause.

Halbzeit: Durchatmen. Es ist ein intensives Finale.

52. Minute: Es rudelt! Gnabry fällt Neymar. Paredes knöpft sich Gnabry vor. Und dann: alle gegen alle. Aber: alles nicht so schlimm. Gelb für Gnabry und Gelb für Paredes. Weitermachen.

60. Minute, TOOOOOR FÜR DEN FC BAYERN. 0:1 Coman: Müller macht das Spiel schnell. Und zwar so, wie es nur Müller kann (ohne sich dabei zu verletzen). Gnabry rennt, legt für Kimmich ab. Der lupft in aller Ruhe und ganz fein auf Coman. Und Coman hält sein Köpfchen hin, anders als Kehrer, Tor!

63. Minute: Paris, bis zum Gegentreffer defensiv sehr gut, wackelt wie ein Lämmerschwanz (Grüße an die Eurosport-Legende Dirk Thiele). Erst klärt Presnel Kimpembe mit einem Wahnsinns-Kopfball gegen Robert Lewandowski, dann lässt Coman seinen zweiten Treffer liegen. Der erfahrene Brasilianer Thiago Silva klärt dessen Volley-Geschoss klar vor der Linie!

68. Minute: Überraschende Personalien beim FC Bayern: Der mittlerweile überragende Coman geht, dafür kommt Ivan Perisic. Gegenspieler Kehrer wird's vermutlich freuen. Auch Halbfinal-Held Serge Gnabry hat Feierabend, er wird durch Philippe Coutinho ersetzt.

70. Minute: Marquinhos macht's gut (Schuss), Neuer macht's besser (Parade).

86. Minute: Thiago geht. Geht er für immer? Es soll ja angeblich sein letztes Spiel für die Münchner gewesen sein. Auf dem Feld derweil: Ballverluste, Fouls, Grätschen. Kurzum: Mehr Maloche als Kunst.

89. Minute: Dominanz-Geste von Neuer. Er hält einen Schuss des freistehenden Mbappé! Stark, aber nicht nötig. Denn so frei Mbappé stand, so weit stand er auch im Abseits. Aber mal eben Klasse zeigen, ist ja immer eine gute Idee! Wichtig: Es gibt fünf Minuten Nachspielzeit.

92. Minute: Die Hacke von Choupo-Moting ist ein paar Zentimeter zu kurz. Wahnsinn. Und Glück für den FC Bayern. Neymar hatte den Joker perfekt freigespielt.

Den kompletten Spielfilm finden Sie hier in unserem Re-Live-Ticker.

Was war gut?

Das Händchen von Cheftrainer Flick und der Wechsel von Ivan Perisic zu Kingsley Coman. Nach einer mäßigen ersten Hälfte, in der er und Gnabry überhaupt keinen Zugriff bekamen und mit Dribblings und Läufen keine Wege durch die PSG-Abwehr finden, drehte der Franzose in der zweiten Halbzeit enorm auf. Vielleicht war es der Fast-Elfmeter, den er Sekunden vor dem Halbzeitpfiff nicht bekam und der ihn anstachelte. Sein Tor in der 59. Minute war jedenfalls der Türöffner auch für seinen eigenen Sturmlauf, immer wieder stellte er Thilo Kehrer vor riesengroße Probleme auf der linken Seite. In der 68. Minute nahm ihn Flick viel zu früh vom Platz. Der Matchwinner blieb er trotzdem.

Richtig gut war auch die Qualität des Spiels. Endlich passt die Floskel einmal - Achtung, nächste Phrase - wie die Faust aufs Auge: Ein 0:0 der besseren Art sahen die Zuschauer in der ersten Halbzeit. Chancen auf beiden Seiten, meist schön herausgespielt. Beide Teams machten defensiv fast keine Fehler. Beide Mannschaften blieben bei ihren Stilen und trafen mit offenen Visieren auf einen Gegner auf Augenhöhe. Auch die Intensität stimmte, es gab kaum Längen, immer wieder sahen die Zuschauer am TV abwechselnde Druckphasen beider Teams.

Das Pressing der Bayern war erneut extraklasse. Gleich in der ersten Minute drückten die Münchner am PSG-Sechszehner, gewonnen den Ball, aber die Chance verpuffte ohne große Gefahr. Auch die kompakte Verteidigung gegen Mbappé und Neymar funktionierte. Die Bayern halfen sich aufopferungsvoll, ließen ihre Kollegen nie allein im eins-gegen-eins mit den Superstars. Aber die Pariser Zielstrebigkeit und Ruhe am Ball war (fast) noch besser. Der französische Meister ließ sich durch das Bayern-Pressing selten aus der Ruhe bringen. Und spielte blitzschnell und sehr genau nach vorne in die Spitze. So gelangen allein in Halbzeit eins zwei Mbappé-Halbchancen, eine Neymar-Riesenmöglichkeit und eine Mbappé-Hunderprozentige.

Aber Bayern Münchens Nummer eins Manuel Neuer ist noch immer einer der besten Torhüter auf dem Planeten. Das bewies der 34-Jährige nicht erst in der 60. Minute des Halbfinals gegen Olympique Lyon mit einer Weltklasse-Parade gegen den völlig frei stehenden Karl Toko Ekambi. Und auch im Finale, als er Neymars Schuss, der ihm schon durch die Hosenträger gerutscht war, noch mit einer Hand parierte und sein rechter Fuß den Ausgleich durch Marquinhos verhinderte. Aber auch sein Gegenüber Navas parierte stark gegen einen Lewandowski-Kopfball aus kurzer Distanz und war ansonsten sehr sicher.

Was war schlecht?

Die Chancenauswertung. In den ersten 25 Minuten hätten beide Teams führen können. Besonders PSG ließ in Neymar und di María beste Möglichkeiten aus. In der 45. musste Mbappé aus fünf Metern das 1:0 machen, aber schoss Neuer direkt in die Arme. Im zweiten Durchgang schoss Marquinhos freistehend gegen den heranrauschenden Neuer. Doch auch die Münchner ließen bis auf das Tor des Tages immer wieder die nötige Kaltschnäuzigkeit in ihren Angriffen vermissen.

Der Oberschenkel von Boateng. Vielleicht auch sein Glück. Bei einem PSG-Gegenstoß verletzt sich der Ex-Nationalspieler und humpelt in der 25. Minute vom Platz. Sein Nachfolger in der DFB-Elf, Niklas Süle, folgte ihm auch hier aufs Feld.

Außerdem schlecht: Es fiel kein einziges Wort zu Menschenrechten, aber dazu mehr im letzten Punkt dieses Textes.

Der Aufreger des Spiels

Münchens Alphonso Davies stand Anfang der ersten Hälfte beim Einwurf und verlangte nach einem anderen Ball - was war da los? Es schien den Spielern nicht genug Luft im Spielgerät gewesen zu sein. Auch Trainer Flick prüfte den Ball und zeigte sich nicht glücklich. Wie die "Bild"-Zeitung berichtete, rief ihm Schiedsrichter Daniele Orsato auf Englisch zu: "Ich weiß ... Jeder Ball ist scheiße, aber das kann ich nicht ändern!" Außerdem: Auf dem Spielgerät stand noch "Istanbul 2020", der eigentliche Finalspielort, bevor die Corona-Krise die Pläne durchkreuzte, anstatt "Lissabon 2020".

Was sagen die Triple-Sieger?

Manuel Neuer: "Es ist schwer, gleich nach dem Spiel zu realisieren. Die Freude war natürlich riesengroß nach dem Abpfiff. Es waren noch mal fünf Minuten Nachspielzeit, und wir haben alle drauf gewartet, dass der Schiedsrichter endlich abpfeift. Dass wir uns das verdient und auch gewünscht haben, es ist wirklich ein Traum für uns alle. (...) Vielleicht hat es noch nie so Spaß gemacht, in dieser Mannschaft zu spielen."

Thomas Müller: "Es fühlt sich unglaublich an. Wir haben eine riesige Reise hinter uns. Seit dem Herbst sind wir einen weiten Weg gekommen und haben einen Lauf hingelegt, der sensationell ist. Es war nicht unser bestes Spiel heute. Wir hatten das Quäntchen Glück heute und Manuel Neuer zwischen den Pfosten. Wir streiten uns darum, wer den Fehler des anderen wieder gut macht. Wenn man das sieht, dann haben wir einiges richtig gemacht. (...) Mir ist ein bisschen schummrig. (...) Die Ergebnisse waren im Herbst nicht toll und die Rolle für mich war sehr unangenehm. Ich freue mich, dass ich zeigen konnte, dass ich nicht auf den Altglascontainer gehöre und es noch drauf habe."

Der bittere Beigeschmack

Ein Verlierer stand schon fest, bevor das Finale überhaupt angepfiffen wurde: die Menschenrechte. Im Endspiel der Champions League wurde der Fußball endgültig zum Spielball Katars, ein Land, in dem sonst vor allem die Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Paris St. Germain, ein staatliches Projekt des Emirats am Persischen Golf und Bayern München, ein Katar immer stärker hofierender Klub, gewährten einem Unrechtsstaat, in dem Gleichberechtigung von Frauen und Männern nicht mal auf dem Papier annähernd existiert, Menschen aufgrund ihrer Religion, sexueller Selbstbestimmung oder sexueller Orientierung diskriminiert werden und in dem die Ausbeutung von Migrationsarbeitern systematisch betrieben wird, Einlass in das größte Vereinsfußballspiel der Welt. Selbst nach modernen Maßstäben des Sports war das Königsklassen-Endspiel damit stärker befleckt als jemals zuvor. Menschenrechte waren aber bei Spielern und Offiziellen rund um das Finale kein Thema. Das diesjährige CL-Finale darf nicht kommentarlos über die Bühne gehen, es muss in diesem Kontext betrachtet werden.

Der Tweet des Spiels

Quelle: ntv.de