Fußball

Klopps Erfolgsteam mit Makel Was Liverpool noch zur Spitzenklasse fehlt

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Hat derzeit gut lachen: Jürgen Klopp.

(Foto: imago/Sportimage)

Nach vier Spieltagen grüßt Liverpool mit Cheftrainer Jürgen Klopp von der Tabellenspitze der Premier League. Die Fans hoffen endlich auf den großen Wurf, während die Mannschaft noch mit kleinen Schwachstellen zu kämpfen hat.

Das letzte Mal, als Liverpool eine englische Meisterschaft gewann, schnürten noch britische Fußballlegenden wie Peter Beardsley und Ian Rush ihre Stiefel für die "Reds". Das war im Jahr 1990 und seitdem blieb der traditionsreiche Klub aus dem Nordwesten Englands erfolglos in der obersten Spielklasse des Landes. Viele Fans an der legendären Anfield Road hoffen nun, dass Jürgen Klopp diesen Bann durchbrechen kann.

Der Saisonstart verlief verheißungsvoll. Nach vier Spieltagen ist Liverpool Tabellenführer. Gegen mehrere kleine Teams hielt sich Klopps Mannschaft schadlos, was im Vergleich zu den Vorjahren eine Verbesserung darstellt. Denn oftmals waren es die kleinen Gegner, die sich in die eigene Hälfte zurückzogen, nicht am Spiel beteiligten und Liverpool ein Bein stellten. Wie schon zu seiner Dortmunder Zeit tut sich Klopp gelegentlich schwer damit, seinen Spielern eine gangbare Strategie bei eigenem Ballbesitz zu vermitteln. Umso durchschlagskräftiger ist zumeist das Pressing und Angriffsspiel nach Ballgewinnen.

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So spielt Liverpool momentan im 4-3-3: Keïta besetzt den linken Halbraum, Firmino lässt sich häufig zurückfallen und Mané sowie Salah suchen den Weg ins Zentrum.

An den ersten vier Spieltagen hatte Liverpool rund 58 Prozent Ballbesitz und erzielte neun Tore. Lediglich einen Treffer ließ die Mannschaft zu - und das nach einem Patzer von Torhüter Alisson. Eigentlich läuft es für Klopp und seine Spieler hervorragend, wären da nicht kleine Probleme, die aus der Vorsaison mitgeschleppt wurden.

Der Liverpooler Kreisel

Aber zunächst zum Positiven: Liverpool erreichte das Champions-League-Finale im Mai mit einem im Vergleich zu anderen Top-Teams allenfalls durchschnittlichen Mittelfeld. Genau diese Schwachstelle wurde im Sommer adressiert. Neben Fabinho kam Naby Keïta für die zentralen Positionen im 4-3-3. Der ehemalige Leipziger Keïta führte sich sofort gebührend ein. Er zog die Fäden im Spielaufbau und sorgte für Durchschlagskraft am anderen Ende des Spielfelds.

Keïtas Vielseitigkeit machte ihn schon in seiner Zeit in Deutschland zu einem extrem interessanten Spieler. Bei Liverpool ist er in Nullkommanichts in eine Art Spielmacherrolle geschlüpft. Sicherlich ist Keïta keiner, der Torvorlagen am Fließband produziert, aber er kreiert Situationen, aus denen Torschüsse entstehen können. Ein solcher Akteur fehlte Liverpool noch in der Vorsaison. Aktuell ist er vor allem als Passgeber und Dribbler und weniger als Abräumer gefragt. Das liegt an den hohen Spielanteilen, die Liverpool beispielsweise bei den Siegen über Brighton and Hove Albion sowie Crystal Palace vorweisen konnte.

Keïta driftet viel durch die Halbräume und sucht ständig das Zusammenspiel mit seinen Mitspielern. Ähnlich verhält es sich mit der namhaften Angriffsreihe. Sadio Mané, Mohamed Salah und Roberto Firmino verharren nicht statisch auf ihren Positionen. Firmino lässt sich regelmäßig ins Mittelfeld fallen, während seine beiden Offensivkollegen Läufe ins Zentrum unternehmen. Wenn zudem Keïta oder der zweite Achter vorstößt, entsteht viel Dynamik innerhalb der Liverpooler Formation - ganz nach dem Geschmack von Klopp, der Statik eher vermeiden möchte.

Viel Ballbesitz, wenig Produktivität

Aber Liverpool erzielt viele Tore weiterhin nicht aus dem eigenen Aufbau heraus. Ein veranschaulichendes Beispiel war der 1:0-Sieg über Brighton. Die "Reds" dominierten das Geschehen und verbuchten rund 70 Prozent Ballbesitz. Dementsprechend hatte Klopps Mannschaft viele Situationen, in denen sie von hinten das Spiel eröffnen durfte (oder musste). Innenverteidiger Virgil van Dijk schaltete sich im Rücken von Keïta ein. James Milner suchte aus dem Mittelfeld die Wege nach vorn. Aber der Ertrag war überschaubar. Das Siegtor fiel nach einer Balleroberung in der Hälfte Brightons.

Nun ist an Pressing und aggressiver Defensivarbeit nichts auszusetzen. Doch Liverpool bräuchte mehr Ausgeglichenheit im Spiel. Andernfalls wird es über kurz oder lang wieder Partien geben, in denen die Mannschaft nicht die eine entscheidende Balleroberung hat und keinen Treffer erzielt - und schließlich wertvolle Punkte im Meisterschaftsrennen liegen lässt.

Der Ansatz bei eigenem Ballbesitz ist klar: Durch viel Bewegung und Positionswechsel sollen Freiräume und freie Anspielstationen entstehen. Aber die Automatismen sind noch nicht da. Zu oft muss beispielsweise van Dijk, der viel Verantwortung im Spielaufbau übernimmt, abdrehen und den Ball wieder zurückspielen. Dadurch verpufft der Effekt, den die Positionswechsel in Mittelfeld und Sturm haben. Die "Reds" können so den Gegner nicht auf dem falschen Fuß erwischen und geraten im schlimmsten Fall sogar in Bedrängnis, wenn dieser in einen aggressiven Pressingmodus umschaltet.

Liverpool benötigte an den ersten vier Spieltagen 38,4 Pässe pro Torschuss, weil recht viele Angriffsversuche nicht bis ins letzte Spielfelddrittel kamen, wo die Mannschaft eigentlich rasch den Abschluss sucht. Zum Vergleich: Manchester City unter Cheftrainer Pep Guardiola benötigte nur knapp 30 Pässe. Dabei wird der Spielstil des Katalanen gerne als langweilig und ballverliebt verschrien, ist aber gerade im Moment um einiges zielstrebiger und flüssiger als Liverpools.

Erster Härtetest in London

Am Samstag gastiert Liverpool bei Tottenham Hotspur. Klopps Mannschaft erwartet damit der erste große Härtetest. Das Pressing der Spurs ist um einiges zugriffsstärker als jenes der vorherigen Gegner und könnte den Spielaufbau Liverpools arg in Bedrängnis bringen. Allerdings fühlt sich Klopp in einer Außenseiterrolle bekanntermaßen wohl. In der vergangenen Saison warf er mit den "Reds" das eigentlich übermächtige Manchester City aus der Champions League.

Sollten die Spurs versuchen, das Spiel im eigenen Stadion zu dominieren, könnte einmal mehr die Klopp'sche Pressingmaschine greifen und für Kontersituationen sorgen. Mané, Salah und Co. sind dann wieder in ihrem Element. Allerdings liegt darin die Krux: Für den lang erhofften Meisterschaftsgewinn braucht es eben Spitzenklasse in allen Spielsituationen. Daran muss Klopp auch in diesem Jahr noch arbeiten.

Quelle: n-tv.de