Fußball

Don't try this at home! Was am deutschen Fußball besser ist als am englischen

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Theater der Träume? Das Old Trafford in Manchester.

(Foto: imago/PA Images)

Weil ihn die Premier League fasziniert, zieht unser Autor nach Manchester. Nach anderthalb Jahren findet er aber, dass der deutsche Fußball nicht werden sollte wie der englische. Vor den drei Duellen in der Champions League mit Teams aus beiden Ländern erklärt er, warum.

Ich war zehn Jahre alt, als ich zum ersten Mal eine Ahnung davon bekam, dass England ein besonderer Ort sein muss, wenn man sich für Fußball interessiert. Im Fernsehen lief die Europameisterschaft 1996, die im Mutterland dieses Sports ausgetragen wurde, wie mich die Kommentatoren bei jeder Gelegenheit lehrten. Die deutsche Nationalelf hielt ihre Gruppenspiele in Manchester ab, in einem Stadion, das Theater der Träume genannt wurde.

Als es im Halbfinale gegen England ging, im Wembley-Stadion in London, erfuhr ich, dass dieser Spielstätte ein einzigartiger Mythos inne wohnt und lernte, dass Duelle zwischen den beiden Ländern immer von einer speziellen Rivalität geprägt sind. Zum einen wegen eines Spiels im Jahr 1966 an gleicher Stelle, zum anderen irgendwie auch wegen des Zweiten Weltkriegs. Wobei sich meinem zehnjährigen Ich nicht so richtig erschloss, was damit gemeint war. Seitdem habe ich mich dem englischen Fußball angenähert, nach und nach.

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Apropos Mythos: Dieser Engänder traf 1996 im EM-Halbfinale gegen die DFB-Elf im Elfmeterschießen nicht.

(Foto: imago/Horstmüller)

Bei einem Urlaub um die Jahrtausendwende sah ich in London ein Spiel in der dritten Liga, Fulham gegen Wigan Athletic, und besichtigte das Wembley-Stadion. Das echte, das vom WM-Finale 1966 und von der EM 1996. Nicht diesen modernen Protzbau mit dem Flair einer Shopping-Mall, in dem Tottenham Hotspur und Borussia Dortmund heute (ab 21 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) die deutsch-englischen Wochen im Achtelfinale der Champions League eröffnen.

Ein poliertes Unterhaltungsprodukt

Im Studium machte ich ein Praktikum bei einer Zeitung in London und berichtete zum ersten Mal über die Premier League. Na gut, genau genommen berichtete ich nicht. Ich trug Informationsschnipsel aus fragwürdigen Internet-Quellen zusammen. Am Wochenende saß ich in einer Kneipe an der Themse, trank warmes Bier ohne Kohlensäure und schaute mir die Spiele des FC Arsenal, des FC Chelsea und von Manchester United an. Ich dachte: So lässt es sich leben. Seit anderthalb Jahren wohne ich in Manchester und schreibe über englischen Fußball. Ich besuche regelmäßig das Stadion, das mir als Kind als Traum-Theater angepriesen wurde, das Old Trafford von Manchester United. Ich sehe den FC Liverpool an der Anfield Road - und in Ausnahmefällen auch Newcastle United im St. James' Park, dem meiner Meinung nach besten aller Stadien in England.

Ich bin immer noch fasziniert, auch wenn der Fußball nicht mehr der ist, den deutsche TV-Kommentatoren in den Neunzigern skizziert hatten. Die Premier League ist ein auf Hochglanz poliertes und von arabischen Scheichs und russischen Oligarchen gesponsertes Unterhaltungsprodukt, das in aller Welt konsumiert wird, während es für Menschen in England immer schwerer wird, sich Eintrittskarten zu leisten. Ich habe mich damit arrangiert, weil ich nicht als Fan hier bin, sondern als Journalist. Für Journalisten ist die Premier League spannender Stoff. Und: Journalisten müssen sich keine Eintrittskarten kaufen.

Günstige Tickets, gute Stimmung, Stehplätze, Bier

Wenn nun also Dortmund und Tottenham, der FC Schalke 04 und Manchester City und der FC Bayern und Liverpool in der Champions League aufeinander treffen, dann ist es möglich, dass alle drei deutschen Vertreter ausscheiden. Vielleicht kommt es anders - aber es kann passieren. In deutschen Medien würden dann wieder viele Artikel erscheinen, die in staatstragendem Ton beklagen, dass der deutsche Fußball den Anschluss verloren habe und international nur noch zweitklassig sei. Es würde sich auch wieder der eine oder andere Autor finden, der die Abschaffung der 50+1-Regel ("Wettbewerbsnachteil!") und die Öffnung für Investoren ("überfällig!") fordert.

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Das Gefühl, irgendwie noch Teil des Klubs zu sein: Fans des FC St. Pauli.

(Foto: imago/Matthias Koch)

Meiner Meinung nach ist der deutsche Fußball schon ganz gut so, wie er ist. Es hat seine Gründe, dass an jedem Wochenende Hunderte Engländer zu Spielen in Dortmund, Gelsenkirchen oder auf St. Pauli fliegen. Sie haben dort, was in der Heimat verloren gegangen ist: vergleichsweise günstige Tickets, gute Stimmung auch im Liga-Alltag, Stehplätze, Bier, das Gefühl, irgendwie noch Teil des Klubs zu sein, nicht nur Kunde. Außerdem gibt es in Deutschland die Ultras, die zwar unbequem, nervig und in einigen Fällen kriminell sein können, sich oft aber auch gegen Rassismus, Sexismus und andere Formen der Diskriminierung einsetzen. Ich habe den Eindruck, dass dem deutschen Fußball gar nicht klar ist, welchen Wert das alles hat. Er sollte nicht versuchen, zu sehr wie der Fußball in England zu werden.

Es ist ja so: Auch englische Verhältnisse garantieren keinen Erfolg. Das ist in der Champions League zu sehen. Der bislang letzte Sieg einer Mannschaft aus der Premier League liegt sieben Jahre zurück. Damals gewann Chelsea das Finale nur mit viel Glück - gegen den FC Bayern.

Quelle: n-tv.de

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