Fußball

Redelings und die Klub-WM Was hat den Fußball bloß so ruiniert?

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Das Schöne am Fußball ist: Wir können ja einfach selber spielen - fast immer und fast überall.

(Foto: imago/Pixsell)

Gianni Infantino und Konsorten rufen die nächste Melkkuh ins Leben: Eine Klub-WM mit 24 Mannschaften im Sommer 2021. Uli Hoeneß ist begeistert. Doch die allermeisten Fußballfans wenden sich frustriert und angewidert ab. Ein weiterer Schritt dem Kollaps entgegen.

Ein Freund von mir klang richtig entsetzt. Er ist Lehrer an einer Schule in Oberbayern und hatte am vergangenen Mittwoch, voller Vorfreude auf die Partie zwischen dem FC Bayern München und dem FC Liverpool, in seiner achten Klasse gefragt, wer denn am Abend auch Fußball schaue. Er blickte in ratlose Gesichter. Aus Neugierde präzisierte er seine Frage. Nun wollte er wissen, wer denn am Abend überhaupt spiele? Niemand (!) kannte die Antwort. Für den Lehrer und großen Fußballfan seit Kindheitstagen ein Schock. Was ist da bloß passiert in den vergangenen Jahren? Was hat den Fußball offensichtlich so ruiniert, dass er bei der nachwachsenden Generation so wenig Begeisterung hervorruft?

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"Ich bin immer glücklich, aber heute besonders": Gianni Infantino.

(Foto: imago images / UPI Photo)

Natürlich wird diese eine Klasse meines Freundes immer noch eine Ausnahme darstellen. Sie sollte dennoch als letztes Alarmsignal verstanden werden. Eigentlich. Denn die Hoffnung darauf, dass noch irgendwer, der etwas zu sagen hat, diese bitteren Botschaften wahrnimmt, ist gleich Null. Obwohl die goldene Rolex der Fußball-Funktionäre mittlerweile auf fünf nach Zwölf steht, machen sie so weiter, immer weiter, wie bisher. Das viele Geld hat ihren Blick vernebelt und ihre Sinne abgestumpft. Und jedes Mal, wenn man denkt, dass es einfach nicht mehr schlimmer kommen kann, der Wahnsinn doch endlich einmal eine Grenze erreicht haben müsste, kommen sie mit der nächsten großen Scheiße um die Ecke und leeren ihren Kübel voller Mist über die Menschen, die den Sport lieben und ihn trotz des täglichen moralischen und menschlichen Elends vor ihren Augen, immer lieben werden. Nur anders. Und vielleicht eines Tages sogar ohne sie.

Nun also soll es alle vier Jahre eine Klub-WM geben. Uli Hoeneß, der Präsident des FC Bayern, ist begeistert. Und Fifa-Präsident Gianni Infantino verkündete nach der entscheidenden Sitzung des Weltverbandes breit grinsend: "Ich bin immer glücklich, aber heute besonders. Nicht für mich, sondern für den Weltfußball." Und auch wenn man eigentlich denkt, dass man sich doch nicht jedes Mal aufs Neue über so viel dreiste Unverfrorenheit aufregen kann, macht man es dennoch – weil dieses Gefühl der Machtlosigkeit einen wahnsinnig werden lässt. Eine Horde (neu-)reicher, skrupelloser Männer zerstört vor unseren Augen eine der ganz großen Lieben unseres Lebens. Und wir haben keine Chance, daran etwas zu ändern. Oder etwa doch?

Wann dürfen wir aus diesem Albtraum erwachen?

Vergangene Woche hat ein anderer Freund seinen Vertrag beim Bezahlsender Sky verlängert - erstmals komplett ohne ein Fußballpaket. Natürlich gibt es immer noch genug Verrückte, die alle Anbieter im Abo haben, aber sie werden weniger. Spürbar weniger. Es ist eine Entwicklung, die seit Jahren im Gange ist, weil die Gier nach noch mehr Geld selbst diejenigen verschreckt hat, die eigentlich hart im Nehmen sind und sich nun umso enttäuschter abwenden. Auch das ist keine neue Erkenntnis. Im Augenblick ist es sogar mehr das Pfeifen im dunklen Wald derjenigen, die immer noch tief drinnen an etwas glauben, das es schon seit vielen Jahren nicht mehr gibt.

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Die Abkehr so vieler Leute von diesem grandiosen Spiel tut weh. Es tut auch weh mitanhören zu müssen, wie mittlerweile über den Fußball gesprochen wird. Wenn man manche Menschen reden hört, möchte man sich am liebsten verschämt abwenden und leugnen, dass man immer noch auf eine gewisse Art und Weise ein Teil dieses Drecksgeschäfts ist - einfach, weil man Fußballfan ist.

Es sind wahrhaft trübe Gedanken, die einem beim Schreiben eines solchen Textes durch den Kopf gehen. Immer wieder aufs Neue. Denn auf der anderen Seite stehen die vielen wunderschönen Erlebnisse in all den Jahren mit dem Fußball. Die unzähligen Geschichten der alten Helden, die Auswärtsfahrten mit den Freunden und die Versöhnungen mit den Gegnern nach Spielschluss. Auch meinen Kollegen, den Lehrer, habe ich beim Fußball kennen gelernt. Es ist das, was dieses Spiel immer ausmachen wird: Es bringt uns zusammen, weltweit. Und deshalb wird da die Hoffnung immer bleiben, dass kein Geld diese eine, wunderbare Seele des Spiels kaputtmachen kann. Auch wenn wir uns alle schon lange nichts sehnlicher wünschen, als dass dieser schiere Wahnsinn doch noch einmal frontal gegen die Wand fährt - und wir endlich aus diesem Albtraum erwachen dürfen.

Quelle: n-tv.de

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