Fußball

Krisensitzung zu Ancelotti Was ist der FC Bayern eigentlich?

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"Der Trainer trifft die Entscheidung": Thomas Müller.

(Foto: imago/kolbert-press)

Der FC Bayern wird im Culture Clash der Fußball-Champions-League in Paris phasenweise vorgeführt. Der Klubboss mahnt, wieder der FC Bayern zu werden. Aber wofür stehen die Münchner eigentlich? Und kann Trainer Carlo Ancelotti das moderieren?

Als die Frage nach der nur sehr schwer zu identifizierenden Spielidee des FC Bayern gestellt wurde, da musste Joshua Kimmich lachen. "Ja, das ist nicht so einfach, wenn du nach zwei Minuten das erste Gegentor bekommst", sagte der Rechtsverteidiger nach der 0:3 (0:2)-Klatsche im Champions-League-Culture-Clash bei Paris Saint-Germain im ZDF. "Wir wollten das Zentrum kompakt halten, die Mitte zu machen." Kimmich lächelt. "Wir wollten die Räume eng machen." Jetzt lacht er wieder. Ein Lachen, das alles oder nichts bedeuten kann. Ein Lachen, das aber im nun wieder lodernden Krisenfeuer des Fußball-Bundesligisten fatal abfällig wirkt.

Krisensitzung?

Die Niederlage des FC Bayern in der Champions League bei Paris St. Germain hat für Trainer Carlo Ancelotti womöglich unmittelbare Folgen. Wie die "Sport Bild" berichtet, soll es noch an diesem Donnerstag eine Krisensitzung geben. Dabei geht es angeblich um die berufliche Zukunft von Ancelotti. Im Falle einer vorzeitigen Entlassung stünde Willy Sagnol als Übergangslösung bereit. Der ehemalige Profi wurde im Sommer auf Wunsch der Verantwortlichen für das Trainer-Team verpflichtet, er war zuvor als Chef-Coach bei Girondins Bordeaux von 2014 bis 2016 tätig.

Man muss Joshua Kimmich keine Absicht unterstellen. Erst recht keine subtile Botschaft in Richtung Trainer. Man darf ihm aber ein gewisses Maß an Verzweiflung attestieren. Und die hat der Nationalspieler nicht exklusiv. Auch wenn die Münchener nach dem viel zu frühen 0:1 durch Dani Alves (2.) viele gute Momente in der Spielkontrolle hatten und sich eine irrwitzig große Zahl an Ecken (18!) erarbeiteten - der Plan, den sich Carlo Ancelotti ausgedacht hatte, wirkte verwirrend; wie schon gegen Anderlecht, wie gegen Wolfsburg.

Für die Zuschauer am Mittwochabend sowieso, aber auch für die Spieler. Die flankten, was das Füßchen hergab, und irrlichteten im Pressing - frei nach dem Motto: "Wir gehen drauf…, ach, nee, doch nicht…, oder doch? Egal". Eine kollektive Idee, organisiertes Anlaufen? Nein. Stattdessen: überfordert gegen das Pariser Tempo. Dabei hatten sie in München ja gerade die Geschwindigkeit von Neymar und Kylian Mbappe als zu entmachtendes Argument ausgemacht, um diesem nervigen Prä-Debakel-Geschwätz erfolgreich zu begegnen. "Wir dürfen Neymar, Cavani und Mbappe keinen Platz geben", hatte Ancelotti gesagt. Klare Anweisung, unklare Umsetzung. Und so analysierte der Italiener nach dem Spiel wortkarg: "Wir hatten nicht die richtige Balance, die Konter waren zu stark." Der FC Bayern war überfordert, in der Betrachtung des großen Ganzen chancenlos wie selten. Auf großer Bühne simpel, aber schmerzhaft und peinlich geohrfeigt.

Heftig umstrittene Aufstellung

Doch die viel saftigere Watsch'n kam vom Vorstandschef. Karl-Heinz Rummenigge urteilte bei seiner ritualisierten Bankett-Rede in ungewohnter Härte: "Das was wir gesehen haben, war nicht Bayern München." Das stimmt freilich nicht, denn die Anwesenheit des Klubs im Prinzenpark wurde per TV-Bild einwandfrei belegt. Das Problem ist vielmehr: Was ist Bayern München? Darüber gibt es derzeit ein akutes Definitionsproblem. Und das ist ganz eng verknüpft mit Ancelotti. Der wollte sich das Spiel gegen PSG und seine heftig umstrittene Aufstellung ohne Weltmeister Mats Hummels, Franck Ribéry und Arjen Robben zwar nicht schlechtreden lassen, "wir hatten eine gute Kontrolle, viel Ballbesitz, für mich war es die beste Aufstellung", muss sich aber einmal mehr die Konsequenz seines Handelns vorwerfen lassen.

Freilich ist die Idee, James Rodriguez und Thomas Müller aufzustellen, nicht völlig verrückt. Gemeinsam mit Robert Lewandowski hatten sie auf Schalke, beim dominanten 3:0, federführend für die beste Bayern-Leistung in dieser Saison gesorgt. Aber die Idee zeigt eben auch, dass es offenbar kein strukturelles Leitmotiv für Aufstellung und Spielsystem gibt. Ganz anders noch als in den überreglementierten Guardiola-Jahren. Jeder darf nun mal, ob im 4-2-3-1, oder im Lieblingssystem des Trainers, dem 4-3-3. Vor allem die, die gerade mal wieder wütend oder enttäuscht sind. Mal funktioniert's, mal halt nicht. In der Liga halten sich die Schäden noch in Grenzen, weil eben oft auch die üppig vorhandene individuelle Klasse reicht, um schwächere Teams wie Mainz zu dominieren.

Ob so allerdings der erfolgsverpflichtende Umbruch gelingt, der im Sommer ausgerufen wurde? Der durch die Karriereenden von Philipp Lahm und Xabi Alonso unaufschiebar geworden ist? Der die alte Generation vom Robben und Ribéry noch einmal zum Henkelpott führen und die Nachfolger um Kingsley Coman und Kimmich fit genug für einen nahtlosen Übergang des nationalen und internationalen Furors sorgen soll?

Ancelotti muss sich in diesem Spannungsfeld an einer Turnübung versuchen, die er nie zuvor gewagt hat - und für die ihm offenbar die Traute fehlt: eine neue stabile Achse bilden; ein System schaffen, das Rotation verträgt; Kritik und Missstimmungen der Alphatiere moderieren (was eigentlich seine Stärke ist); und Kaderentscheidungen konsequent durchziehen - anders als bei Müller, den er quasi entmachtet hatte und nun wieder als Stammkraft aufbietet. Müller stellte sich ebenfalls dem ZDF. Versuchte seltsam lethargisch zu erklären, was kaum zu erklären war. Seine bemerkenswertesten Sätze sagte er, kurz bevor er das Studio verließ, als er auf die ungewöhnliche Aufstellung angesprochen wurde. Müller sagte nur: "Der Trainer trifft die Entscheidung. Er wird sich sicherlich seine Gedanken machen." Sätze, die in guten Zeiten alles und nichts bedeuten können. Aber es sind keine gute Zeiten in München. Und schon gar nicht für den Trainer.

Quelle: ntv.de