Fußball

Die Härte der Bewertung Wenn Manuel Neuer Mesut Özil wäre ...

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Der Unterschied zwischen Härte und Milde folgt offenbar keiner Logik.

(Foto: imago sportfotodienst)

Im Urlaub singt Manuel Neuer ein Lied einer rechtsextremen Band aus Kroatien. Ist das nun ein Skandal? Das Management des Torwarts verweist darauf, dass er die Sprache nicht beherrsche. Aber reicht das als Erklärung? Ist nicht eigentlich eine andere Frage entscheidend?

Manuel Neuer kann kein Kroatisch. Punkt. Reicht das, um zu erklären, warum der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und des FC Bayern im Urlaub in Dalmatien das Lied einer Band mitsingt, der vorgeworfen wird, den kroatischen Faschismus zu verherrlichen? Vielen reicht das, ja. Denn der Manuel, der ist ein guter Junge, ein netter Kerl und er hat so viel für uns (Deutsche) getan. Vor sechs Jahren etwa, da hat er uns doch zum Weltmeistertitel titanisiert. Im Sommer 2014 waren wir zwar nicht mehr Papst, dafür aber Manuel - und natürlich ein bisschen Mario! Wer so argumentiert, und das tun in den sozialen Medien so einige, der hat vergessen, wie wir (Deutsche) vor zwei Jahren mit Mesut Özil umgegangen sind.

Das Problem ist also (noch) nicht Neuer - zumindest so lange nicht, bis er sich erklärt hat (was dringend Not tun würde). Das Problem ist die Bewertung. Es ist eine Bewertung zwischen relativer Entspanntheit (Neuer) und Hyperventilation (Özil).

Uns und wir. Nähe und Distanz. Härte und Milde. Jeder nimmt sich das, was er gerade braucht. Distanz zu Özil? Kein Problem. Ein Foto mit und ein Bekenntnis zum türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, da hoben nicht nur die Radikalsten im Land den (rechten) Zeigefinger, da gab's ein breites Bündnis der Zustimmung: Der Spielmacher der deutschen Nationalmannschaft ist nicht mehr tragbar. Dass er selbst später seinen Rücktritt aus dem DFB-Team per bitterer Abrechnung über Twitter verkündete, das war reichlich Öl ins Großfeuer, an dem die Massen von Özil-Kritikern längst dümmste Ressentiments und Vorurteile aufwärmten. Wir (Deutsche) gegen Özil, der uns (Deutsche) übrigens auch zum Weltmeister gemacht hatte. Wer versuchte, den 31-Jährigen zu verteidigen, der stand mitten im "Shitstorm".

Die Empörung, die damals schneller einen Flächenbrand auslöste, als eine glimmende Kippe in einem ausgedörrten Wald, die kriecht im Fall Neuer nun nur langsam empor. Distanz zu Neuer? Schwierig offenbar. Viel schwieriger als bei Özil jedenfalls. Zu Recht? Womöglich ist das in diesem Moment nicht die richtige Frage. Womöglich müsste sie heißen: Was wäre eigentlich, wenn Manuel Neuer Mesut Özil wäre? Die Antwort, sie wäre vermutlich sehr schmutzig, richtig asozial und sehr wahrscheinlich sehr rassistisch. Und darum geht's. Um den Umgang! Nicht darum, ob jemand (unbedarft?) ein Foto macht, oder (unbedarft?) ein Lied singt. So aber gibt es in den sozialen Medien viel Unterstützung für den Torwart. Zwischen einem schulterzuckendem "Ist halt blöd gelaufen" und einem sehr verständnisvollen "Das ist doch wirklich kein Skandal" sind jede Menge wohlmeinende Zwischentöne zu lesen. Ist das fair?

Kein rassistischer Vorwurf

Nein, das ist es nicht. Niemand muss Manuel Neuer Rassismus vorwerfen. Das würde tatsächlich zu weit gehen, zumal es bislang in seiner Vita keine entsprechende Indizienkette gibt, die sich nun fortschreiben lassen würde. Und zumal der Song von vielen Kroaten offenbar als beliebtes Volkslied, als bisweilen leicht kitschige Liebeserklärung an das Land eingestuft wird - ohne jegliche faschistische Tendenzen. Allerdings handelt der Song tatsächlich auch vom Traum "Groß-Kroatiens". Von jenem Groß-Kroatien, das bis heute ein politisches Ziel der Rechtsextremen im Land ist.

Und so bleiben schon ein paar Fragen, deren Klärung (durch Neuer) vor der Absolution wünschenswert wäre: Wenn er kein Kroatisch kann, warum wirkt er in dem Video dann ziemlich textsicher? Weiß er, von welcher Band der Song ist? Von einer Band zwar, die regelmäßig im öffentlich-rechtlichen Fernsehen präsent ist, die aber auch gelegentlich mal einen Song singt, der das Töten von Juden und Serben in Konzentrationslagern verherrlicht. Und sind zwei Angestellte des FC Bayern - Neuer war in Begleitung seines Trauzeugen und Torwarttrainers Toni Tapalovic (kroatische Wurzeln) unterwegs - so naiv zu glauben, dass ein solcher (auch noch gefilmter) Auftritt nicht direkt den Weg in die sozialen Medien, also die Öffentlichkeit findet? Und dass ein solches Video nicht auch Propaganda-Material für all jene in Kroatien ist, für die der Song eben doch weit mehr ist als nur ein beliebter Schunkelschlager?

Nun mag es so sein, dass mit dem Thema Patriotismus in Kroatien ganz anders umgegangen wird als bei uns (Deutschen). Die Nationalmannschaft des Landes, die 2018 bei der WM in Russland so erfolgreich war und erst im Finale von Frankreich gestoppt wurde, hat damals regelmäßig Songs der Band Thompson gehört. Der Gründer und Frontmann, Marko Perković (ein Kriegs-Veteran), saß später sogar bei der Triumphfahrt durch Zagreb mit auf dem offenen Bus der Nationalmannschaft. Und auch hat Neuer keinen Song einer rechtsextremen Band aus seiner Heimat gesungen. Die Aufregung, sie wäre sofort in anderen Dimensionen, in Özil'schen (wenn auch mit deutlich mehr Neuer-Verteidigern).

Woran sich vermutlich kaum noch jemand erinnert: Im Mai 2017 wurde während der Eishockey-WM in Deutschland bekannt, dass sich NHL-Star und DEB-Goalie Thomas Greiss ebenfalls in den sozialen Medien als Anhänger von Donald Trump geoutet hatte. Unter anderem hatte er damals auch einen Trump-Vergleich von Hillary Clinton mit Adolf Hitler mit dem Gefällt-Mir-Button markiert. Der Aufschrei? Gering. Greiss? Egal. Nicht so wie Özil, der polarisierte wie kein deutscher Fußballer in den vergangenen Jahren. Nicht so wie Neuer, der wegen seiner ruhigen Art so beliebt ist und wegen seiner Paraden geliebt wird.

Als Argument für die überraschend verbreitete Kritiklosigkeit gegenüber dem freimütigen Neuer taugt das allerdings genauso wenig wie seine mangelnden Kroatisch-Kenntnisse.

Quelle: ntv.de