Fußball

Fans lieben Starkstrom-Stil Wie Klopp die Liverpooler erobert hat

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Trainer Jürgen Klopp holt das Beste aus seinen Spielern heraus - Mo Salah hat sich in die Weltspitze gespielt.

(Foto: imago/Independent Photo Agency Int.)

Jürgen Klopp, der FC Liverpool und die Stadt sind mittlerweile eine Einheit. Das Champions-League-Finale wäre der größte Erfolg des ehemaligen BVB-Trainers in England. Wie schon in Dortmund funktionieren seine Methoden.

Jürgen Klopp hat ziemlich gut verstanden, bei was für einem Verein und in was für einer Stadt er gelandet ist. Das war zu erkennen, als er nach dem Halbfinal-Hinspiel seines FC Liverpool in der Champions League gegen den AS Rom in der vergangenen Woche die Ausgangslage für das entscheidende zweite Treffen an diesem Mittwochabend (ab 20.45 Uhr im n-tv.de Liveticker) erläuterte. Seine Mannschaft hatte den Gegner an die Wand gespielt und nach 70 Minuten 5:0 geführt, ließ in der Schlussphase allerdings zwei Gegentore zu und muss sich deshalb noch einmal auf ein anspruchsvolles Stück Arbeit im Rückspiel in Rom einstellen. "Ich weiß, dass Liverpool immer den etwas schwereren Weg nehmen muss. So ist es jetzt wieder. Am Ende hatte Liverpool meistens Erfolg", sagte Klopp.

Solche Aussagen treffen einen Nerv beim Publikum in der Stadt im Nordwesten Englands. Das Gefühl, es immer ein bisschen schwerer zu haben, immer ein bisschen härter für den Erfolg kämpfen zu müssen, ist ein Teil der Identität der Bewohner Liverpools. Die Stadt hatte dramatisch zu leiden unter dem Zusammenbruch der Industrie. Auch der Klub hat schon schwere Kapitel überstanden. Vor allem die Katastrophe im Hillsborough-Stadion vor 29 Jahren mit 69 Toten und der Jahrzehnte währende Kampf um Gerechtigkeit haben den FC Liverpool geprägt. Aus sportlicher Sicht lassen sich Spiele wie das Champions-League-Finale von 2005 gegen den AC Mailand, das Liverpool nach 0:3-Rückstand noch gewann, als Beleg dafür anführen, dass sich der Verein auskennt mit beschwerlichen Wegen zum Ruhm.

Klopp überzeugt sogar Kritiker

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Klopp wird schon mit Vereinsikone Bill Shankly verglichen.

(Foto: imago/Action Plus)

Klopp und Liverpool - die Stadt und der Klub - sind nach und nach zusammengewachsen seit dem Amtsantritt des ehemaligen Dortmunder Trainers im Oktober 2015. Dass er den Verein kurz vor das Erreichen des Champions-League-Endspiels geführt hat, ist seine bislang größte Errungenschaft in Liverpool. Erstaunlich ist dabei, dass Klopp den Erfolg mit seinen eigenen, schon in der Vergangenheit angewandten Mitteln erzielt hat, gegen die Zweifel der Kritiker.

Er hat sich bis tief in diese Saison anhören müssen, dass sein wilder Umschaltfußball zwar spektakulär anzusehen sei, allerdings auch zu anfällig für Gegentore ist. Der Trainer ist von seiner Spielweise nicht abgewichen. Das ermöglicht Partien wie das 5:2 gegen Rom. Das ermöglicht, dass seine Mannschaft mit der herausragenden Sturmreihe Mohamed Salah, Sadio Mané und Roberto Firmino fünf Tore schießen aber eben auch zwei kassieren kann. Und das in fast jedem Spiel, gegen jeden Gegner. In der Premier League hat Liverpool vor anderthalb Wochen gegen den Tabellenletzten West Bromwich Albion eine 2:0-Führung verschenkt. Die Fans nehmen solche Nebenwirkungen in Kauf. Sie lieben Klopps Starkstrom-Stil. Sie wollen keinen stumpfen Ergebnisfußball, wie ihn José Mourinho bei Manchester United spielen lässt. Sie wollen nicht den Reagenzglas-Fußball von Manchester Citys Trainer Josep Guardiola.

Klopp entlockt Spielern ihre Talente

Wie schon in seinen sieben Jahren in Dortmund, die mit zwei Meisterschaften und einem Finale in der Champions League dekoriert waren, gelingt es Klopp auch in Liverpool, das Umfeld mit seiner Art zu vereinnahmen. Er ist zu einer Autorität geworden, wie ein politischer Anführer, sein Wort hat Bedeutung.

Die Zeitung "Independent" vergleicht Klopp mit Bill Shankly, dem Baumeister des FC Liverpool, weil es beiden Männern gelang (beziehungsweise gelingt), ihre Werte und Vorstellungen auf ihre Spieler und das Umfeld des Klubs zu übertragen. "Sollte sich Merseyside zur unabhängigen Volksrepublik erklären, wie einige Menschen in der Region halb im Spaß meinen, hätte Klopp den Rückhalt, um das Präsidenten-Amt zu übernehmen", formulierte die Zeitung. Dazu passt, dass sich der Trainer zuletzt auch politisch positioniert hat, als er seine Ablehnung des Brexits erklärte ("Die EU ist nicht perfekt, aber es ist die beste Idee, die wir hatten").

Ein Rezept seines Erfolgs auf dem Rasen ist, dass Klopp wie auch in seiner Dortmunder Zeit Spieler weiterentwickelt und in ihnen ungeahntes Talent zum Vorschein bringt. Beispiele sind die Außenverteidiger Andrew Robertson und Trent Alexander-Arnold, der eher solide Mittelfeldmann James Milner, der plötzlich bester Vorbereiter der Champions League ist, und natürlich Angreifer Mohamed Salah. Seine Verpflichtung vor der Saison für rund 42 Millionen Euro löste keine besondere Euphorie aus. Mittlerweile steht er, zumindest für den Moment, in der Wertung der besten Fußballer des Planeten nicht weit hinter Cristiano Ronaldo und Lionel Messi. "Er ist in Weltklasse-Form. Um wirklich der beste Spieler der Welt zu sein, muss man sich aber über einen längeren Zeitraum beweisen", sagt Trainer Klopp.

Über einen längeren Zeitraum - und natürlich in großen Spielen. Die Chancen stehen gut, dass Salah mit dem FC Liverpool bald die Gelegenheit dazu bekommt. Nämlich in dreieinhalb Wochen im Finale der Champions League.

Quelle: ntv.de