Fußball

Bundesliga-Check: VfL Wolfsburg Wölfe planen Europa-Tour mit der Schubkarre

imago41238936h.jpg

Krafttrainining mal anders: In der Vorbereitung nutzten die VfL-Profis mit Anschieber Wout Weghorst und Pilot Maximilian Arnold eher ungewohntes Sportgerät.

(Foto: imago images / regios24)

Nach zwei Jahren in der Relegation spielt sich der VfL Wolfsburg zurück in den Europapokal. Trotzdem verabschiedete sich Trainer Bruno Labbadia. Sein Nachfolger OIiver Glasner setzt auf eine andere Art Fußball - und überrascht mit ungewöhnlichen Trainingsmitteln.

Relegation, Relegation, Europapokal. Mittelmaß und Langeweile waren in den vergangenen drei Saisons Fremdworte für die Fans des VfL Wolfsburg. Nachdem der Klassenerhalt zweimal in Folge mit Extraschichten gesichert werden musste, qualifizierten sich die Niedersachsen mit Platz sechs erstmals seit der Saison 2015/2016 wieder für den internationalen Wettbewerb. Damals scheiterte der Fußball-Bundesligist im Champions-League-Viertelfinale knapp am späteren Sieger Real Madrid. Und auch wenn die Gegner in der Europa League vielleicht eine Nummer kleiner wird als die einstmals Galaktischen sind, ist die Freude auf Europapokal-Abende bei den Fans der Wölfe riesengroß.

Was gibt's Neues?

imago41506224h.jpg

Trainer Oliver Glasner führte in der vergangenen Saison den Linzer ASK zur Vizemeisterschaft in Österreich.

(Foto: imago images / regios24)

Das 8:1 gegen den FC Augsburg am 34. Spieltag der abgelaufenen Saison war nicht nur der höchste Sieg der Wolfsburger Bundesliga-Geschichte, sondern auch der Abschied von Trainer Bruno Labbadia. Er hielt den VfL zunächst über den Umweg Relegation in der Liga und führte ihn dann nach Europa. Dorthin schaffte es auch der neue Mann an der Seitenlinie – der heißt Oliver Glasner, trainierte bis zum Sommer den Linzer ASK und machte aus dem österreichischen Zweitligisten einen Vizemeister und Europapokal-Teilnehmer. Der 44-Jährige verließ Linz als gefeierter Trainer und bringt seine Vision von Fußball nun mit nach Niedersachsen. Wie die aussieht? "Es geht um Tempo, ums Jagen, ums Erobern", schreibt der "Kicker", Österreichs Bundestrainer Franco Foda charakterisiert den Glasner-Fußball mit "hohes Anlaufen, schnelles Umschaltspiel". Während die Wölfe unter Labbadia oft eher über den eigenen Ballbesitz versuchten, Angriffe zu initiieren, setzt Glasner auf deutlich mehr Pressing und mehr Aggressivität, um den Gegner möglichst schon im Spielaufbau zu Fehlern zu zwingen und schnell zum eigenen Abschluss zu kommen.

imago41198396h.jpg

Wout Weghorst überragte in seiner ersten Bundesliga-Saison mit 17 Toren und 7 Vorlagen.

(Foto: imago images / regios24)

Personell gibt es viel Kontinuität, die Leistungsträger blieben,  mit Jérôme Roussillon und Kapitän Josuha Guilavogui verlängerten zwei Stammkräfte ihre Verträge langfristig. "Dass das Team zusammenbleibt, ist nach der starken Saison nicht selbstverständlich", sagt André Voigt, VfL-Fan und Kommentator beim Wölferadio. Daher ist Voigt "hochzufrieden", auch weil Manager Jörg Schmadtke den Kader "clever verstärkt" hat. "Ich habe mich über die Jahre immer wieder gefragt, warum wir nicht mehr Pressing spielen", berichtet Voigt – sein Wunsch wird jetzt Realität. Die größten Hoffnungen liegen dabei auf Xaver Schlager, der Mittelfeldspieler kam für 15 Millionen Euro von RB Salzburg. Für den 21-Jährigen war auch ein Faktor, dass er in Glasner auf einen weiteren Österreicher und damit auf ein "vertrautes Gesicht" trifft, wie er am Rande eines Testspiels erklärte. Dass Salzburg auf eine ähnliche Spielanlage wie Glasner setzt, kommt dem Nationalspieler ebenfalls entgegen.

Auf wen kommt's an?

*Datenschutz

Auf den Trainer. Die Mannschaft ist weitgehend zusammengeblieben, neu ist das System. Wie schnell gelingt es Glasner, die Wölfe dahin zu bringen, als Rudel auf Balljagd gehen, um diese offensichtliche Metapher aus dem Weg zu räumen. Diese Balljagd kostet Kraft und ist laufintensiv, dafür muss also die Fitness stimmen. Statt aber einfach Kilometer zu bolzen und seine Spieler vom einen Waldlauf zum nächsten und danach auf die Hantelbank zu schicken, setzt der 44-Jährige auf spielerische Elemente. So etwa im Trainingslager in Schladming, als Athletik-Coach Michael Berktold eines Morgens mit einer Schubkarre den Platz betrat. Nicht etwa, um darin Hütchen, Bälle oder sonst etwas zu transportieren - etwas später saß Mittelfeldspieler Maximilian Arnold in der Karre und wurde von Stürmer Wout Weghorst über den Platz geschoben. Krafttraining mal anders.

Das scheint zu funktionieren. Die Vorbereitung "läuft überraschend gut", sagt Voigt. In sieben Testspielen gab es vier Siege und drei Remis, der neue VfL ist also noch unbesiegt. Die Generalprobe wurde dabei zum Schützenfest, im 120-Minuten-Test gegen den französischen Erstligisten OGC Nizza kombinierten sich die Wolfsburger zu einem 8:1. Erfreulich war auch das Comeback von Torwart Koen Casteels, der seine Oberschenkel-Verletzung auskuriert hat. Auch Josuha Guilavogui ist nach langer Ausfallzeit wieder da. Verletzungsbedingt kam er in der Vorsaison nur 19 Mal in der Liga zum Einsatz, der Franzose geht in sein sechstes Jahr und hat sich zum Leistungsträger entwickelt.

Was fehlt?

Ein Ersatzmann für Stürmer Wout Weghorst. Der niederländische Angreifer brillierte in seiner ersten Bundesliga-Saison mit 17 Toren und 7 Vorlagen und hätte sich somit natürlich auch einen Platz unter "Auf wen kommt's an" verdient. Allerdings fehlt dem Kader eine Alternative, wenn Weghorst anders als in der Vorsaison, in der er alle 34 Liga-Spiele absolvierte, doch mal eine Pause braucht. Daniel Ginczek fehlt aufgrund von Rückenproblemen, wie lange er ausfällt, ist noch offen.

imago41488388h.jpg

Neuzugang Xaver Schlager soll wie hier beim 8:1 gegen Nizza das Spiel des VfL prägen.

(Foto: imago images / regios24)

Der VfL täte gut daran, auf dieser Position noch einmal personell nachzulegen. "Das ist die einzige Lücke", sagt auch Voigt: "Der Kader ist tiefer und stärker besetzt" im Vergleich zum Vorjahr. Admir Mehmedi und Josip Brekalo kommen eher über ihre Schnelligkeit und Spritzigkeit ins Spiel, während der knapp zwei Meter große Weghorst auch einfach mal "den Körper reinstellen" kann, wie es so schön heißt.

Wie lautet das Saisonziel?

Platz sechs im Vorjahr, den Kader zusammen gehalten, einen neuen Trainer geholt. Natürlich gibt sich Glasner verhalten und gibt als Ziel "einen Platz in der oberen Tabellenhälfte" an, wie er dem "Kicker" verraten hat. Das klingt eher nach Understatement und scheint verbunden mit der Hoffnung, diese eigene Zielsetzung am Ende übertreffen zu können. Vielleicht ist es nach den zwei Jahren in der Relegation aber auch verständlich, nicht gleich wieder von der Champions League zu sprechen.

Das sagt der Insider

André "Dré" Voigt

André Voigt ist Gründer und Chefredakteur des Basketballmagazins "Five". Sein Podcast "Got Nexxt" gehört zu den meistgehörten Sport-Podcasts in Deutschland. Als Kommentator ist Voigt beim "Wölferadio Arena Live" bei den Spielen des VfL Wolfsburg im Einsatz, bei DAZN kommt er als NBA-Experte zu Wort. Zu finden ist er auf Twitter, Instagram und Facebook.

In seiner Instagram-Story nach der Saisonprognose gefragt, redet André Voigt nicht lange drumherum: "Platz fünf". Die Begründung: "Es sollte das Ziel sein, den Erfolg der letzten Saison zu wiederholen und sich weiter zu verbessern." Deshalb also einen Platz besser und damit Rang fünf, zumindest für die Vorhersage. Mit Blick auf das vermeintlich einfache Auftaktprogramm hofft Voigt darauf, den Schwung der Vorsaison und des Sommers mitzunehmen. Glasner hält er für einen "guten Typen, ich hoffe, er macht sich bei uns einen Namen". Eine hohe Meinung hat er bereits jetzt von ihm, vor allem persönlich. "Dass er klare Kante gegen Rassismus zeigt", habe ihm imponiert. In seiner Zeit in Linz waren bei einem Auswärtsspiel zwei seiner Spieler massiv beleidigt und diskriminiert worden. Glasner: " Da sind mir eben die Sicherungen durchgebrannt, da wollte ich meine Spieler schützen."

Also wies er den Zuschauer zurecht, auch weil kein Ordner in der Nähe war, der hätte eingreifen können. Weil er dafür seine Coaching-Zone verlassen hatte, wurde er zunächst vom Schiedsrichter auf die Tribüne verwiesen und dann aber freigesprochen, weil der Verband ihn nicht wegen seiner Zivilcourage bestrafen konnte. Mit Zivilcourage kennt sich auch Voigt aus – er trat im Frühjahr beim Länderspiel Deutschlands gegen Serbien einer Gruppe von Männern entgegen, die Leroy Sané und Ilkay Gündogan rassistisch beleidigten.

Die Prognose von n-tv.de

Was der VfL Wolfsburg da macht, sieht nach einem vernünftigen Plan aus. Zuletzt spielten die Wölfe oft unter ihren Möglichkeiten, Labbadia brachte den Verein aus der VW-Stadt wieder auf Kurs. Glasner möchte den "Weg, der in der letzten Saison eingeleitet worden ist, erfolgreich weitergehen". Und führt seine neue Mannschaft wiederum in den Europapokal.

*Datenschutz
*Datenschutz

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema