Iran-Krieg, Sport-Boom bröckeltWüstenbeben: Saudi-Arabien sendet verblüffende Schockwellen

Ein neues Zeitalter Saudi-Arabiens in der globalen Sportwelt ist angebrochen: Riad dreht den Geldhahn zu, kappt die Finanzierung der LIV-Golftour und verhökert Vereine. Dahinter stecken neue Strategien des Königsreichs, die WM 2034 - und Bomben im Iran.
Vor etwa fünf Jahren begann der Angriff Saudi-Arabiens auf den globalen Sport. Er traf die etablierten und hauptsächlich westlichen Player mitten ins Herz.
Nach milliardenschweren Investitionen im Boxen hatte das Königreich damals mittels des staatlichen Investmentfonds PIF eine Mehrheitsbeteiligung am englischen Premier-League-Verein Newcastle United erworben und bald auch große Teile der Finanzökosysteme in den Sportarten Fußball, Motorsport, Tennis, Radsport, E-Sport und Mixed Martial Arts von der saudischen Finanzierung abhängig gemacht. Mit der FIFA wurden enge Beziehungen aufgebaut und im Golf mit der neuen LIV-Tour ein sportlicher Bürgerkrieg angezettelt.
Nun sendet Saudi-Arabien erneut Schockwellen in die Sportwelt. Doch diesmal zittern die globalen Schwergewichte, weil das Königreich den Geldhahn zudreht. Weil der saudische Sportboom ins Stocken geraten ist - und der eine Billion US-Dollar schwere PIF (Ziel bis 2030: zwei Billionen) seine gesamte Strategie justiert.
Sportswashing und LIV Golf
Als Saudi-Arabien im Dezember 2024 im Alleingang den Zuschlag für die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2034 erhielt, schien für Riad im Sport alles möglich. Auch wenn dem Königreich von vielen Seiten Sportswashing - ein Ablenken von Menschenrechtsverbrechen im Land mittels Sportereignissen - vorgeworfen wurde, galt gar eine baldige Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele als so unvermeidbar wie gegeben. Rückblickend war dies wohl der Höhepunkt von Saudi-Arabiens Versuch, den globalen Sport zu übernehmen.
Der Wind hat sich gedreht. Die lange als Testlauf für Olympia gehandelten Asiatischen Winterspiele 2029 mussten an Kasachstan abgegeben werden, weil das Skigebiet Trojena am Roten Meer nicht rechtzeitig fertiggestellt sein würde. Und unter der Woche überraschte das Königreich nun mit gleich zwei wegweisenden Schritten, die zeigen, dass es sich zunehmend vom Sportbereich zurückzieht.
Wie die "Financial Times" als Erstes berichtete, steht der PIF kurz davor, seine Unterstützung für LIV Golf einzustellen. Die Entscheidung sorgte für Aufruhr in der Sportwelt, war die Rebellentour vor fünf Jahren doch mit mehr als fünf Milliarden US-Dollar gefüttert und als eines der wichtigsten Instrumente auserkoren worden, mit dem Kronprinz und De-Facto-Herrscher Mohammed bin Salman sein Land als weltweit führenden Sportstandort und -veranstalter etablieren wollte. LIV soll Berichten zufolge jedoch im Laufe der Jahre Milliardenverluste verzeichnet haben und selbst in den kommenden fünf bis zehn Jahren keine Gewinne erwirtschaften.
Saudis mit neuer PIF-Strategie
In einem zweiten Schritt verkaufte PIF am Donnerstag einen Anteil von 70 Prozent am saudischen Fußball-Rekordmeister Al Hilal für etwa 373 Millionen US-Dollar. Der Klub bleibt zwar in der Familie, weil ihn die Kingdom Holding Company erwarb, das Unternehmen des milliardenschweren Unternehmers und Mitglieds der saudischen Königsfamilie, Prinz Alwaleed Bin Talal. Aber der Verkauf zeigt, dass der PIF auch im nationalen Sport mehr und mehr die Kontrolle abgeben möchte und eine Privatisierung von Vereinen anstrebt.
Beide Entscheidungen gehen einher mit einer neuen Fünfjahres-Gesamtstrategie, die der PIF am Mittwoch vorlegte und die von bin Salman genehmigt wurde. Im breit gefächerten Investitionsportfolio bis 2030 wurde der Begriff "Sport" nicht erwähnt. Zwar dürfte der Sport im Sektor Tourismus, Reise und Unterhaltung enthalten sein, aber die explizite Auslassung sorgte in der globalen Sportwelt für besondere Beachtung. Zudem soll vor allem national investiert werden.
In den englischen Medien wird seitdem eifrig diskutiert, was mit der saudischen Unterstützung für das in der Premier League strauchelnde Newcastle mit DFB-Nationalspieler Nick Woltemade passiert. Der Klub erzielt zwar Gewinne, aber der PIF hat auch massiv investiert und der Bau eines neuen Stadions verzögert sich, was Spekulationen befeuert.
Zwar werden der im Königreich erfolgreiche E-Sport und auch Boxen, MMA und die Formel 1 weiter vom PIF finanziert, doch Sportarten, die keine Erfolge vorweisen können, werden von nun an wohl knallhart eingestrichen. Im Tennis wurde bereits der Dreijahresvertrag über die Ausrichtung der Endrunde der WTA-Tour in Riad, der im November ausläuft, nicht verlängert.
Private Investoren für WM-Stadien?
Die neue Ausrichtung des PIF steht im Einklang mit der Argumentation der saudischen Regierung der letzten zwei Jahre, wonach wegen eines wachsenden Haushaltsdefizits "Haushaltsdisziplin" erforderlich sei. Selbst Teile des Neom-Megaprojekts mussten zurückgefahren werden. Im Sport soll das Geld von nun an vornehmlich in das größte Prestigeprojekt, die WM 2034, gesteckt werden. Elf kostspielige Stadien müssen noch gebaut werden - auch hier hofft Riad laut Berichten auf private Investoren. Zusätzlich machen Investitionen in die nötige Verkehrsinfrastruktur das Unterfangen noch teurer.
Und dann gibt es da auch noch den US-israelischen Krieg im Iran. Die vom Export von Öl und Gas abhängigen Golfstaaten haben während der Eskalation des Konflikts die Hauptlast der iranischen Vergeltungsmaßnahmen getragen, da der Iran Energieanlagen angegriffen und die Straße von Hormus faktisch blockiert hatte. Zwar wurde der neue PIF-Plan vor der Eskalation des Konflikts ausgearbeitet, doch PIF-Gouverneur Yasir al-Rumayyan erklärte am Mittwoch gegenüber dem saudischen Fernsehsender Al Arabiya, man überprüfe "alle Investitionen und Geschäfte aufgrund des Krieges". Noch weniger Geld für Sport? Der Krieg würde "den Druck erhöhen, einige Prioritäten neu zu ordnen", sagte al-Rumayyan.
Vor allem untergräbt der Krieg aber die Träume von Bin Salman. Der mächtige Kronprinz plant mit seiner Vision 2030, sein Land - auch mittels Sportevents - zu einem schillernden Handels- und Tourismuszentrum umzubauen, um unabhängig von Öl und Gas zu werden und ausländische Investitionen anzuziehen. Dass der Rückzug aus der LIV-Golftour jetzt kommt, dürfte auch mit dem Krieg zu tun haben.
Neue Zeitrechnung betrifft auch Ronaldo
Laut der "Financial Times" ist der PIF in den letzten zwei Jahren strategischer und weniger opportunistisch geworden, der Fonds gilt nicht mehr als Quelle für leicht verdientes Geld. Doch finanziell stark ist er weiterhin, wie etwa der 55-Milliarden-Dollar-Kauf von Electronic Arts eines PIF-angeführten Konsortiums oder die Unterstützung für Paramount bei der Übernahme von Warner Bros Discovery jüngst zeigten.
Doch im Sportbereich wird es künftig definitiv weniger Investitionen aus Saudi-Arabien geben. Die LIV-Rebellentour wird wohl vorerst weitergehen, wie CEO Scott O'Neil laut übereinstimmenden Medienberichten seinen Mitarbeitern in einer Mail mitteilte. Aber der saudische Rückzug scheint beschlossen - und ohne diese Gelder dürfte die komplette Tour zugrunde gehen.
Die Schockwellen sind nicht nur im Golf spürbar. Ein neues Zeitalter der Beziehungen von Saudi-Arabien und der globalen Sportwelt ist angebrochen. Selbst Cristiano Ronaldo ist davon betroffen. Der portugiesische Superstar, so hofft der PIF, soll irgendwann seinen Klub Al Nassr kaufen, an dem er bereits einen kleinen Anteil hält.