Fußball

Redelings über Typen echte Typen Wuttkes Zichten im Stutzen, Ailtons Desaster

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Packung Zigaretten im Stutzen vor jedem Spiel: Wolfram Wuttke, hier im Gladbacher Trikot im Jahr 1980. Der schlechtere Fußballer war Wuttke mit Sicherheit nicht.

(Foto: imago sportfotodienst)

Batman Aubameyang und Robin Reus heute, Wolfram Wuttke und Dieter Schatzschneider früher. Die Zeiten ändern sich, die Sehnsucht nach Typen aber ist geblieben. Warum ein wenig Schalk und Show der Bundesliga noch nie geschadet haben.

Am Wochenende starb mit Wolfram Wuttke nicht nur ein fantastischer Fußballer, sondern auch ein echter Typ. Ich gebe zu, ich habe schon immer ein Faible für Menschen wie Wuttke gehabt. Ich mag auch Stefan Effenberg, Mario Basler und Franz Beckenbauer. Stundenlang könnte ich den Geschichten von Ansgar Brinkmann lauschen. Ich finde auch Peter Neururer klasse. Wäre er nicht Bundesliga-Trainer, würde er sicherlich irgendetwas anderes in der Showbranche machen. Wie Reiner Calmund. Er fehlt Leverkusen noch heute.

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(Foto: Sascha Kreklau)

Wäre Calmund damals nicht Manager von Bayer geworden, würde diesem Klub immer noch der Geruch von Plastik anhaften. Er hat den Verein mit Leben erfüllt. Hat Trainer wie Dragoslav Stepanovic ("Der ist einer zum Anfassen, der bringt uns hier mal Zirkusmief in die Bude") und Magier Christoph Daum verpflichtet. Menschen mit Charisma. Heute tingelt Calmund als One-Man-Show durch die Entertainment-Landschaft. Man muss das nicht mögen, aber eins ist sicher: Langweilig wird es dir mit diesem Menschen nicht!

"Fußball ist nicht das Wichtigste"

Ben Redelings, Jahrgang 1975, sagt: "Ich lese eigentlich alles, was es zur Bundesliga gibt." Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und kümmert sich seit 15 Jahren hauptberuflich um alles, was mit Fußball zu tun hat. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er alle zwei Wochen mittwochs die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Ganz nach dem Motto eines seiner zahlreichen Bücher: "Fußball ist nicht das Wichtigste im Leben - es ist das Einzige."

Leider hat Wolfram Wuttke den Sprung nicht geschafft. Dabei hätte er jeden Saal mit seinen Geschichten bestens unterhalten. Die Leute hätten seine Anekdoten geliebt. Seinen Witz, seinen Schalk. Noch vor ein paar Jahren hat er der "Sport Bild" auf die beliebte Frage nach dem "Was macht eigentlich Wolfram Wuttke?" am Telefon geantwortet: "Weißkrautsalat". Besser geht es nicht! Aber leider fühlte er sich oft unverstanden. Auseinandersetzungen mit Vorgesetzten gehörten zu seiner Karriere wie die Packung Zigaretten im Stutzen vor jedem Spiel. Er hat einmal etwas gesagt, das wie eine Parabel auf sein Leben klingt: "Wenn du erst so einen Ruf hast, kannst du doch machen, was du willst. In Hamburg war es so: Wenn der Schatzschneider einen erschossen hätte, hätte es garantiert geheißen, der Wuttke hat ihm die Pistole gegeben."

"Gelsenkirchen ist ein Desaster!"

Nach dem Tod von Udo Lattek und Wolfram Wuttke haben viele beklagt, dass es heutzutage keine echten Typen mehr gäbe. Subjektiv mag das stimmen, aber bereits Ende der 1970er Jahre haben Netzer, Overath und Beckenbauer gegenseitig bedauert, dass nach ihnen keine "Charaktere" mehr nachwachsen. Tatsächlich sind die besonderen Menschen in den vergangenen Jahren in der Bundesliga weniger geworden. Typen wie Wuttke oder auch einen Buffy Ettmayer gibt es schon lange nicht mehr. Leute, die frei Schnauze geredet haben, ohne im selben Atemzug bereits die Folgen zu fürchten. Als Ettmayer damals vom VfB zum HSV wechselte, sagte er: "Wenn ich in Stuttgart ins Flugzeug steige und daran denke, dass ich in Hamburg wieder raus muss, dann kriege ich immer Haarausfall."

In dieser Form hat es nach Ettmayer eigentlich nur Ailton verstanden, die Fans seines neuen Vereins gegen sich aufzubringen. Damals bei seinem Wechsel von Bremen nach Schalke, als er so überaus zuvorkommend meinte: ""Ich muss jetzt nach Gelsenkirchen. Alles, was ich bisher über die Stadt gehört habe, ist ein Desaster!" Eine weitere Gemeinsamkeit von Wuttke ("Ich bin ganz zufrieden mit meiner Figur, auch wenn manchmal ein Pfund zu viel drauf ist. Das macht mir nichts aus. Im Gegenteil, das stabilisiert"), Ettmayer und Ailton ist übrigens ihr auffälliges Äußeres gewesen. "Buffy" heißt auf Tschechisch nämlich so viel wie Dickerchen.

Unter der Kritik an seinem Gewicht litt Ettmayer genauso wie Ailton. Aber ebenso wie der Brasilianer ("Es liegt an meinem Körperbau, dass ich so füllig aussehe") verstand es auch der Österreicher, auf diese Spitzen mit einer gehörigen Portion Schalk zu reagieren. Als beim VfB sein Trainer Albert Sing einmal zu ihm sagte: "Es gibt Bilder, da warst du dünner", konterte Ettmayer launig: "Die sind wahrscheinlich mit einer Schmalfilmkamera gemacht!"

Das sind Geschichten, über die man schmunzelt. Gerne erzähle ich an meinen Abenden und in meinen Büchern von diesen außergewöhnlichen Charakteren. Sie sind abseits der neunzig Minuten auf dem grünen Rasen das Salz in der Suppe. Am Wochenende haben die in einer anderen Gewichtsklasse als Wuttke, Ettmayer und Ailton agierenden BVB-Profis Marco Reus und Pierre-Emerick Aubameyang beim Spiel gegen den FC Schalke 04 ein Tor auf ihre ganz spezielle Art gefeiert. Ihr Jubel als Batman und Robin hat für Schlagzeilen gesorgt. Es gibt zahlreiche tolle Bilder von dieser Szene. Man kann wie Marcel Reif damit nicht allzu viel anfangen ("Ich bin dafür zu alt") oder man kann sich freuen, dass hier und da das Normale für einen Augenblick durchbrochen wird. Was immer man aber auch tut: Wir werden uns noch in Jahren von diesem Moment erzählen. Genauso wie von Wolfram Wuttke. Und dafür sollten wir dankbar sein!

Quelle: n-tv.de

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