Fußball

Zu viel Kritik am DFB-Präsidenten Zwanziger ist amtsmüde

Der eine war Bundespräsident, der andere ist noch DFB-Präsident. Was Horst Köhler und Theo Zwanziger eint, ist eine schwach ausgeprägte Kritikfähigkeit. Doch während Köhler zurückgetreten ist, denkt Zwanziger nur darüber nach, das allerdings öffentlich.

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"Die Amtsmüdigkeit, die gibt es": Theo Zwanziger.

(Foto: picture alliance / dpa)

Theo Zwanziger erwägt, im Oktober nicht erneut für den Vorsitz des Deutschen Fußball-Bundes zu kandidieren. Als Grund führte der 65-Jährige in der "Rhein-Zeitung" nach fast vier Jahren als alleiniger DFB-Präsident Amtsmüdigkeit an: "Ja, das kann man so sagen. Die Amtsmüdigkeit, die gibt es." Zuvor hatte er nach Angaben der Zeitung schon vor den Delegierten des Fußballverbands Rheinland in Altenkirchen erklärt: "Ich spüre eine tiefe Sehnsucht nach dem Privaten."

Laut Zwanziger ist es "momentan völlig offen", ob er erneut kandidieren werde. Erst bis zur nächsten Präsidiumssitzung des DFB am 30. Juli will er eine Entscheidung treffen. "Dann müssen sich alle erklären, auch ich", sagte Zwanziger. Bei dieser Sitzung soll laut Zwanziger auch Klarheit darüber herrschen, ob mit Bundestrainer Joachim Löw eine Vertragsverlängerung möglich ist. Die ursprüngliche Verlängerung im Februar war ziemlich blamabel an unterschiedlichen Vorstellungen darüber gescheitert, welche Kompetenzen und wie viel Geld der Nationalmannschaftsleitung zugestanden werden sollten.

Für Unmut bei Bundestrainer Löw und öffentliche Kritik an Zwanziger sorgte damals insbesondere, dass irgendjemand Verhandlungsdetails an die "Bild"-Zeitung lanciert hatte. Bloß wer? In Altenkirchen wies er nun den Vorwurf zurück, die vertraulichen Informationen seien damals aus dem DFB durchgesickert: "Das kommt nicht von uns, das ist alles erstunken und erlogen. Der Verband macht das nicht, das ist nicht unsere Art." Stattdessen schob er die Schuld dem Umfeld von Löw und DFB-Manager Oliver Bierhoff zu: "Da tummeln sich drei oder vier Berater, die die Medien steuern mit irgendwelchem dummen Zeug."

Lieber Maulwurf als Misstrauen

Das überrascht, weil die lancierten Informationen für Löws und Bierhoffs Image äußerst unvorteilhaft waren. Diese Sichtweise überrascht auch, weil Zwanziger Ende Februar in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" keineswegs ausgeschlossen hatte, dass der Maulwurf im DFB sitze – nur interne Ermittlungen dazu schloss er damals aus: "Wenn ich ernsthaft prüfen will, wer das gewesen ist, implementiere ich Misstrauen im Präsidium. Das hat dieses Führungsgremium nicht verdient. Deshalb nehme ich das hin. Es darf aber nicht so oft passieren."

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Vertrauensverhältnis intakt? Theo Zwanziger und Bundestrainer Joachim Löw.

(Foto: dpa)

Auch wenn Zwanziger seitdem immer wieder beteuert hat, sein Vertrauensverhältnis zu Löw sei intakt: Beide Seiten haben trotz des teils grotesken Werbens von Zwanziger während der Weltmeisterschaft in Südafrika noch keine neuen Verhandlungen aufgenommen – ein Scheitern der Gespräche ist weiterhin möglich, es wäre auch ein Scheitern Zwanzigers. Der macht seinen Verbleib im Amt aber nicht nur vom Verlauf der Vertragsgespräche abhängig, sondern offenbar auch von seinem öffentlichen Ansehen. Das hat im Jahr 2010 massiv gelitten. Heftige Kritik an Zwanzigers Person hatte sich nicht nur nach den geplatzten Vertragsverhandlungen mit Löw entzündet, sondern insbesondere am Missmanagement des DFB im Zuge der Schiedsrichter-Affäre um Manfred Amerell und Michael Kempter. In Altenkirchen sagte Zwanziger nun: "Der eine oder andere Artikel, der verfasst wird, ohne die Fakten zu kennen, schmerzt schon. Auch Theo Zwanziger ist nur ein Mensch."

Tatendrang trotz Schiedsrichteraffäre

Der Präsident Zwanziger hatte sich in der Angelegenheit Amerell/Kempter trotz keineswegs eindeutiger Beweislage sehr früh auf die Seite von Kempter geschlagen, der dem früheren Schiedsrichterbeobachter Amerell sexuelle Belästigung vorgeworfen hatte. Unter anderem verglich Zwanziger das mutmaßliche System Amerell mit den Missbrauchsvorgängen in der katholischen Kirche, was ihm Amerell juristisch untersagen ließ. Zudem knüpfte der DFB-Präsident seinen Verbleib im Amt an Kempters Glaubwürdigkeit. Diese ist mit der Ende Mai erfolgten Einstellung der Ermittlungen gegen Amerell ruiniert. Das zeigt auch die später vom DFB vorgenommene Rückstufung des Ende 2009 noch zum Fifa-Schiedsrichter aufgestiegenen Kempters in die 3.Liga, die der Verband mit charakterlichen Mängeln begründete. Dem Verband droht nach Amerells Entlastung vor Gericht nun eine Schadenersatzklage des früheren DFB-Schiedsrichtersprechers.

Konsequenzen hat Zwanziger damals, zwei Wochen vor WM-Beginn, nicht gezogen. Stattdessen kündigte er Anfang Juni sogar an: "Ich werde im Oktober beim Bundestag in Essen einen sehr guten Geschäftsbericht abgeben können, dann werden die Karten neu gemischt." Von Rückzug wollte er damals noch nichts wissen. "Ich habe noch eine Menge zu tun, und meine Aufgabe als DFB-Präsident macht mit weiter viel Spaß. Deshalb habe ich noch nicht vor, mich komplett auf das Altenteil zurückzuziehen und nur in der Hängematte zu liegen."

"Wer soll es dann machen?"

Nun, eine Woche nach der WM, ist der große Tatendrang scheinbar Ernüchterung gewichen. Nicht nur die Frage, ob er weitermachen soll ("Völlig offen, wie ich mich entscheide"), belastet Zwanziger. Auch eine Zukunft des DFB ohne ihn an der Spitze kann er sich nicht vorstellen: "Dann entsteht für den DFB eine ganz schwierige Situation: Wer soll es dann machen?" Ein Problem, bei dessen Lösung ihm DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach sicher behilflich sein kann – sofern der Fall des Falles denn eintritt. Schließlich legt Zwanziger Wert auf die Feststellung: "Wenn ich gewählt werden will, dann werde ich auch gewählt."

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Im Jahr 2010 macht Zwanziger als DFB-Präsident bislang keine gute Figur.

(Foto: dpa)

Dass der 65-Jährige sein Amt tatsächlich aufgibt und er nicht nur damit kokettiert, ist keineswegs ausgemacht. Dafür spricht nicht nur seine Einschätzung in Altenkirchen, er müsse sich "wohl mit bestimmten Dingen abfinden". Dafür spricht auch, dass Zwanziger in Krisenzeiten schon öfter öffentlich mit einem Rücktritt geliebäugelt hat, nicht nur in der Affäre Amerell/Kempter.

Im Dezember 2008 drohte der Volljurist den Gerichten im Rechtsstreit mit dem Journalisten Jens Weinreich, der Zwanziger als "unglaublichen Demagogen" kritisiert hatte, mit seinem Rücktritt für den Fall einer juristischen Niederlage. "Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen. Es wird ein Urteil geben. Ich werde meine persönliche Ehre nicht auf dem Altar des Amtes opfern", tönte Zwanziger damals und spannte die DFB-Pressestelle in die rechtlichen Auseinandersetzungen ein. Nachdem der DFB-Präsident sechsmal vor Gericht unterlegen war, einigte er sich schließlich gütlich mit Weinreich - und blieb im Amt.

Quelle: n-tv.de, mit sid

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