Collinas Erben

Collinas Erben sind amüsiert Armer Jarstein, akribischer Pfälzerwald

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In Bremen tritt ein Berliner seinem Torwart den Ball aus den Händen. Darf er das? In Freiburg und Hannover werden die Regeln strapaziert, während sie im Pfälzerwald per Videobeweis beweisen, dass es nie einen Videobeweis in der Kreisklasse gab.

Das erste Tor an diesem fünften Spieltag der Fußball-Bundesliga hätte kurioser kaum fallen können: Elf Minuten waren in der Partie zwischen dem SV Werder Bremen und Hertha BSC (3:1) gespielt, als der Bremer Verteidiger Theodor Gebre Selassie eine Hereingabe seines Mitspielers Niklas Moisander aus kurzer Distanz aufs Tor der Gäste brachte. Dort verhinderte der Berliner Fabian Lustenberger zunächst den Einschlag, indem er die Kugel mit dem Oberschenkel an die Latte lenkte. Den herunterspringenden Ball griff sich Herthas Torwart Rune Jarstein - doch Lustenberger, der schon zum Schuss ausgeholt und Jarstein nicht bemerkt hatte, trat seinem Schlussmann das Spielgerät aus den Händen. Der Bremer Martin Harnik bedankte sich für diesen Lapsus und erzielte den Führungstreffer für die Hausherren.

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Darf er das? Herthas Fabian Lustenberger.

(Foto: imago/osnapix)

Manche fragten sich daraufhin: Darf man seinem Keeper ungestraft den Ball aus der Hand schießen? Wäre es der gegnerische Torhüter gewesen, hätte es einen Freistoß für dessen Team gegeben. Außerdem heißt es in der Regel 12 (Fouls und unsportliches Betragen) unter der Rubrik "Spielfortsetzung nach Fouls und Vergehen" seit zwei Jahren: "Bei laufendem Spiel und einem Vergehen eines Spielers innerhalb des Spielfelds gegen einen Mitspieler: direkter Freistoß oder Strafstoß." Allerdings ist mit "Vergehen" in diesem Fall nicht das typische Foul gemeint, wie es im Zweikampf mit einem Gegner geschieht, sondern eine physische Unsportlichkeit wie etwa eine Tätlichkeit. Lustenberger hatte also nichts Regelwidriges getan.

Selbst wenn sein Fauxpas ein Vergehen gewesen wäre, hätte das Tor gezählt. Dem Referee wäre nichts anderes übrig geblieben, als einen Strafstoß zu geben. Da Harnik aber traf, wäre die Vorteilsbestimmung angewendet worden, schließlich kann aus einem Elfmeter auch nicht mehr resultieren als ein Tor. Im Weserstadion ist also alles mit rechten Dingen zugegangen. Eine Aktion dagegen wie jene legendär gewordene des früheren Bayern-Torwarts Oliver Kahn, der seinen Mitspieler Andreas Herzog im April 1996 während des laufenden Spiels beim VfB Stuttgart im eigenen Strafraum wutentbrannt am Kragen packte und durchschüttelte, würde heute einen Elfmeter für den Gegner nach sich ziehen.

Unfall oder Absicht?

beim 1:0  zwischen dem SC Freiburg und dem FC Schalke 04 kam es derweil nach 76 Minuten zu einem Zweikampf, der schmerzhaft endete: Erst holte der Schalker Mark Uth seinen Gegenspieler Roland Sallai im Mittelfeld von den Beinen, dann landete der Fuß des Freiburgers im Gesicht von Uth. Der Unparteiische Frank Willenborg unterbrach das Spiel wegen des Fouls des Schalkers, schien sich zunächst jedoch nicht ganz sicher zu sein, welche persönlichen Strafen notwendig sind, insbesondere für Sallai. Es kam zu einer Kontaktaufnahme mit dem Video-Assistenten in Köln, anschließend verwarnte Willenborg beide Spieler. Das verwunderte so manchen: Hieß es nicht, dass es bei gelbwürdigen Vergehen keinen Videobeweis gibt? Und hätte der Freiburger nicht die Rote Karte bekommen müssen?

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Das ist Mark Uth. Leider nicht im Bild: der Fuß von Roland Sallai.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Tatsächlich sollen die Schiedsrichter grundsätzlich erst eine Entscheidung treffen, bevor der Video-Assistent die betreffende Szene überprüft und im Falle eines klaren, offensichtlichen Fehlers eingreift. In Freiburg gab es die beiden Gelben Karten jedoch erst nach Abschluss des Checks. Es waren gleichwohl keine Verwarnungen, die auf eine Empfehlung des Video-Assistenten zurückgingen. Dieser hatte vielmehr ausschließlich zu prüfen, ob ein rotwürdiges Vergehen vorlag, und verneinte diese Frage. Offenkundig hatte er Sallais Tritt in Uths Gesicht nicht als absichtlich bewertet, sondern lediglich als Unfall beim Versuch des Freiburgers, sich von Uth zu befreien, der mit den Armen auf Sallais Beine gefallen war. Willenborg zog aus dieser Information den Schluss, dass am Ende beide Akteure mit der Gelben Karte bestraft werden müssen. Legt man das Protokoll des International Football Association Board (Ifab) zugrunde, dann hätten die Verwarnungen eigentlich vor der Überprüfung ausgesprochen werden sollen.

Nur Gelb für Kevin Vogt

Vom Ablauf her ähnlich war eine Szene im Spiel von Hannover 96 gegen die TSG Hoffenheim (1:3). Nach einer Hereingabe in den Strafraum der Gäste in der 53. Minute hielt Kevin Vogt den Hannoveraner Niclas Füllkrug kurz fest, der dadurch wenige Meter vor dem Tor seinen Kopfball nicht mehr aufs Gehäuse der Hoffenheimer bringen konnte. Schiedsrichter Christian Dingert entschied zu Recht auf Strafstoß, sprach jedoch keine persönliche Strafe aus. Erst nach kurzer Kommunikation mit dem Video-Assistenten zeigte er Vogt die Gelbe Karte, was wie in Freiburg eigentlich vor der Kontaktaufnahme mit der Video-Zentrale hätte geschehen sollen.

Nach jedem Elfmeterpfiff wird in Köln automatisch geprüft, ob die Entscheidung eindeutig falsch ist. In diesem Fall gehörte zum Check jedoch auch die Frage, ob die Verhinderung einer offensichtlichen Torchance vorliegt und es ein klarer Fehler ist, Vogt für sein nicht ballorientiertes Vergehen keine Rote Karte zu zeigen. Das verneinte der Video-Assistent, weil er nicht mit Bestimmtheit sagen konnte, ob sich für Füllkrug ohne das Halten des Hoffenheimers eine hundertprozentige Tormöglichkeit ergeben hätte. Seine Mitteilung an Dingert durfte gemäß Ifab-Protokoll allerdings nicht lauten, dass es Gelb geben muss, sondern nur, dass ein Feldverweis nicht in Betracht kommt. Der Schiedsrichter zog daraus die Konsequenz, Vogt lediglich wegen der Verhinderung eines aussichtsreichen Angriffs zu verwarnen. Dass er das nicht auf den Rat des Video-Assistenten hin tat, war auch daran zu erkennen, dass er nicht das Monitor-Signal als Zeichen für eine Entscheidungsänderung durch den Videobeweis in die Luft malte.

(K)ein Videobeweis in der Kreisklasse

Um eine Rote Karte kam auch der Hannoveraner Kevin Wimmer herum, der in der 34. Minute rund 40 Meter vor dem eigenen Tor in zentraler Position als letzter Feldspieler der Niedersachsen den Ball beim Spielaufbau an Adam Szalai verlor und den Hoffenheimer Angreifer anschließend durch einen beherzten Griff an dessen Hose zu Boden brachte. Szalai hätte freie Bahn zum Tor gehabt, denn es ist höchst zweifelhaft, dass ein Hannoveraner Feldspieler ihn noch hätte aufhalten können. Somit wäre eigentlich ein Feldverweis fällig gewesen, doch der Referee hatte kein Vergehen wahrgenommen und deshalb weiterspielen lassen. Auch der Video-Assistent griff nicht ein, was man auf der Grundlage des Bildmaterials zumindest sehr zweifelhaft finden kann.

Apropos Videobeweis: Mitte September machte bundesweit die Meldung die Runde, dass der Schiedsrichter eines Kreisklassenspiels in Mölschbach im Pfälzerwald ihn eigenmächtig angewandt habe. Nachdem der Unparteiische ein Tor annulliert hatte, soll er zu einem Zuschauer gelaufen sein, sich die fragliche Szene auf dessen Smartphone angesehen und den Treffer daraufhin doch noch anerkannt haben. Die Tageszeitung "Die Rheinpfalz" ging der Sache akribisch nach und fand auf der Grundlage von weiteren Videoaufnahmen heraus, dass der Referee zwar das Monitor-Signal in die Luft gezeichnet hatte und zu besagtem Zuschauer gelaufen war, jedoch umgehend kehrt gemacht hatte, ohne einen Blick auf die Bilder geworfen zu haben.

Warum er das Tor anerkannte, blieb unklar. Nun hat die zuständige Gebietsspruchkammer entschieden, dass die Partie wiederholt werden muss. Denn der Schiedsrichter habe sich durch Zuschauer in seiner Entscheidung beeinflussen lassen und damit einen Regelverstoß begangen. Zur Urteilsfindung zog die Kammer auch das Bildmaterial heran. Es gab also einen Videobeweis, dass es keinen Videobeweis gegeben hatte, aber sauber war die Sache trotzdem nicht. Zur Nachahmung ist das alles wohl eher nicht empfohlen.

Quelle: n-tv.de

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