Collinas Erben

"Collinas Erben" bilanzieren Fortunas Video-Glück beim FC Bayern

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Drei Tore in München: Dodi Lukebakio.

(Foto: imago/DeFodi)

Anders als in der Vorsaison greifen die Video-Schiedsrichter nun vor allem nach Toren ein, Thema: Abseits. Das hat damit zu tun, dass die Assistenten eine Anweisung, die eine jahrelang gewohnte Praxis tangiert, inzwischen zuverlässig umsetzen.

Als der Düsseldorfer Stürmer Dodi Lukebakio beim 3:3 seiner Düsseldorfer Fortuna beim FC Bayern an diesem zwölften Spieltag der Fußball-Bundesliga nach 77 Minuten einen Steilpass aufnahm, noch einige Schritte lief und den Ball zum zweiten Mal ins Tor von Manuel Neuer schoss, währte seine Freude zunächst nur kurz. Denn der Schiedsrichter-Assistent an der Seitenlinie hatte den 21-Jährigen im Abseits gewähnt und die Fahne gehoben. Das tat er sehr spät, erst, als der Ball im Münchner Tor lag. Doch anders als in der Zeit vor der Einführung der Video Assistant Referees (VAR) ist diese verzögerte Zeichengebung - und damit verbunden der späte Abseitspfiff des Schiedsrichters - ausdrücklich erwünscht. Denn nur so wird der Video-Assistent in die Lage versetzt, die Szene zu überprüfen.

Schließlich darf und soll er im Fall einer Torerzielung die Entscheidung des Unparteiischen stets in Augenschein nehmen, unabhängig davon, ob dieser den Treffer anerkannt hat oder nicht. Hebt der Schiedsrichter-Assistent dagegen frühzeitig seine Fahne und pfeift der Referee daraufhin, bevor der Ball die Torlinie überschritten hat, ist keine Videoprüfung mehr möglich. Für den Fall, dass sich die Abseitsentscheidung anschließend als falsch erweist, ist die Torchance somit unwiderruflich zerstört. Deshalb sind die Schiedsrichter-Assistenten mittlerweile gehalten, bei knappen Situationen in Tornähe zu warten, bis der Angriff beendet ist, bevor sie ihr Fahnenzeichen geben, wenn sie ein strafbares Abseits wahrgenommen haben. Was logisch und einfach klingt, ist in der Praxis allerdings gar nicht so leicht umzusetzen.

Schließlich waren es die Assistenten jahrelang gewohnt, unverzüglich anzuzeigen, wenn sie eine ahndungswürdige Abseitsstellung erkannten. Sich einen solchen Automatismus abzutrainieren, stellt eine Herausforderung dar und ist ein bisschen so, als forderte man von einem Autofahrer, in bestimmten Situationen fortan mit Verzögerung zu bremsen. Doch inzwischen setzen die Helfer an den Seitenlinien diese Veränderung immer zuverlässiger um, so auch in der Partie zwischen dem Tabellenfünften und dem Aufsteiger aus dem Rheinland. Als der VAR die Überprüfung der Abseitsentscheidung abgeschlossen hatte, musste er Schiedsrichter Sven Jablonski allerdings eine Fehlermeldung übermitteln. Sehr zur Freude von Lukebakio, dessen vermeintliches Abseitstor zum 2:3 dadurch doch zählte.

50 Prozent der Korrekturen betreffen Torerzielungen

Dass die Assistenten die geänderte Anweisung verinnerlicht haben, spiegelt sich auch in der Statistik wider. In dieser Saison wurden bislang 32 Entscheidungen nach einem Eingriff des VAR geändert, zwölf davon betrafen das Thema Abseits nach einer Torerzielung: Neunmal wurde ein Treffer wegen einer Abseitsstellung annulliert, dreimal wurde ein ursprünglich aberkanntes Tor doch noch für gültig erklärt. Der Fokus bei den Einsätzen der Video-Assistenten hat sich deutlich verschoben: Bezogen sich geänderte Entscheidungen in der vergangenen Saison in mehr als der Hälfte der Fälle auf Strafstöße, die nachträglich gegeben oder revidiert wurden, so sind in dieser Spielzeit bislang 50 Prozent der Änderungen nach einer Torerzielung erfolgt.

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Zweikämpfer: Thomas Müller und Kevin Stöger.

(Foto: imago/Sven Simon)

Auffällig ist, dass die Korrekturen, die auf einen Eingriff des Video-Assistenten zurückgehen, fast zu gleichen Teilen faktische und subjektive Urteile betreffen. Bei faktischen Entscheidungen gibt es nur Schwarz und Weiß: Abseits oder nicht? Foul im Strafraum oder außerhalb? Subjektive Entscheidungen bewegen sich im Graubereich: Foulspiel oder doch regulärer Zweikampf? Handspiel strafbar oder nicht? Ist die Antwort, die der Schiedsrichter gegeben hat, klar falsch oder gerade noch vertretbar? In der vergangenen Saison betrafen weit mehr als zwei Drittel der Änderungen nach einem Eingriff des VAR subjektive Entscheidungen, in dieser Spielzeit gab es 15 von 32 Korrekturen nach faktischen Entscheidungen.

Diese sorgen normalerweise nicht für Diskussionsstoff, weil es bei ihnen keinen Ermessensspielraum gibt. Doch manchmal sind die zur Verfügung stehenden Bilder nicht eindeutig genug, um zu beurteilen, ob der Schiedsrichter sich geirrt hat. So wie in der 85. Minute der Begegnung zwischen Bayern und Düsseldorf, als Thomas Müller an der Strafraumgrenze von Kevin Stöger gefoult wurde und Sven Jablonski auf Freistoß für die Gastgeber erkannte, den Tatort also außerhalb des Sechzehnmeterraums ausmachte. Das Videomaterial legt zwar nahe, dass der Münchner auf der Strafraumlinie zu Fall gebracht wurde, aber keine Perspektive schafft völlige Klarheit. Es lässt sich nicht zweifelsfrei bestimmen, welcher der nahezu gleichzeitig stattfindenden Kontakte an Fuß, Wade und Oberschenkel ursächlich dafür war, dass Müller zu Boden ging, und es ist auch nicht mit Sicherheit zu sagen, ob sich alle diese Körperpartien im entscheidenden Moment innerhalb des Strafraums befanden.

Warum Ibišević bei seinem Treffer nicht im Abseits war

Da sich die Video-Assistenten nicht als Detektive betätigen sollen und die Entscheidung des Referees, einen Freistoß statt eines Elfmeters zu geben, somit nicht offensichtlich falsch war, gab es aus der Kölner Videozentrale auch keine Einwände. Denn wenn der VAR nach dem Betrachten der Bilder noch Restzweifel hat, soll es bei der auf dem Feld geschehenen Entscheidung bleiben. Anders lag der Fall in der 14. Minute der Partie zwischen Bayer 04 Leverkusen und dem VfB Stuttgart (2:0). Hier ließ sich eindeutig nachweisen, dass sich das Handspiel des Stuttgarters Emiliano Insua, das zu einem Elfmeterpfiff von Schiedsrichter Robert Schröder führte, außerhalb des Strafraums zugetragen hatte. Deshalb intervenierte der Video-Assistent, und der Unparteiische änderte seine Entscheidung auf Freistoß.

Eine regeltechnisch interessante Szene ereignete sich beim 3:3 zwischen Hertha BSC und Hoffenheim nach 13 Minuten. Als Vedad Ibišević den Ball nach einem abgeblockten Schuss seines Mitspielers Ondrej Duda bekam, nur noch den Hoffenheimer Torwart Oliver Baumann vor sich hatte und das 1:2 erzielte, glaubten viele, dass er sich im Abseits befand. Doch hinter der eigenen Torlinie stand noch Ermin Bičakčić, der bei einem Rettungsversuch dorthin geraten war. Bei der Frage, ob Ibišević im Abseits war, wurde er mitgezählt. Ein Abwehrspieler kann einen Angreifer nicht einfach durch das Verlassen des Feldes ins Abseits stellen.

Vielmehr heißt es im Regelwerk: "Ein Spieler des verteidigenden Teams, der das Spielfeld ohne die Erlaubnis des Schiedsrichters verlässt, gilt im Sinne der Abseitsregel als auf der Tor- oder Seitenlinie stehend." Das bedeutete: Sowohl Baumann als auch Bičakčić waren der Torlinie näher als Ibišević, der sich damit nicht im Abseits befand. Hätte der Hoffenheimer übrigens den Platz bewusst verlassen und nicht bloß unfreiwillig, dann hätte ihn Schiedsrichter Tobias Welz sogar verwarnen müssen. Dann hätte sich Bičakčić des unerlaubten Verlassens des Spielfeldes schuldig gemacht. Und das wäre als unsportliches Verhalten geahndet worden.

Quelle: n-tv.de