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Gefreut hat er sich natürlich trotzdem: Naldo.
Gefreut hat er sich natürlich trotzdem: Naldo.(Foto: imago/DeFodi)
Montag, 09. April 2018

"Collinas Erben" spüren nach: Naldo und die Detektive

Von Alex Feuerherdt

Das Tor des Schalkers Naldo gegen den HSV hätte eigentlich nicht zählen dürfen, doch dem Schiedsrichter und dem Video-Assistenten ist kein Vorwurf zu machen. Überhaupt wird der Videobeweis deutlich seltener beansprucht als in der Hinrunde.

Hätte der abstiegsbedrohte Hamburger SV sein Spiel gegen den FC Schalke 04 nicht überraschend mit 3:2 gewonnen, dann wäre vonseiten der Norddeutschen vermutlich vehement Klage über Schiedsrichter Christian Dingert und dessen Video-Assistenten Benjamin Brand geführt worden. Denn beide hatten die Rechtmäßigkeit des frühen Führungstreffers der Gäste in der 9. Minute durch Naldo bestätigt, obwohl es durchaus Argumente gegen die Anerkennung dieses Tores gab. Der Schalker hatte den Ball nach einer Freistoßflanke von Daniel Caligiuri nämlich "erst mit dem Kopf getroffen, dann mit der Hand", wie er selbst freimütig einräumte. Um sogleich zu versichern, das Tor sei selbstverständlich dennoch regulär erzielt worden.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Darüber kann man trefflich streiten. Der Ball war lange in der Luft, kam also keineswegs überraschend auf Naldo zugeflogen; der Deutsch-Brasilianer hatte reichlich Zeit, sich zu überlegen, wie er ihn aufs Hamburger Tor befördern will. Seine Sprungbewegung war zwar unzweifelhaft darauf ausgerichtet, die Kugel mit der Stirn zu treffen, doch der eng am Kopf geführte linke Arm diente schließlich nicht nur dem Schwungholen, sondern bewegte sich zum Ball und berührte diesen auch. So kam am Ende eine Mischung aus Kopf- und Handball zustande, gegen die HSV-Torwart Julian Pollersbeck machtlos war.

Auf dem Feld und selbst in den ersten Wiederholungen des Fernsehens war all das ausgesprochen schwer zu erkennen. Die Bilder legten zwar nahe, dass Naldo nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit der Hand am Ball war, doch zunächst schaffte keine Kameraeinstellung verlässliche Klarheit. Im Bezahlsender "Sky" erklärte der frühere Fifa-Schiedsrichter Markus Merk in der Halbzeitpause, man habe geschlagene fünf Minuten gebraucht, um mithilfe von Ausschnittvergrößerungen, Superzeitlupen und anderen technischen Mitteln zu dem Ergebnis zu kommen, dass ein strafbares Handspiel vorliegt und das Tor deshalb nicht hätte zählen dürfen. Die Bilder, die er zeigte, ließen einen anderen Schluss in der Tat nicht mehr zu.

Das bedeutet allerdings auch: Es war geradezu detektivische Arbeit vonnöten, um zu der Einschätzung zu gelangen, dass der erste Schalker Treffer auf irreguläre Weise erzielt worden war. Die Video-Assistenten sollen jedoch - so hatte es Lutz Michael Fröhlich, der Leiter der DFB-Schiedsrichter-Kommission Elite, in der Winterpause formuliert - keine Detektive sein. Sie sind vielmehr angehalten, nur dann zu intervenieren, wenn ein Fehler des Schiedsrichters offensichtlich ist, also innerhalb kurzer Zeit zweifelsfrei festgestellt werden kann. Das aber war bei Naldos Tor in Hamburg nicht der Fall. Und daran hätte sich auch nichts geändert, wenn der Unparteiische sich in der Review Area selbst ein Bild von der Szene gemacht hätte.

In Mönchengladbach funktioniert der Videobeweis perfekt

Klar und offensichtlich falsch war dagegen eine Entscheidung von Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus in der 78. Minute der Partie zwischen Borussia Mönchengladbach und Hertha BSC (2:1). Im Berliner Strafraum hatte Fabian Lustenberger den Gladbacher Nico Elvedi mit einer schwungvollen Grätsche von den Beinen geholt, doch die eigentlich gut postierte Unparteiische hatte den Zweikampf anders wahrgenommen und weiterspielen lassen. Auf Geheiß ihres Video-Assistenten Martin Petersen schaute sie sich die Szene wenige Sekunden später jedoch am Spielfeldrand noch einmal selbst an - und erkannte dann völlig zu Recht auf Strafstoß für die Hausherren, den Thorgan Hazard zum 2:1-Siegtor verwandelte.

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23 Minuten zuvor hatten die Gladbacher den Videobeweis noch verflucht. Da nämlich hatte Patrick Herrmann beim Stand von 0:1 den Ausgleich erzielt, doch Steinhaus versagte dem Treffer auf Intervention von Petersen richtigerweise die Anerkennung, weil sich Hazard bei der Vorlage im Abseits befunden hatte. Diese Abseitsstellung war allerdings äußerst knapp und für den Assistenten an der Seitenlinie deshalb kaum zweifelsfrei zu erkennen. In solch engen Fällen soll das Fahnenzeichen möglichst unterbleiben und der Angriff zu Ende gespielt werden, weil im Falle einer Torerzielung ohnehin vom Video-Assistenten geprüft wird, ob ein Abseits vorlag. Emotional war die Anwendung des Videobeweises in Mönchengladbach für die Anhänger beider Teams also gewiss schwierig. Auf der fachlichen Ebene dagegen verlief sie absolut perfekt.

Weniger Eingriffe, Stuttgart profitiert am häufigsten

So wie auch in Freiburg beim Spiel des Sportclubs gegen den VfL Wolfsburg (0:2), wo der Wolfsburger Robin Knoche in der Nachspielzeit im eigenen Strafraum in einer Art Kurzschlusshandlung plötzlich den Arm ausfuhr und damit kaum merklich den Ball berührte. Schiedsrichter Sascha Stegemann ahndete das Handspiel zunächst nicht, änderte seine Entscheidung jedoch nach einem Gang in die Review Area, den er auf Empfehlung seines Video-Assistenten Bastian Dankert antrat. Auch hier war die ursprüngliche Entscheidung, wenn man das Videomaterial zugrundelegt, klar und offensichtlich falsch.

Fünf Spieltage vor Schluss sind damit 68 Entscheidungen auf Anraten der Video-Assistenten von den Schiedsrichtern geändert worden. Nach der Hinrunde waren es 48 Korrekturen, im Schnitt gab es bis zur Winterpause also alle drei Spiele eine. In der Rückrunde dagegen haben die Referees bislang nur noch in weniger als jedem fünften Spiel eine Entscheidung aufgrund eines klaren und offensichtlichen Fehlers revidiert.

Exakt 50 Prozent der Änderungen betreffen Strafstöße, die entweder nachträglich gegeben (22-mal) oder zurückgenommen wurden (12-mal). 21 Tore wurden im Zuge eines Eingriffs des Video-Assistenten annulliert, sechs Rote Karten nachträglich gezeigt. Am häufigsten wurden Entscheidungen zugunsten des VfB Stuttgart geändert (9-mal) und am öftesten zuungunsten von Schalke 04 und Bayer 04 Leverkusen (je 7-mal). Wenn die TSG Hoffenheim spielte, musste der Video-Assistent dagegen bislang nur ein einziges Mal korrigierend eingreifen - das ist der Tiefstwert der Liga.

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Quelle: n-tv.de