Redelings Nachspielzeit

"Sabine" und andere Spielabsagen Als Calmund den FC Bayern reinlegen wollte

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Bayer-Manager Reiner Calmund hätte fast eine Spielabsage gegen den FC Bayern ermogelt.

Spielabsagen aufgrund des Wetters gab es in der Vergangenheit häufiger. Aber nicht immer sind alleine Sturm, Schnee und Eis an ausgefallenen Partien schuld. Man glaubt kaum, wie erfinderisch Bundesliga-Offizielle sind, wenn das Wetter ihnen vermeintlich in die Karten spielt.

Sabine war gnädig. Nur eine einzige Spielabsage hatte der Sturm am Wochenende zur Folge. Das ist harmlos. Gerade im Winter, wo Schnee und Eis früher häufiger die Bundesliga lahmlegten – und Verantwortliche ob der angespannten Witterungsverhältnisse auf vielfach sehr krude Ideen kamen. So wollte das Schlitzohr Reiner Calmund als Bayer-Manager einmal eine Begegnung gegen den FC Bayern München ausfallen lassen, weil die halbe Leverkusener Werkself verletzt war. Wie durch ein Wunder spielte ihm das Wetter damals in die Karten. Es schneite. Doch das hätte für eine Spielabsage noch nicht gereicht. Also, was tun? "Da hab ich ein paar Eis-Stellen unter den Schnee auf den Rasen gehauen", erzählte Calli lachend. Dumm war nur, was dann am nächsten Morgen geschah: "Der Schnee ist geschmolzen, die Eis-Stellen waren aber immer noch da. Ich musste die alle selbst wieder abhacken. Ich konnte da ja schlecht einen fragen. Und so hatte ich Blasen an den Händen und das Spiel fand trotzdem statt." Doch noch einmal Calli: "Aber es ist auch schon mal gelungen!"

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Ottokar Wüst (links) mit Willy Brandt auf der Tribüne.

(Foto: imago sportfotodienst)

Genau von solch einer Geschichte erzählte Bundesligatrainer Heinz Höher in Ronald Rengs Buch "Spieltage". Eigentlich sollte damals der VfL Bochum am 15. Februar 1976 gegen den FC Schalke 04 zu Hause im Ruhrstadion antreten. Doch die VfL-Verantwortlichen um Präsident Ottokar Wüst hatten einen teuflischen Plan ausgeheckt. Da bereits einen Monat später das Stadion an der Castroper Straße umgebaut werden sollte und die Bochumer für die restlichen Begegnungen der Saison in die Nachbarschaft ausweichen mussten, hatten sie die Idee, die Partie gegen Schalke müsse ausfallen. Die Idee dahinter: Der VfL würde für die Nachholbegegnung ins wesentlich größere Westfalenstadion in Dortmund ziehen, wo man an einem milden Frühlingstag deutlich mehr Zuschauer erwartete als an diesem kalten Dienstagabend im Februar. Und dass die Temperaturen knapp unter null Grad waren, befeuerte die Bochumer Verantwortlichen bei der Durchführung ihres Plans.

In einer Nacht- und Nebelaktion zog Trainer Heinz Höher zwei Tage vor dem angesetzten Spieltag mit zwei Gehilfen und einem Eimer Wasser los und vereiste die Strafräume. Und tatsächlich: Die Partie wurde anschließend abgesagt und erst Anfang April an einem lauen Freitagabend nachgeholt. Und auch der Plan der Bochumer ging auf: Über 50.000 Zuschauer im Westfalenstadion bescherten dem VfL die erhoffte Mehreinnahme. Reng erwähnt in seinem Buch die Worte des Bochumer Präsidenten nach der Partie im Westfalenstadion, die an diesem Abend nur vier Personen – Heinz Höher, seine zwei Helfer und Wüst selbst - richtig verstanden haben dürften: "Ich danke Heinz Höher vom Herzen für die Courage, in solch einem schweren Spiel wie gegen Schalke auf das echte Heimrecht in Bochum zu verzichten."

Als im Revierderby die Sicht verschwand

Kleine Randnotiz für alle Freunde von kuriosen Fußballfakten: An diesem Tag fiel im Westfalenstadion das erste Tor in einer Erstligabegegnung der Bundesliga. Da der BVB zum Zeitpunkt der Eröffnung in der zweiten Liga spielte, war es ausgerechnet ein Schalker dem diese Ehre vorbehalten blieb. Erwin Kremers hat seinen historischen Treffer zum 1:0 gegen den VfL in der Heimstätte der Borussia also auch diesem kruden Plan der Bochumer Offiziellen zu verdanken.

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Borussia Dortmund entschied das Nebelspiel 1966 gegen den FC Schalke mit 6:2 für sich.

(Foto: imago/Horstmüller)

Und da wir gerade bei der ewig jungen Rivalität zwischen den Königsblauen und den Schwarz-Gelben sind: In der Saison 1966/67 spielte das Wetter den beiden Teams einen besonderen Streich. Denn viel zu häufig gerät neben Sturm, Schnee und Eis eine weitere Wetter-Kapriole in Vergessenheit: der Nebel. Und genau dieser wurde am 12. November 1966 in der Kampfbahn Rote Erde plötzlich immer dichter und dichter. Bei der Partie zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 stand es zur Pause bereits 4:0, als an diesem nass-kalten Herbsttag auf einmal die Sicht verschwand. Es wurde ein Derby, das die Anwesenden nie vergessen haben. BVB-Profi Theo Redder konnte an diesem Tag nur zuschauen: "Ich hatte einen Bekannten aus Wickede dabei, und wir haben uns kaputtgelacht, denn man sah überhaupt gar nichts mehr. Da war nur noch Nebel." Andere Besucher guckten nicht so geduldig auf das nicht mehr zu erkennende Spielfeld, wie die "Rundschau" damals berichtete: "Verschiedene Leute gingen Bier trinken, andere bedauerten, dass sie kein Kartenspiel eingepackt hatten, und die Klügsten machten sich auf den Heimweg."

Schiedsrichter Henning ließ die Partie einfach weiterlaufen und hatte dafür sogar eine schlüssige Begründung parat: "Ich bin immer, wenn der Ball in den Nebel geschossen wurde, hinterhergelaufen und war schon da, als der Ball runterkam. Das war anstrengend, aber noch okay." Und die Spieler? Klaus Fichtel erinnert sich: "Ich stand hinten in engem Kontakt mit Norbert Nigbur. Da haben wir uns schon gewundert, dass es immer weiterging. Man musste sich ja schon gegenseitig über den Spielstand informieren." Nebel hin oder her, die Begegnung endete 6:2 für Borussia Dortmund. Wie die vier Tore in der zweiten Halbzeit allerdings fielen, wird wohl immer ein Geheimnis der wenigen, direkt in der Nähe stehenden Beteiligten bleiben.

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Quelle: ntv.de