Redelings Nachspielzeit

Redelings über den 16. Mai 1992 Als Eintracht Frankfurt in Rostock eskalierte

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Der kauzige Dragoslav Stepanovic war Coach der legendären Eintracht-Mannschaft.

(Foto: imago sportfotodienst)

Mai 1992, der 38. Spieltag der Fußball-Bundesliga. Die Frankfurter Eintracht ist in Rostock auf dem Weg zur Deutschem Meisterschaft. Doch dann versaut der Schiedsrichter mit einem Nicht-Pfiff alles. Auch 25 Jahre später lebt das Trauma weiter.

In vielen Kalendern fehlt der heutige 16. Mai - und das aus gutem Grund. Vor genau 25 Jahren spielte die Frankfurter Eintracht beim FC Hansa in Rostock. Ein Tag, den viele Fans der Hessen gerne aus ihrem Gedächtnis streichen würden. Es ist der letzte Spieltag einer langen Saison 1991/1992. Zwanzig Mannschaften sind dieses Jahr in der Fußball-Bundesliga dabei. An der Spitze kämpfen die Frankfurter gemeinsam mit der Dortmunder Borussia und dem VfB Stuttgart nach einem intensiven Meisterschaftsfinish um den Titel.

Sieben Tage zuvor hatte die Eintracht nach mehreren Wochen an der Spitze der Tabelle zu Hause gegen den SV Werder bereits fast alles verspielt. Die Bremer waren ohne eigene Ambitionen angereist, doch die hochnäsige Art der Frankfurter und ihr überhartes Einsteigen hatten sie gereizt. Am Ende retten die Frankfurter mit Mühe und Not gegen erbittert kämpfende Werderaner einen Zähler - und können so als Tabellenführer am letzten Spieltag in Rostock, bei den fast schon abgestiegenen Hanseaten mit einem Sieg alles klar machen. Die Spieler der Eintracht-Mannschaft klingen noch heute jedem Fan im Ohr. Namen wie Uli Stein, Manfred Binz, Dietmar Roth, Uwe Bein, Ralf Falkenmayer, Heinz Gründel, Andreas Möller, Ralf Weber, Lothar Sippel und Anthony Yeboah. Und natürlich der rauchende Trainer-Entertainer der Frankfurter: Dragoslav Stepanovic. Eine Ansammlung von eigenwilligen und durch die Bank hochtalentierten Kickern, die sich im Alltag untereinander fetzen und am Wochenende auf dem Spielfeld oftmals so unnachahmlich brillieren.

"Der ist so aufgeladen und erzählt Scheiße"

Stein und Stepanovic verbindet eine Art Hass-Liebe. Als der Torwart ihm "Ahnungslosigkeit" vorwirft, kontert der Trainer: "Es interessiert mich nicht, was der babbelt. Der ist so aufgeladen und erzählt Scheiße. Normalerweise muss ich ihn umbringen. Aber dann sehe ich seine Leistung und bekomme so ein großes Herz." Seinen offensichtlich lustlos agierenden Eintracht-Profis Gründel, Kruse, Sippel und Studer ruft der Coach nur hinterher: "Wenn ich sehe, wie die laufen - das kotzt mich an!" Und dem sensiblen Möller rät er: "Du musst dich wehren. Ich kann dir nicht mehr helfen. Soll ich jedes Mal zu Kruse gehen und ihn schlagen, wenn er was zu dir gesagt hat?"

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Ralf Weber fällt, Elfmeter für Frankfurt? Schiedsrichter Alfons Berg sagt: nein.

Und obwohl innerhalb der Mannschaft Konfliktherde schwelen, reißt man sich an diesem 16. Mai 1992 noch einmal zusammen. Selbst eine Führung der Rostocker bringt das Team nicht aus dem Konzept. Nach dem Ausgleich durch Kruse ist es für alle Zuschauer nur noch eine Frage der Zeit, bis die Eintracht in Führung gehen wird. Und dann kommt die bis heute sagenumwobene 76. Minute. Yeboah hat an der Strafraumkante den Ball wunderschön durchgesteckt auf Weber - und dieser muss die Kugel nur noch im Tor versenken. Doch im letzten Moment wird ihm von hinten ein Bein weggezogen. Weber fällt und der Rostocker Keeper nimmt den Ball mit beiden Händen auf. Nun kann es einzig und allein eine Entscheidung geben: Elfmeter für Frankfurt. Doch der Schiedsrichter lässt das Spiel weiterlaufen.

Am Ende verliert die Eintracht die Partie sogar noch mit 1:2 und hadert verzweifelt mit dem Schiedsrichter. Bei den Spielern regiert der Frust. In der Kabine fliegen Flaschen umher. Sie sind aus Glas. Stürmer Axel Kruse nimmt angesichts der gefährlichen Situation lieber Reißaus und geht vor der Tür eine Rauchen. Als er gerade in Gedanken versunken genüsslich an seiner Zigarette zieht, kommt Schiedsrichter Alfons Berg um die Ecke. Kruse hatte kurz zuvor im TV gesagt, dass es der "klarste Strafstoß war, den ich je in meinem Leben gesehen habe".

Das "Sorry" ist keine gute Idee

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Verständlicherweise sind die Eintracht-Stars nicht gut auf den Schiedsrichter zu sprechen. Doch Berg hat mittlerweile Fernsehen geschaut und seinen Fehler eingesehen. Das sagt er Kruse: "Ich gehe jetzt in eure Kabine und entschuldige mich!" Der Eintracht-Stürmer grinst nur, legt eine Hand auf des Schiris Schulter und sagt: "Alfons, ganz ehrlich, ich glaube, das ist keine gute Idee." In diesem Moment hören die beiden, wie wieder eine Flasche an der Kabinenwand zerspringt. Berg tritt erschrocken zurück, senkt den Blick gen Boden und verschwindet ohne ein weiteres Wort.

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Am nächsten Tag auf dem Balkon des Römers ist die Enttäuschung über die Benachteiligung bei den Spielern immer noch nicht verflogen. Stellvertretend für alle sagt Torwart Stein: "Dass es nicht gelangt hat, war nicht nur unsere Schuld. Leider gibt es auch drei schwarze Männer, die dazugehören." Ein Jahr später hat Stein noch einen weiteren Schuldigen ausgemacht. In seinem Buch "Halbzeit. Eine Bilanz ohne Deckung" schreibt er, dass Andreas Möller neunzig Minuten "völlig abseits" gestanden habe. "Er kann oder will kein Spiel herumreißen. Er macht sich nicht kaputt. Er kämpft zu wenig." Abschließend fällt Stein ein - für alle Eintracht-Fans - bitteres Fazit: "Jetzt überkommt mich die Gewissheit, dass wir das Spiel in Rostock gewonnen hätten, wenn er nach einer Stunde ausgewechselt worden wäre. Jeder Reservespieler ist balltechnisch zwar schlechter, hätte sich aber die Lunge aus dem Leib gerannt." Zu spät.

Dabei hätte alles so schön sein können. Michael Köcher und Heinz Kühne hatten mit dem Sänger Christian Fuchs den Song "Meine Diva vom Main" produziert. Das Cover der Platte war schon vor dem Spiel in Rostock mit dem Aufkleber "Eintracht Frankfurt Deutscher Meister 1992" versehen worden. Dabei wäre das Lied beinahe nie erschienen, da Manager Gerster den Song nicht zulassen wollte. Die offizielle Begründung: Das Lied sei bei einem Testpublikum nicht gut angekommen. Wahrscheinlicher war jedoch, dass die Textzeile "Mach ihn rein / meine Diva vom Main / zeig mir, dass es bei uns funkt / treib mich zum Höhepunkt / mach ihn rein" dem Manager schlicht zu obszön war. Auch eine Sonderpostkarte für den "Deutschen Fußballmeister 1992 Eintracht Frankfurt" ist bereits gedruckt. Der eingravierte Stempel trägt das Datum: 16. Mai. Man kann gut verstehen, dass man in Frankfurt diesen Tag seitdem im Kalender gerne unter den Tisch fallen lässt. Auch 25 Jahre später noch.

Das Buch unseres Kolumnisten Ben Redelings: "Eintracht-Album: Unvergessliche Sprüche, Fotos, Anekdoten rund um Eintracht Frankfurt" bei Amazon bestellen. Außerdem ist er mit seinen Programmen unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Quelle: ntv.de

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