Redelings Nachspielzeit

Katsche Schwarzenbeck wird 70 Als Frankenstein die Damen verzückte

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Katsche kann auch elegant - allerdings eher abseits des Fußballplatzes!

(Foto: imago/WEREK)

Sein Hammer im Europapokalfinale 1974 macht ihn beim FC Bayern unsterblich. Sein bescheidenes Auftreten und sein herzlicher Humor machen ihn beliebt. Heute feiert Hans-Georg Schwarzenbeck, den alle nur Katsche nennen, seinen 70. Geburtstag.

Damals, als beim FC Bayern, Spieler wie Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm als ganz junge Hüpfer herumliefen, beobachtete der damalige Nachwuchs-Trainer Hermann Gerland eine ganz spezielle Szene: "Da kommt der Katsche mit seinem kleinen VW an die Säbener Straße und bringt seine Büroartikel mit. Und da sehe ich, wie ein Spieler achtlos an ihm vorbeiläuft. Ich pfeife und rufe: Halt. Stopp! Guckt der mich an und fragt: Was ist los? Da sage ich: Junge, du hast zu grüßen! Der ist Weltmeister und zigmal Deutscher Meister geworden."

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Schwarzenbeck wird nach erfolgreicher Beendigung seiner Buchbinderlehre gegautscht.

(Foto: imago sportfotodienst)

Georg Schwarzenbeck selbst hätte sich niemals beschwert, dass ihn ein Spieler nicht grüßt. Er sagte stattdessen lieber, wie froh er sei, dass er seinen ehemaligen Verein mit Artikeln aus seinem kleinen Schreibwarenladen beliefern dürfe – denn diese Lieferungen würden ihn und sein Geschäft über Wasser halten. Und egal, wie schlecht man am liebsten über den großen und stets so erfolgreichen Klub von der Säbener Straße sprechen möchte: Auch das ist der FC Bayern! Ein Verein, der Menschen wie Hermann Gerland beschäftigt, die das Herz auf dem rechten Fleck haben, und der altgediente Spieler auch nach der Karriere nicht vergisst.

Im Falle von Katsche Schwarzenbeck wäre ein Vergessen aber auch gar nicht möglich.

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

416 Einsätze für die Bayern, sechsfacher Deutscher Meister, dreimal holte er mit seinen Bayern den Europapokal der Landesmeister, einmal den Europapokal der Pokalsieger und dreimal wurde er DFB-Pokalsieger. Insgesamt 44 Mal lief Schwarzenbeck im Trikot der Nationalmannschaft auf, wurde Weltmeister 1974 und Europameister 1972. Und dann war da natürlich noch das Spiel aller Spiele am 15. Mai 1974 in Brüssel im Europapokal-Endspiel gegen Atlético Madrid.

Luis Aragonés, der kreative Mittelfeldspieler von Atlético, hatte dem Bayern-Keeper Sepp Maier nach 114 Minuten einen Freistoß ins Netz gelegt. Die Partie schien entschieden, die Bayern geschlagen. Doch dann kam der große Moment des Georg Schwarzenbeck. In der 120. Minute der Verlängerung ignorierte er sein selbst aufgelegtes Verbot, die Mittellinie zu überschreiten und haute kurz hinter der Strafraumgrenze einfach einmal drauf auf den Kasten von Atlético Madrid. In späteren Erzählungen wurde die Distanz zum Tor immer größer – man sprach von 30 bis 40 Metern -, doch im Grunde zählte ja auch nur eins: Der Ball landete zum 1:1 Ausgleich im Netz. Franz Beckenbauer spöttelte hinterher gerne, dass sein Mitspieler Schwarzenbeck damals einfach nicht gewusst habe, wohin er die Kugel hätte spielen sollen und deshalb abgezogen habe. Wie dem auch sei: Das Rückspiel gewannen die Bayern souverän und sicherten sich so kurz vor der WM im eigenen Land den europäischen Landesmeister-Titel.

"Katsche die Sexbombe!"

Dass die ruppige Art, die der Comedian Atze Schröder einmal so beschrieb – "Früher, da gab es noch einen wie Katsche Schwarzenbeck. 460 Bundesligaspiele, kein Ballkontakt. Der dachte 20 Jahre lang, so’n Bein wächst nach" -, durchaus auch abseits des grünen Rasens ankam, beschreibt eine andere Geschichte. "Katsche die Sexbombe!" hieß 1974 eine Schlagzeile in einer Münchner Zeitung. Grund für die Überschrift war ein Leserbrief im Männermagazin "Playboy", in dem ein Herr Ahrweiler über seine Geliebte klagte: "…verfiel sie anlässlich der zahlreichen Übertragungen von der Fußball-WM sofort in Verzückung, wenn jener raubeinige Verteidiger auftauchte: 'Ja, mach doch, hau drauf, jetzt, jetzt, mehr, mehr – ooohhh!' waren noch die harmlosesten Seufzer, die sie von sich gab. Ich habe manchmal gedacht, dass meine Freundin zum Orgasmus kommt – vor allem, als jener Schwarzenbeck im Zweikampf Mann gegen Mann zuschlug…" Schwarzenbecks Kommentar zu dem Brief: "Ja, mei, der oane hat’s halt – und der andere net."

Die Bundesliga-Legende Manni Burgsmüller denkt noch heute aus anderen Gründen an Schwarzenbeck zurück. Nach einer Sprunggelenkoperation sagte er einmal über die Gründe des Eingriffs: "Vor rund 25 Jahren hat mich der Schwarzenbeck umgegrätscht." Und auch Peter Neururer, den seine Gegenspieler früher "Blutgrätsche" riefen, bezog sich in einem Interview mit dem "Zeit"-Magazin auf Katsche: "Vor Jahren hat mich ein Journalist gefragt, was für ein Spielertyp ich in meiner aktiven Zeit gewesen sei. Da habe ich geantwortet: 'Warm gemacht hab ich mich wie Maradona, aber gespielt hab ich wie Katsche Schwarzenbeck.' Eigentlich sollte das bescheiden sein – aber dass der Fußballer Neururer, der über die Amateuroberliga nie hinausgekommen ist, sich mit dem Weltmeister Schwarzenbeck vergleicht, war nicht so ganz angebracht."

Als der große Kaiser Franz Beckenbauer in der Spielzeit 1974/75 zwei Eigentoren in Folge schoss, war sein Torwart Sepp Maier so angefressen, dass er für die folgenden Spiele das Kommando ausgab: "Der Katsche Schwarzenbeck soll ab jetzt den Franz decken, nicht mehr den Torjäger vom Gegner. Der Franz ist zurzeit unser schärfster Gegner." Das hat Schwarzenbeck natürlich nicht gemacht, denn sein Chef auf dem Platz war stets nur einer - der Kaiser höchstpersönlich.

Heute feiert Hans-Georg Schwarzenbeck, den seine Gegenspieler gerne "Frankenstein" nannten, seinen 70. Geburtstag. Herzliche Glückwünsche und ein dreifaches Glück auf für einen ganz besonderen und stets doch so leisen Star der Bundesliga!

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Quelle: n-tv.de

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