Redelings Nachspielzeit

Die Borussia wird 120 Jahre alt Als Heynckes Matthäus übel austrickste

imago0004054544h.jpg

Mit Jupp Heynckes (2. von rechts) pokern? Schlechte Idee, wie Lothar Matthäus (rechts) später lernen musste.

(Foto: imago sportfotodienst)

Heute feiert Borussia Mönchengladbach seinen 120. Geburtstag. Die Fohlenelf hat für Bundesliga-Geschichte gesorgt und legendäre Spieler in ihren Reihen gehabt. Zeit für einige kaum bekannte Storys aus einer bunten Historie!

Das hätten sich die Männer, die am 01. August 1900 im Mönchengladbacher Stadtteil Eicken den "Fußball-Club Borussia 1900" gründeten, sicherlich in ihren kühnsten Träumen nicht ausmalen können, was einmal aus ihrem Verein werden würde. 120 Jahre später blickt dieser Klub auf eine einzigartige Geschichte zurück, die von Tag zu Tag immer weiter geschrieben wird. Neben all den großen Erfolgen haben vor allem die unverwechselbaren Typen diesen Verein mit ihren unvergesslichen Geschichten über all die Jahre geprägt. Einige, weniger bekannte Anekdoten seien an dieser Stelle einmal zu Ehren des Borussia Verein für Leibesübungen 1900 e.V erzählt.

In Mönchengladbach lieben ihn die Fans bis heute: Allan Simonsen. In den siebziger Jahren trumpfte der Däne groß auf und das, obwohl Trainer Hennes Weisweiler ihn eigentlich nicht mehr haben wollte. Sogar dem 1. FC Nürnberg wurde Simonsen angeboten, doch deren Trainer Hans Tilkowski traute dem Braten nicht: "Wenn der Weisweiler einen Mann abgibt, dann ist da was faul." Auch Mannschaftskamerad Günter Netzer sah anfangs das Potenzial des jungen Dänen nicht. Er fragte Weisweiler: "Chef, wollen Sie einen Kindergarten aufmachen? Den pusten sie doch in der Bundesliga um!" Als es plötzlich lief, verlängerte Simonsen in Gladbach und handelte einen einmaligen Bonus aus: Er durfte im Sommer sechs Wochen am Stück Urlaub machen.

"Ich wusste, dass ich nur eine Chance bekomme"

Das aktuelle Buch ...

... unseres Kolumnisten Ben Redelings - "Das neue Buch der Fußballsprüche" - können Sie jetzt direkt bei seinem Verlag bestellen. Live ist Redelings deutschlandweit mit seinen Programmen unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Was war das für eine Reise im Februar 2013. Heimspiel in Rom. Tausende Borussen an der Spanischen Treppe. Und dann schoss Markus Schotten aus Erkelenz einen Ball direkt in ein geöffnetes Fenster. Hinterher sagte er dem "11Freunde"-Magazin: "Der Borussen-Gott hat den Ball aus dem Himmel direkt zu mir fallen lassen. Es war der perfekte Moment, ich kam gerade gestärkt von einem bekannten Schnellrestaurant. Ich wusste, dass ich nur diese eine Chance bekomme, weil der Aufbruch bevorstand." Es sollte das einzige Tor der Borussia an diesem Tag bleiben. Und so wird Schotten zum "Helden von Rom"!

Bei einem Vertragsgespräch meinte Manager Helmut Grashoff nach einer weiteren Erhöhung seines Angebots einmal, dass Netzer nun doch langsam mal zufrieden sein solle. Eine Runde Champagner wäre angesichts des großzügigen Vertragsinhalts angebracht. Doch der Mittelfeldstar ging, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Raum, direkt zu einem nahe gelegenen Supermarkt und kehrte mit einer Flasche des billigsten Erdbeerschaumweins zurück. Grashoff verstand und legte zähneknirschend noch eine Mark oben drauf.

Ex-Borussen-Trainer Lucien Favre hatte am 6. September 2015 einen Gastauftritt im Luzerner Tatort – allerdings ohne sein schauspielerisches Talent unter Beweis stellen zu müssen. Sein Name tauchte auf der Liste mit Verdächtigen einer Mordserie auf.

Da sage noch einer, in der Bundesliga gebe es keinen Humor: Bei der Gladbacher Weihnachtsfeier bekam der in München-Milbertshofen geborene Bayer Thomas Kastenmaier ein Deutsch-Wörterbuch geschenkt. Und Torhüter Uwe Kamps durfte sich über einen Besen und ein Fernrohr freuen. Ex-Manager Helmut Grashoff schmunzelnd: "Lieber Uwe, mit dem Besen kannst du endlich deinen Strafraum sauber halten. Und das Fernrohr soll dir helfen, gegnerische Flanken rechtzeitig zu erkennen."

"Von Fußball ich aber nix verstehen"

ANZEIGE
Best of Bundesliga: Die lustigsten Legenden des deutschen Fußballs
19,90 €

In Gladbach saß viele lange Jahre ein Mann auf dem Zaun. Es war der Türke Ethem Özerenter, den aber alle nur "Manolo" riefen. Er hatte ein buntes Käppi auf dem Kopf und eine große Trommel vor sich. Er war bei jedem Heimspiel, auch wenn er zugab: "Von Fußball ich aber nix verstehen. Ich mache nur bum-bum, um die Mannschaft anzufeuern!" Als einmal seine Trommel kaputt war, griff Stefan Effenberg spontan in die Tasche und spendierte für 300 Mark eine neue. Manolo kreierte daraufhin den legendären "Effenberg-Rhythmus". 80 Mark pro Partie kassierte er in den 1990er Jahren von einem Sponsor für seine Trommeleinsätze.

Amtlich verbrieft ist eine Geschichte, die Wolfram Wuttke zusammen mit seinem Gladbacher Teamkollegen Frank Mill erlebte. Damals hatten die beiden in einem Container vor ihrem Mannschaftshotel eine Schaufensterpuppe entdeckt. Und da Wuttke mit seinem Trainer Jupp Heynckes, dem er auch den Spitznamen "Osram" verpasst hatte, eher ein gespaltenes Verhältnis pflegte, entschloss man sich, dem Coach die Puppe ins Bett zu legen. Und der fiel auf den Schabernack tatsächlich rein. Heynckes dachte, es handele sich um eine echte Frau, die sich da in seinen Laken räkelte, und rannte sofort mit hochrotem Kopf zur Rezeption. Dort hatten sich schon Wuttke und Mill positioniert und lachten bei der Ankunft ihres Übungsleiters Tränen.

Apropos Heynckes. Der Borussia-Trainer trickste seinen Spieler Lothar Matthäus 1984 übel aus, indem er die Ablösesumme des Nationalspielers künstlich in die Höhe trieb. Weil er wusste, dass Matthäus bereits bei den Bayern unterschrieben hatte und eine Konventionalstrafe von 150.000 Mark bezahlen musste, falls der Transfer doch nicht zustande kam, bot die Borussia ihrem Spieler das damalige Wahnsinnsgehalt von 474.000 Mark. Denn die Gladbacher wussten: Zum Ausrechnen der Ablösesumme wurde in diesen Tagen auch das letzte Angebot des abgebenden Vereins herangezogen. Der besondere Clou bei der Geschichte: Jupp Heynckes griff für dieses Scheinangebot auch in seine eigene Tasche. 50.000 Mark kamen aus seiner Privatschatulle. Nicht ganz fair, aber ungemein wirksam. Und natürlich war Matthäus damals jeden Pfennig wert.

Fernet-Branca auf Auswärtsreisen

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Die Rivalität zum rheinischen Konkurrenten, dem 1. FC Köln, sorgte immer wieder die kuriosesten Geschichten. Am neunten Spieltag der Saison 1979/80 führte der FC gegen die Borussia zur Halbzeit bereits mit 3:0. Es drohte ein Debakel für die Fohlen. Und was taten die Kölner? Sie liefen in der Pause zu den Gladbachern und "heuchelten", wie sich Ewald Lienen erinnert: "Es tut uns ja so leid, aber da kann man eben nichts machen!" Die Gladbacher waren stinksauer. Zwischenzeitlich drehten sie die Partie komplett: 4:3. Am Ende gab es ein Unentschieden. Lienen: "Die Kölner hätten uns einfach ihr Mitleid nach unserem 0:3-Rückstand nicht so deutlich fühlen lassen sollen, dann hätte es am Schluss höchstwahrscheinlich kein 4:4 gegeben."

Der geniale Meistertrainer der Borussia, Hennes Weisweiler, wusste schon immer, dass es manchmal auf Kleinigkeiten ankommt. Bevor für die Mannschaft von Borussia Mönchengladbach ein Hotel gebucht wurde, ließ sich der Trainer genau über das Käseangebot vor Ort informieren. Zudem musste immer eine Flasche Fernet-Branca im Haus sein. Weisweiler streng: "Diese Dinge prüfen wir ganz genau!" Natürlich. Denn vermutlich sind es tatsächlich genau diese Kleinigkeiten, die Vereine groß machen. In diesem Sinne: Prost, alles Gute für die nächsten 120 Jahre und Glück auf, liebe Borussia!

Quelle: ntv.de