Legendäre Team-AnspracheAls Udo Lattek den BVB-Profis mit einem Trick Angst machte
Von Ben Redelings
Hinter verschlossenen Türen hält Kurzzeit-Trainer Udo Lattek im April 2000 eine denkwürdige Ansprache. Der BVB befindet sich in höchster Abstiegsgefahr - und Lattek, der damalige TV-Experte, soll in nur fünf Spielen das Ruder herumreißen.
"Wenn der Udo auf der Straße einen Haufen hinmacht, dann sagen die Leute: 'Guck mal, wie gut er da hingeschissen hat. Das qualmt sogar noch.'" Reiner Calmund wusste, wovon er sprach, als er im "Doppelpass" über sein Gegenüber, den früheren Trainer und Sportdirektor und damaligen Chef-Experten des DSF (heute Sport1), Udo Lattek, redete. Lattek war damals schon einige Jahre als Journalist unterwegs gewesen, hatte aber gerade noch einmal eine erfolgreiche Rückkehr auf die Trainerbank gefeiert. Zusammen mit Matthias Sammer hatte er den BVB im Frühjahr 2000 vor dem Abstieg bewahrt. Auffällig war in diesen Tagen: Der legendäre Meistercoach trug bei seinem 5-Spiele-Comeback eine Mütze des Senders DSF.
Damals war Udo Lattek bereits seit fünf Jahren beim Deutschen Sport-Fernsehen (DSF) fest als Experte in der sonntäglichen Sendung "Doppelpass" engagiert. Damit das DSF ihn für die Borussia gehen ließ, musste Lattek einen Leihvertrag unterzeichnen, der ihn dazu verpflichtete, die Kappe des DSF am Spielfeldrand schön plakativ auf dem Kopf zu tragen. Und der ehemalige Trainer des FC Bayern München tat es - und war so tatsächlich für ein paar Tage wieder "Mittendrin statt nur dabei".
Zwölf Jahre zuvor hatte Udo Lattek zum ersten Mal die Seiten gewechselt. Mitten in der Saison 1987/88 brach Lattek damals seine Zelte als Sportdirektor in Köln ab und wurde für ein Monatsgehalt von 50.000 Mark Kolumnist der neugegründeten "Sport Bild". Seinen Job als Journalist stellte sich Lattek übrigens so vor: "Ich schreibe selbst oder lasse schreiben. Aber sicher ist, dass kein Wort von mir erscheint, das ich nicht kontrolliert und abgesegnet habe. Ich bin doch kein kleiner Dummer!" Doch offensichtlich gefiel Lattek damals sein neuer Beruf noch nicht so wirklich.
"Ich bin ein Berufsidiot"
Nur knapp zwei Jahre später kehrte er erneut als Sportdirektor zum "Effzeh" zurück und als 57-Jähriger dann sogar noch einmal zum FC Schalke 04 auf den Trainerstuhl. Altersweise meinte Lattek damals: "Obwohl ich wirklich mal geglaubt hatte, es wäre vorbei für mich. Doch dann kommt mit der Zeit die Überlegung: Das Einzige, was ich im Fußball machen kann, ist Trainer - und sonst nichts. Ich bin kein Bürositzer, das ist nicht meine Welt. Ich bin ein Berufsidiot. Es wäre fürchterlich, wenn ich wieder als Lehrer in die Schule ginge. Nein, Fußball - und speziell die Bundesliga - ist wie eine Droge."
Und dieser Droge blieb er treu - wenn auch wieder auf einer anderen Position. Denn nach seinem kurzen Gastspiel auf Schalke hatte ihn 1995 das DSF als Experten für die neu gestartete Sendung "Doppelpass" verpflichtet. Und obwohl die ersten Monate nicht nur quotentechnisch eher holprig verliefen, sagte Moderator Rudi Brückner später einmal: "Udo Lattek war ein Glücksfall für uns. Er war unser Pfund, mit dem wir wuchern konnten." Diese erfolgreiche Ehe sollte 16 Jahre und 735 Sendungen halten - und nur einmal für einen kurzen Moment unterbrochen werden. Damals im Frühjahr 2000, als Lattek zum BVB ausgeliehen wurde.
Die Borussia befand sich in diesen Frühlingstagen, ein halbes Jahr vor dem geplanten Börsengang, in einer brenzligen Lage. Immer tiefer rutschte die Mannschaft, die eigentlich für andere Tabellenregionen zusammengestellt war, in den Abstiegskampf. Und in dieser Situation, da waren sich alle beim BVB einig, musste man sich etwas ganz Spezielles einfallen lassen. Die handelsüblichen Lösungen (Trainer) würden dieser Mannschaft nicht helfen, da war man sich sicher. Und in diesem Moment fiel dem damaligen Manager Michael Meier etwas ein, das ihm einmal jemand in einer ähnlich schwierigen sportlichen Lage gesagt hatte: "Wenn du Glück und Erfolg brauchst, kommst du in Deutschland an einem Mann nicht vorbei: Udo Lattek!"
Nun war Lattek jedoch seit einigen Jahren aus dem Tagesgeschäft raus und hatte sich in seiner Zeit als meinungsfreudiger Experte nicht nur Freunde in der Fußballszene gemacht. Kurzum: Die Rückkehr des früheren BVB-Trainers (1979-81) zu seinem alten Verein gestaltete sich alles andere als einfach. Denn auch die Spieler, so wurde vermutet, würden den Mann, der sie Woche für Woche damals verbal in den Boden gehauen hatte, nicht gerade überschwänglich empfangen. Doch Meier gelang der Parforceritt - und so stand Udo Lattek am 14. April 2000 das erste Mal seinem Team in der Kabine gegenüber. Es sollte ein denkwürdiger Moment werden.
"... oder es gibt auf die Fresse"
Nach den ersten Worten an die Mannschaft stoppte Lattek damals erst einmal und ordnete an, dass die Fenster geöffnet werden. Ein frischer Wind sollte endlich wieder in diesem Verein wehen, meinte er mit hochrotem Kopf. Er blickte in die Gesichter der Spieler und dann schwor er sein Team auf die letzten gemeinsamen Partien ein. Er versprach ihnen, dass sie ab sofort von der Presse in Ruhe gelassen werden würden, weil alle "Pfeile" von nun an auf ihn gingen. Von seinen Spielern forderte er im Gegenzug nur eins: Sie sollten sich komplett in den Dienst des Vereins stellen - denn ansonsten würde es ungemütlich für sie werden.
Und das waren nicht bloß nur Worte. Denn kurz zuvor hatte Udo Lattek auf der Pressekonferenz zu den anwesenden Journalisten gesagt: "Wenn ich BVB-Trainer bin, kämpfe ich bis zum letzten Blutstropfen. Da ziehen alle mit - oder es gibt auf die Fresse." Dass das in der Realität jedoch ganz anders aussehen könnte, als alle dachten, zeigte sich, als der alte Fuchs Udo Lattek an diesem legendären April-Vormittag seine kurze Rede an die Mannschaft schloss. Denn Lattek wusste, obwohl er so viele Jahre aus dem Geschäft raus gewesen war, wie seine Spieler tickten.
Und so sagte er zu ihnen: "Wenn ihr meint, weil ich nur für fünf Spiele hier bin, ihr müsst nicht alles geben, dann solltet ihr eine Sache bedenken: Ich bin tatsächlich nach diesen fünf Spielen wieder weg - aber ihr seid noch da. Ich werde wieder als Experte jeden Sonntag im Fernsehen sitzen. Und eins verspreche ich euch: Wenn ihr in diesen fünf Spielen nicht alles raushaut, dann werde ich euch in der nächsten Saison Woche für Woche im TV fertig machen, das könnt ihr euch nicht vorstellen!"
Die Worte sollten ihre Wirkung nicht verfehlen. Als die Spieler die Kabine verließen, erzählten sie draußen, dass Lattek ihnen richtig Angst gemacht habe. Doch der alte Motivator bewies in den folgenden Wochen auch, dass man sich auf (alle) seine Worte verlassen könne. Denn die Breitseiten der Presse nahm er komplett auf sich. Und so konnte die Mannschaft in Latteks Windschatten gemeinsam mit Matthias Sammer in Ruhe arbeiten und schaffte letztendlich den Klassenerhalt. Nur zwei Jahre später feierte der BVB schließlich die Deutsche Meisterschaft. Grund zum Meckern hatte Udo Lattek in diesen Tagen also ohnehin nur wenig im TV.
