Redelings Nachspielzeit

Spielerrevolte in der Bundesliga Als beim FC Bayern ein Trottel gehen musste

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Der junge Uli Hoeneß und der etwas ältere Pal Csernai.

(Foto: imago/Werner Otto)

Ex-Bayern-Trainer Niko Kovac wurde offenbar maßgeblich auf Wunsch der eigenen Spieler vor die Tür gesetzt. Das wirft kein gutes Licht auf die Mannschaft, ist aber in der Historie der Bundesliga nichts Ungewöhnliches. Auch die Bayern haben schon Haarsträubendes erlebt.

Die ärmste Sau im ganzen Stall ist immer der Trainer. Diese Weisheit ist so alt, dass sie schon zu Herbergers Zeiten nicht mehr zu einem pointierten Sinnspruch getaugt hätte. Dass der FC Bayern München seinen Coach Niko Kovac vor die Tür gesetzt hat, weil es "sicherlich Strömungen innerhalb der Mannschaft gegeben (hat), die den Trainer weghaben wollten" (Uli Hoeneß), ist keine schöne Geschichte - aber in der langen Historie der Fußball-Bundesliga bei Weitem kein Einzelfall. Es hat auch nichts mit der neuen Macht der Spieler zu tun, die - wie beispielsweise im Fall Ousmane Dembélé - einen ganzen Klub zur Weißglut treiben kann. Vereine lassen sich eben von ihren Spielern immer wieder aus einem einfachen Grund erpressen: Es ist wesentlich unkomplizierter und kostengünstiger, eine einzelne Person zu entlassen, als eine ganze Mannschaft.

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Vorsicht, Strömung.

(Foto: imago images / Sven Simon)

Nur ein einziges Mal hat ein Klub in Deutschland bei einer Spielerrevolte den Spieß konsequent umgedreht und lieber ein paar Profis vor die Tür gesetzt als den Trainer. Das war im Jahr 1984 beim Klub aus Nürnberg. Interessanterweise öffnete der Verein damals mit diesem Schritt die Tür für einige hochtalentierte Talente wie Roland Grahammer, Stefan Reuter oder Hansi Dorfner – die später allesamt, Obacht, beim FC Bayern München landeten. Nürnberg kickte damals allerdings in der zweiten Fußball-Bundesliga. Ein ambitionierter Erstligist wird sich immer für die nahe liegendste Lösung entscheiden und deshalb lieber den Trainer entlassen. Genau wie auf Schalke Anfang der neunziger Jahre.

Ein Sieg, der keiner war

Damals ging mal wieder alles drunter und drüber bei Königsblau und so stellte sich die Mannschaft geschlossen gegen ihren bonbonsüchtigen und stets lautstark lamentierenden Fußballlehrer, den Bosnier Alex Ristic. Doch selbst beeindruckende 19:0 Stimmen im internen Votum gegen den erfolglosen Tyrannen überzeugten den Präsidenten Günter Eichberg nicht von der Notwendigkeit, den verhassten Trainer augenblicklich zu entlassen. Vielmehr versprach er dem sensiblen Ristic in einem Anflug von edlem Hochmut, dass alles wieder in Ordnung kommen würde. Er müsse nur mal eben kurz ein paar vernünftige Worte mit diesen ungezogenen Lausbuben wechseln und ihnen ordentlich die Meinung geigen.

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Einmal freundlich, bitte: Alex Ristic und Gütnter Eichberg. Ganz links übrigens der junge Jens Lehmann.

(Foto: imago sportfotodienst)

Dann würde die Mannschaft schon einsehen, wer hier auf Schalke die Hosen anhat. Als Eichberg eine Viertelstunde später aus der Kabine kam, blieb allerdings auch ihm nicht anderes übrig, als kleinlaut einzusehen, dass er gegen diese "miesen Sausäcke" nichts ausrichten kann. Und so nahm er seinen Trainer liebevoll in den Arm und trocknete die Tränen der Trauer. Die Mannschaft freute sich unterdessen diebisch über ihren klugen Schachzug. Allerdings nicht sehr lange. Denn ein paar Wochen später setzte sich Udo Lattek in einem albernen bunten Trainingsanzug und einer übergroßen Müller-Milch-Mütze auf die Bank, und die ganze Chose ging für die Spieler von vorne los.

"Breitner lächelt wieder!"

Doch auch bei den Bayern hat man alles schon einmal erlebt. Zur Weihnachtszeit der Saison 1978/79 spielte sich in München eine Provinzposse ab. Der aus Krankheitsgründen beurlaubte Trainer Gyula Lorant hoffte, im Januar zurückzukommen. Doch daran glaubte niemand. Alle wussten: Sein schärfster Gegner Paul Breitner würde schon dafür sorgen, dass er das nicht tat. Denn der mochte Lorant überhaupt nicht und hatte seine Absetzung vorangetrieben. Interimstrainer Pal Csernai äußerte sich gegenüber der Presse süffisant: "Breitner lächelt wieder!"

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Pal Csernai und Paul Breitner und eine Torte.

(Foto: imago/WEREK)

Doch nicht mit allen verstand der Ungar sich. Nachdem Csernai am 3. Februar 1979 Gerd Müller vorzeitig ausgewechselt hatte, bat die Stürmer-Legende daraufhin um die sofortige Freigabe. Am 10. Februar stand er schließlich zum letzten Mal für die Bayern in der Bundesliga auf dem Platz. Müller nach dem Spiel: "Schau, wie meine Füße aussehen. Und ich Trottel hab für die Bayern meine Haxen hingehalten, nur damit sie mich jetzt beleidigen und wegschmeißen wie ein Stück Schrott. So lass ich mich nicht behandeln." Müller ergriff die Flucht weg von Csernai und den Bayern in Richtung USA.

"Ja, wo gibt es denn so etwas?"

Doch dann krachte es erneut in München. Die Meldung, dass Max Merkel möglicherweise neuer Bayern-Trainer zur Spielzeit 1979/80 werden sollte, gefiel einigen Spielern ganz und gar nicht. Torwart Sepp Maier über ein Gespräch mit seinem Präsidenten: "Herr Neudecker machte mit mir und Paul Breitner letzte Woche eine Frist zur Hauptversammlung des Klubs am 2. April aus, bis dahin könne sich die Mannschaft vom 0:4 gegen Bielefeld rehabilitieren. Dann erfahren wir aus dem Fernsehen, dass mit Max Merkel bereits alles klar sei. Ja, wo gibt es denn so etwas? Ich habe in Braunschweig mit 38 Grad Fieber gespielt, für unseren Trainer Csernai, der Hervorragendes geleistet hat bisher. Der Paul Breitner hatte letzte Woche acht Kilo abgenommen nach einer Darmgrippe und spielte auch. Erst darf Merkel jahrelang gegen uns Dreck werfen – dann holt ihn unser Präsident. Niemals!" Noch am Flughafen machten die Spieler eine Abstimmung – und alle stimmten gegen Merkel. Und was sagte der dazu? Max Merkel reagierte gelassen: "Wenn ned, is aa egal!"

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Der FC Bayern vor der Saison 1979/80. Schade, dass es solche Mannschaftsfotos heutzutage nicht mehr gibt.

Die Spieler hatten sich durchgesetzt, Pal Csernai blieb Bayern-Trainer. Doch das war Sepp Maier dann auch wieder nicht recht. Nach seinem Unfall im Juli hatte er sich wieder an die Mannschaft rangekämpft, doch Csernai ließ ihn nicht spielen. Und so rief Maier sauer und stark angetrunken mitten in der Nacht bei seinem Trainer an, um sich Luft zu machen. Er fühlte sich schlecht behandelt von seinem Coach: "Als Csernai noch Lorants Assistent war, kroch er mir in den Hintern. Ich habe ihm zum Cheftrainerposten mitverholfen, dafür lässt er mich jetzt hängen." Maier beendete kurz darauf seine Karriere.

Letzte Worte in München

Ein Jahr später tobte Maiers ehemaliger Mitspieler Branko Oblak: "Csernai ist ein Angsthase, ein Trottel. Sein Training ist eine einzige Langeweile, seine Raumdeckung ein alter Hut." Das waren Oblaks letzte Worte in München. Denn im Gegenzug wurde der ungarische Übungsleiter von vielen Experten gelobt, weil er neben der Etablierung seines Systems der Raumdeckung es vor allem geschafft hatte, die Cliquenwirtschaft innerhalb der Mannschaft zu beenden und aus elf kleinen Stars ein homogenes Team zu formen.

Doch das war im Mai 1983 bereits alles wieder Geschichte. Trotz zweier Meisterschaften unter Pal Csernai rumorte es im Team und die Zuschauer begehrten auf. Der Druck auf den Trainer wurde schließlich zu groß. Nun sah auch die Vereinsführung keine andere Möglichkeit mehr. Und so entließ – damals wie heute – Uli Hoeneß seinen Coach.

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Quelle: n-tv.de

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