"Vom Schlappen gerutscht"Als ein 80-Jähriger das "Tor des Jahres" schoss
Von Ben Redelings
Es war 2001 eine Sensation: Erstmals wurde in der ARD-"Sportschau" ein so alter Spieler für sein "Tor des Monats" ausgezeichnet. Kurt Meyer, der "Fußball-Opa", feierte damals kurz nach seinem Treffer seinen 80. Geburtstag. Ganz Deutschland war begeistert vom früheren Bergmann - der am Ende auch noch zum Schützen des "Tor des Jahres" gewählt wurde.
"Ich wollte schon ins Eck treffen, aber er ist mir auch ein bisschen vom Schlappen gerutscht." Kurt Meyer saß im kühlen Januar vor 25 Jahren nach einer Trainingseinheit im Vereinsheim seines Klubs Blau-Weiß Post Recklinghausen und erzählte wie einst der Schütze des legendären Tors zum WM-Titel 1954, Helmut Rahn, bei einem gut gekühlten Pils von seinem Treffer. Hier, im Klubhaus des Sportplatzes "Lange Wanne", musste er nicht lange drum herumreden: Sein wunderschöner Distanzschuss aus 16 Metern in den Winkel im Spiel gegen den FC Hillerheide hatte den Titel "Tor des Monats Januar 2001" der ARD-"Sportschau" redlich verdient.
Und so schämte sich Kurt Meyer auch nicht, dass der WDR damals direkt mit der Kamera auf sein Gesicht gehalten hatte, als man ihm am Telefon die frohe Nachricht vom unerwarteten Titel überbrachte. Ganz im Gegenteil sogar. Für den 80-jährigen, ehemaligen Bergmann der Zeche König Ludwig in Recklinghausen ("Als Junge habe ich in der Zechensiedlung herumgedroschen") war dieser Moment sogar einzigartig in seiner langen Laufbahn als Fußballer: "Der Studiochef hat gesagt, ich hätte einen ziemlichen Vorsprung. Da sind mir zum ersten Mal in meiner Fußballerzeit Tränen die Backen runtergelaufen."
Tatsächlich gewann Meyer die Wahl mit 65,1 Prozent der Stimmen klar und deutlich vor dem Schalker Jörg Böhme. Apropos Schalke. Zu den königsblauen Nachbarn seines Klubs Blau-Weiß Post Recklinghausen hatte der "Fußball-Opa" ein zwiespältiges Verhältnis. Einerseits hatte ihm gerade der Ex-Schalker Martin Max anlässlich seines 80. Geburtstag ein Trikot seines aktuellen Vereins, TSV 1860 München, geschickt, weil er in der Jugend von Meyer trainiert worden war, doch andererseits war der junge Kurt schon früh von einem Ereignis in seinem Leben geprägt worden: "Ich war gerade 13, da machten die Schalker hier ein Freundschaftsspiel gegen SuS Recklinghausen. Der Kuzorra schoss die Kugel durchs Außennetz zum Sieg ins Tor und hat sich dafür auch noch feiern lassen. Seitdem habe ich für Schalke nichts mehr übrig."
Doch darum ging es im Januar vor 25 Jahren nur am Rande. Denn ganz Deutschland war damals fasziniert, wie ein 80-Jähriger noch so fit und vital über den Platz rennen konnte - und dabei auch noch Tor um Tor schoss. Das "Strafraum-Monster", wie sie ihn nannten, absolvierte bis zu 50 Partien pro Saison und traf dabei bis zu 300-mal ins gegnerische Netz.
"Das hält jung"
Für diese Leistung hatten sie ihn sogar noch vier Jahre zuvor offiziell ausgezeichnet. Für Meyer, den "Fußball-Opa", war das alles aber nicht der Rede wert: "Ich bin mein Leben lang aktiv gewesen, das hält jung." Und dann sagte der Mann, der auch nach den zweimal 40 Minuten langen Spielen nicht ins Auto stieg, sondern den drei Kilometer weiten Heimweg zu Fuß bewältigte, noch: "Du musst vor allem hart gegen dich selbst sein. Verletzungen fangen sich nur weiche Spieler ein."
Knapp ein Jahr nach seinem gekrönten Treffer erhielt der überglückliche Senior, der 38 Jahre unter Tage als Hauer gearbeitet hatte, dann auch noch die Auszeichnung zum "Tor des Jahres". Auch da, mit nun 81 Jahren, stand Kurt Meyer immer noch mit seinem Team und seiner Trikotnummer 15 auf dem Platz. Mittlerweile war er deutschlandweit bekannt, ein beliebter Interviewpartner für Zeitungen und Magazine und ein gern gesehener Gast in Talkshows.
Und bei einem dieser Anlässe verriet der Mann, der mit über 80 Jahren noch Woche für Woche auf dem Platz stand, dann auch, dass er noch mit 100 am liebsten seiner größten Leidenschaft nachgehen wolle. Doch auch für den Tag, an dem es einmal zu Ende gehen würde, hatte der "Fußball-Opa" eine konkrete Vorstellung: "Wenn der liebe Herrgott mich abberufen will, wäre es mir am liebsten auf dem Fußballplatz. Beim Torjubel nach meinem Siegtor gegen Hillerheide." Sieben Jahre nach seinem größten sportlichen Triumph verstarb Kurt Meyer im August 2008.
