Redelings Nachspielzeit

Eine verrückte Fußballgeschichte Als ein Kneipier fast in der Bundesliga kickte

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Die Fans des FC St. Pauli machten Anfang der 90er Jahre eine seltsame Beobachtung auf dem Rasen.

(Foto: imago/Claus Bergmann)

Wohl jedes fußballbegeisterte Kind träumt davon, einmal im Trikot eines Bundesligisten auf den grünen Rasen zu laufen und den Applaus der Fans in sich aufzusaugen. Mit einer Schnapsidee hat ein Bonner genau das im gesetzten Alter geschafft, wenn auch ohne Spieleinsatz.

Einmal in der Fußball-Bundesliga spielen! Am Wochenende durfte sich der Union-Publikumsliebling Michael Parensen mit 33 Jahren diesen Traum erfüllen. Im Spiel gegen den SC Freiburg lief er erstmals nach dem Aufstieg für den 1. FC Union Berlin auf den Rasen. Der älteste Debütant ist er damit aber bei Weitem nicht. Diesen Titel verteidigt seit dem ersten Spieltag der Fußball-Bundesliga überhaupt am 24. August 1963 der Frankfurter Richard Kreß. Der war bei seinem Debüt bereits stolze 38 Jahre und fünf Monate alt. Am 22. Spieltag derselben Saison endete allerdings seine Karriere im Fußball-Oberhaus beim 1:1 der Eintracht in Köln auch schon wieder. Seine "Kicker"-Note zum Abschied: eine Fünf.

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Richard Kreß debütierte mit mehr als 38 Jahren in der Bundesliga.

(Foto: imago sportfotodienst)

Doch das wäre wahrscheinlich allen kleinen Jungs ganz egal, die davon träumen, eines Tages einmal im Trikot eines Bundesligisten auf den grünen Rasen eines voll besetzten Stadions zu laufen, in die Menge zu winken und den Applaus der Fans in sich aufzusaugen. Für Wolfgang Koll, einen Kneipier und Journalisten aus Bonn, ging genau dieser Traum in Erfüllung. Es ist eine irre Geschichte aus einer anderen Zeit!

Anfang der neunziger Jahre veranstaltete die "Hamburger Morgenpost" zusammen mit einem Radiosender und einigen Unternehmen die abgedrehte Aktion "Halluzi der Stadt-Spuk". Zwischen Binnenalster und Reeperbahn wurden scheinbar Karpfen aus Gullys gefischt, in Schwimmbädern Urin-Melde-Anlagen installiert, per Funk betriebene Haifischflossen durch die Alster gejagt und U-Bahnen zu Schlafwagen umgebaut. Der Hamburger, der als Erster eine dieser Aktionen enttarnte, konnte per Telefon-Hotline attraktive Preise einheimsen. Und da in der Hansestadt der Fußball damals mit zwei Erstligisten gerade florierte, durfte "Halluzi" natürlich auch ans runde Leder. Die Chance des Lebens für Wolfgang Koll.

Trikot spannt über Collinskis Wampe

Von einem alten Freund, der mittlerweile in Hamburg lebte, war Koll beim Bier dazu überredet worden, bei dieser Aktion mitzuwirken. Und so lief er nur wenige Wochen nach diesem Versprechen am 12. August 1992 als Igor Collinski vor 18.631 Zuschauern zum Warmmachen auf den Rasen des Millerntor-Stadions vom FC St. Pauli. Euphorisch war er zuvor vom Stadionsprecher als der überraschende, sensationelle Neuzugang aus Russland angekündigt worden, der topfit direkt in den Kader gerutscht sei.

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Hansa-Trainer Rutemöller fand diesen neu eingekauften Russen irgendwie merkwürdig.

Doch dem Mann, den das Pauli-Publikum auf dem Feld Verrenkungen machen sah, spannte das hautenge Trikot hingegen deutlich über einer üppigen Wampe. Was die Männer hinter den TV-Kameras allerdings nicht davon abhielt, jede Regung des eigenartigen Russen zu verfolgen. Und so filmten sie auch Kolls schnelle Verletzung. Nur wenige Minuten nach dem Start einer großen Karriere musste Igor Collinski auf der Trage besorgter Sanitäter vom Platz befördert werden. Als der Mann mit Bierbauch schließlich auch noch von der Transportgelegenheit krachte, stimmte das gesamte Stadion begeistert applaudierend "Halluzi, Halluzi …" an.

Rutemöller wurde misstrauisch

Beinahe wäre die ganze Geschichte allerdings bereits vorher aufgeflogen. Denn der damalige Hansa-Coach und frühere Trainer des Bonner SC, Erich Rutemöller, hatte den Kneipier und Journalisten Koll schon vor dem Warmmachen unten in den Katakomben entdeckt gehabt. "Mensch, was machst du denn hier?", hatte der Übungsleiter von Hansa Rostock Koll sogar gefragt - doch man hatte Rutemöller deutlich angesehen, dass er den Mann im Trikot des FC St. Pauli nicht recht zuzuordnen wusste. Zudem sendete Igor Collinski eine leichte Bierfahne aus.

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Michael Parensen vom 1. FC Union Berlin kam am 8. Spieltag zu seinem Bundesliga-Debüt.

(Foto: imago images/Matthias Koch)

Koll überlegte noch, ob er nicht spontan den Schlachtruf aus gemeinsamen Tagen beim Bonner SC ("Wir brauchen keinen Rudi Völler, wir haben Erich Rutemöller") anstimmen sollte, doch da er seine Tarnung nicht auffliegen lassen wollte, sagte er nur: "Ich muss jetzt raus!" Und dann erfüllte er sich als Igor Collinski für wenige Minuten den Traum aller fußballbegeisterten Kinder. Doch anders als bei Michael Parensen und Richard Kreß reichte es dann doch nicht ganz für einen echten Einsatz auf dem Erstliga-Rasen.

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Quelle: n-tv.de

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