Redelings Nachspielzeit

Eine dramatische Geschichte Als ein Transfer Daum fast das Leben kostete

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Christoph Daum wurde einst Teil eines brasilianischen Krimis.

(Foto: imago sportfotodienst)

Christoph Daum hat in seiner bewegten Karriere weiß Gott viele spektakuläre Geschichten erlebt. Doch eine Story wird er nie vergessen: Beim Versuch eines Transfers ging es plötzlich um das nackte Überleben!

Brasilien. Copacabana, Caipirinha und unglaublich talentierte Kicker. Bayer Leverkusen hatte Ende der 80er-Jahre mit dem Transfer eines gewissen Milton Queiroz da Paixao, kurz Tita genannt, als erster Verein in Deutschland begriffen, welch fantastische Potentiale dauerhaft für die Bundesliga im Land des mehrmaligen Weltmeisters lagen.

Nachdem der 1. FC Köln Mitte der 60er Jahre mit José Gilson Rodriguez, genannt Zézé, den ersten Mann vom Zuckerhut verpflichtet hatte, herrschte lange Zeit Ebbe zwischen Nordsee und Atlantischem Ozean. Bis Reiner Calmund das Paradies in Südamerika nicht mehr nur als Urlaubsziel ansteuerte, sondern mit Tita auch das Transfergeschäft ans Laufen brachte. Es sollte sportlich ein äußerst lohnenswertes und finanziell extrem lukratives Geschäftsmodell für Bayer werden.

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Das sahen auch alle Trainer so, die in den Folgejahren in der Stadt des Chemie-Riesen anheuerten. Einer von ihnen war Christoph Daum. Nach dem Transfer von Emerson, der 1997 von Grêmio Porto Alegre zu Bayer gewechselt war, begeisterte sich Daum überdurchschnittlich für den brasilianischen Markt, wie er in seinem gerade erschienenen Buch "Immer am Limit" erzählt: "Spätestens mit der Verpflichtung von Emerson hatte ich jedoch erkannt, was für eine Schatztruhe dort wartete. Ich musste nur hinfliegen, um sie zu öffnen."

Es wartete "ein Typ, der nicht nach Spaß aussah"

Von da an zog es Christoph Daum mehrere Male im Jahr für zwei, drei Tage nach Brasilien, um neue Spieler zu sichten und zu verpflichten. Einer von ihnen sollte 1999 ein gewisser Sérgio Cláudio dos Santos, kurz Serginho genannt, vom FC Sao Paulo sein. Ein begnadeter Linksverteidiger, der den Bayer-Offiziellen bei einer Partie, zu der sie eigentlich wegen eines anderen Spielers gereist waren, eher zufällig ins Netz der Begierde gefallen war. Doch nun wollten sie den jungen Mann lieber gestern als morgen verpflichten.

Und zuerst sah es auch so aus, als ob Daum und Manager Reiner Calmund erfolgreich wären, wie der damalige Bayer-Trainer in seinem Buch erzählt: "Es folgte das übliche Spiel. Serginhos Frau, die mit ihm ins Hotel gekommen war, bekam ein paar Kleinigkeiten. Serginho selbst sollte 100.000 Dollar für seine Unterschrift erhalten. Damit hatten wir den Spieler optioniert, was bedeutete, dass Serginho uns praktisch einen Wechsel nach Leverkusen zusicherte."

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Doch es gab ein Problem. Der abgebende Verein, der FC Sao Paulo, wusste noch nichts von seinem "Glück". Und das bereitete Calmund und Daum Sorgen. Zurecht, wie sich schon bald herausstellen sollte. Denn als die beiden in Sao Paulo eintrafen, war es mit ihrer Euphorie schlagartig vorbei. Im Hotel wartete bereits "ein Typ, der nicht nach Spaß aussah", wie Daum schreibt: "Wir wissen von eurem Deal mit Serginho. Ihr habt sechs Stunden Zeit, uns die unterschriebenen Verträge zurückzugeben. Ansonsten werdet ihr Brasilien nicht mehr verlassen!"

Calmund und Daum "rutschte das Herz in die Hose". Sofort war beiden klar, dass die Situation bitterernst war. Daum schaltete am schnellsten. Für ihn gab es nur eine Lösung - die vollständige Kapitulation: "Reiner, wir haben keine Wahl. Oder willst du mit Betonschuhen im Atlantik versenkt werden?"

Und obwohl Christoph Daum zu gerne Serginho verpflichtet hätte, übergaben sie kurz darauf völlig eingeschüchtert, aber froh noch am Leben zu sein, die Verträge den Offiziellen von Sao Paulo. Anschließend wollten sie nur noch weg und direkt zum Flughafen: "Ich habe Reiner nie wieder so schnell laufen gesehen wie auf dem Weg von der Geschäftsstelle des Clubs zum Taxi."

"Unser letztes Stündchen hatte geschlagen"

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Warum die Vertreter des FC Sao Paulo so sehr an der Herausgabe der Papiere interessiert waren, hat Reiner Calmund schon Jahre zuvor in seinem Buch "fußballbekloppt" geschrieben. Die Bayer-Verantwortlichen wusste nämlich etwas, das ihnen beinahe zum Verhängnis werden sollte. Ein Insider hatte Calmund und Co. gesteckt, dass in Serginhos Vertrag zum Saisonende eine Ausstiegsklausel in Höhe von zwei Millionen Dollar verankert war. Doch das war den Offiziellen des FC Sao Paulo, die gerade Denilson für die Rekordsumme von 52 Millionen DM zu Betis Sevilla transferiert hatten, zu wenig. Serginho wechselte ein Jahr später schließlich für 18 Millionen Euro zum AC Mailand.

Übrigens: In Calmunds Geschichte über diese spektakulären Stunden in Brasilien taucht Christoph Daum gar nicht auf. Doch auch Callis Sicht der Dinge klingt hochdramatisch: "Mein Magen krampfte sich zusammen, mir wurde kotzübel. Unser letztes Stündchen hatte geschlagen. Mein Gedanke: 'Der Killer raucht in Seelenruhe zu Ende, dann sind wir dran.'" Gott sei Dank ging alles, wie wir heute ja wissen, schließlich doch noch gut aus.

Quelle: ntv.de