"Berti raus"-Rufe gegen GhanaAls die DFB-Elf mit sensationellem Rekord den Bundestrainer rettete
Von Ben Redelings
Am 14. April 1993 sieht es lange Zeit nicht gut aus für den Bundestrainer. Beim Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Ghana liegt die Elf von Berti Vogts zur Pause zurück. Die Zuschauer werden unruhig. Doch dann geschieht etwas bis heute Einmaliges.
"Ich bin guten Mutes, dass bald wieder die Sonne scheint, auch wenn es im Moment regnet." Zwei Tage vor dem Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Bochumer Ruhrstadion gegen Ghana am 14. April 1993 versuchte Bundestrainer Berti Vogts trotz des wolkenverhangenen Himmels im Trainingslager in Kamen gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Denn nur knapp drei Wochen nach der Partie in Glasgow gegen Schottland, bei der die deutsche Elf enttäuscht und am Ende nur hauchdünn mit 1:0 gewonnen hatte, forderte die Nation Wiedergutmachung für diese äußerst schwache Vorstellung gegen die Bravehearts. Man kann sagen: Die Stimmung im Land war angespannt!
"Sicher können wir mit der Art und Weise, wie wir in Schottland gespielt haben, nicht zufrieden sein. Aber wir haben jetzt in einem Heimspiel die Möglichkeit, wieder Werbung für den Fußball zu machen", meinte Jürgen Klinsmann noch einsichtig - und auch der Bundestrainer selbst wusste, was auf dem Spiel stand: "Wir wollen das Vertrauen unserer Fans zurückgewinnen." Doch dieser Plan scheiterte in der ersten, denkwürdigen Halbzeit im Bochumer Ruhrstadion krachend.
Mehr noch: Bis zur 69. Minute lag das deutsche Team an diesem lauen Aprilabend vor 37.000 Zuschauern mit 0:1 gegen Ghana hinten. Polley hatte kurz vor dem Halbzeitpfiff von Schiedsrichter Van der Ende aus den Niederlanden die Führung für Ghana erzielt - und im Stadion die ohnehin sichtlich und hörbar gereizte Stimmung noch einmal angeheizt. Nur wenige Monate zuvor hatte bei der Europameisterschaft in Schweden die deutsche Elf noch im Finale gegen Dänemark gestanden, doch nun entlud sich in der Halbzeitpause der Frust der deutschen Zuschauer in genau zwei Worten: "Berti raus". Immer wieder schallten die Rufe durch das dicht besetzte Ruhrstadion.
Die Spielweise machte die DFB-Fans wütend
Die Besucher des Länderspiels waren mit der großen Hoffnung angereist, dass den Worten nun endlich einmal auch Taten folgen würden. Doch das Ergebnis und die Art und Weise des deutschen Spiels machten sie wütend. Eine verständliche Reaktion. Hinterher meinte Berti Vogts jedoch konsterniert: "Ich möchte nicht mehr darüber reden. Diese Leute haben sich selbst abqualifiziert." Auch bei ihm brauchten die Wunden dieses Abends offensichtlich noch etwas länger, um zu verheilen. Dass es allerdings überhaupt dazu kam, dass diese Partie am Ende noch versöhnlich ausging, hatte der Bundestrainer einer 180 Grad Kurskorrektur seiner Mannschaft zu verdanken. Denn nach einer katastrophalen Halbzeit lieferte sein Team nicht nur "das beste Länderspiel seit anderthalb Jahren" (Berti Vogts), sondern schaffte auch noch etwas bis heute Einmaliges.
Innerhalb von weniger als zwei Minuten wandelten Ulf Kirsten, Stefan Effenberg und Jürgen Klinsmann an diesem historischen Abend den Rückstand in eine 3:1-Führung um. Das hat es vorher und nachher nie wieder gegeben. Plötzlich gelang all das, was in der ersten Halbzeit schiefgelaufen war. Die deutsche Mannschaft spielte sich in einen wahren Rausch. Angetrieben von einem groß aufspielenden zweifachen Torschützen Stefan Effenberg. Der "Kicker" feierte den Spieler aus Florenz hinterher euphorisch: "Sehr engagiert und willig. Machte das Ideale aus seiner Position, könnte in dieser Rolle der ideale Mann werden."
Plötzlich Hochstimmung auf den Tribünen
Und auch die Stimmung im Ruhrstadion war auf einmal wie verwandelt. Die Zuschauer ließen sich von den brillanten Aktionen auf dem Rasen anstecken. Wo vorher Trübsal geblasen wurde, herrschte nun Hochstimmung. Und als die deutsche Elf Ghana am Ende mit 6:1 aus dem Stadion gefegt hatte, feierten die Fans den deutschen Bundestrainer plötzlich wieder mit Sprechchören. Der sensationelle Rekord in den zwei Minuten zwischen der 69. und 70. Minute hatte den Bundestrainer gerettet.
Man kann nur vermuten, wie der weitere Werdegang von Berti Vogts ausgesehen hätte, wenn dieses Spiel nicht diese irre Wendung erfahren hätte. So konnte der Bundestrainer allerdings ein paar Tage später in einem Magazin in der Rubrik "Fragen Sie Ihren Star!" auf die ketzerische Frage "Wann treten Sie endlich als 'Bundes-Berti' zurück?" von Melanie Diedrichs aus Bochum entspannt antworten: "Im Jahr 2006 nach der WM im eigenen Land". Dazu sollte es zwar nicht kommen, aber den Titel bei der Europameisterschaft 1996 in England kann Berti Vogts niemand mehr nehmen. Der Bundestrainer hatte damals recht behalten: Plötzlich strahlte auch für ihn wieder die Sonne.
