Redelings Nachspielzeit

Redelings über das DFB-Dilemma Das letzte Zucken der Ehe mit Löw

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Wie lange hält das Band zwischen Bundestrainer Joachim Löw und der DFB-Spitze noch?

(Foto: imago/ActionPictures)

Das Spiel der DFB-Elf gegen Frankreich ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Ende. Dass der Abschied von Coach Löw naht, wissen alle. Doch der Schlusspunkt einer langen Beziehung ist für niemanden einfach – aber unausweichlich!

Das Ende kann auch eine Erlösung sein. Am Abend spielt die deutsche Fußball-Nationalelf in Paris (20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) in der Nations League gegen Weltmeister Frankreich und nicht wenige Katastrophen-Touristen werden vor den TV-Geräten sitzen und auf die Apokalypse hoffen. Nach den Ereignissen der letzten Wochen und Monate bahnen sich nicht nur bittere 90 Minuten sondern auch eine dramatische Zuspitzung der Geschehnisse an. Wenn die Sehnsucht nach dem finalen Desaster bei vielen größer ist als die Hoffnung auf einen versöhnlichen Neubeginn, dann weiß man, was die Stunde geschlagen hat.

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Die Beziehung von Bundestrainer Joachim Löw und dem DFB erinnerte in letzten Monaten an eine lange Ehe, die sich in einer Sackgasse befindet und fast klischeehaft alle Muster einer gescheiterten Beziehung bedient. Man hat sich schon lange nichts mehr zu sagen, bleibt aber dennoch zusammen, weil da einerseits die Kinder sind und andererseits, so schaurig das klingt, sich einfach noch nichts Besseres gefunden hat. Zugegeben, das hört sich in der Tat hart an, aber die Vermutung liegt wenigstens auf Seiten des DFB nahe, dass eine Trennung deshalb noch nicht vollzogen wurde, weil kein anderer Partner in Sicht ist. Und so bleibt man bei dem, was man hat.

Dabei ist es ja kein Geheimnis, dass dieses Verhalten beim DFB nicht aus einer Tugend sondern aus einer Position der Schwäche heraus geschieht. Es ist schon länger ein großes Dilemma des Deutschen Fußball-Bundes, dass man an seinen Trainern festhält, weil man einfach keine passende Alternative hat. Wahrscheinlich ist es auch diesmal der (Haupt-)Grund dafür, dass man trotz besseren Wissens nach der WM Löw weiter das Vertrauen ausgesprochen hat. Offensichtlich wollte man einfach nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen, als man beispielsweise 1998 einen Übungsleiter wie Erich Ribbeck verpflichtete und damit den Karren endgültig mit Karacho und Ansage gegen die Wand fuhr. Der gute Mann war auf dem Posten des Bundestrainers so kolossal fehlbesetzt, wie es nur eben ging. Und dabei ist Ribbeck immer schon ehrlich gewesen, wenn man ihn auf seine Fähigkeiten ansprach: "Wo ich bin, klappt nichts – aber ich kann nicht überall sein."

Der gute Glaube ist zum Scheitern verurteilt

Vor der Weltmeisterschaft in Russland hatte Präsident Grindel noch demonstrativ den Vertrag mit Löw verlängert. Auch das erinnert an Eheleute, die glauben, wenn sie noch ein Kind bekommen oder mit viel Tamtam in eine neue, größere und frisch möblierte Wohnung ziehen, alles wieder gut wird. Doch diese Hoffnung ist in 99 von 100 Fällen zum Scheitern verurteilt.

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Julian Draxler hat sich öffentlich geäußert - (k)eine gute Idee?

(Foto: imago/Hartenfelser)

Auch zu Hause ist nichts mehr, wie es mal war. Die Kinder spüren, wenn bei ihren Eltern nicht alles in Ordnung ist. Da können die Treueschwüre und all die Liebe nicht drüber hinwegtäuschen. Und so wagt es ein Spieler wie Draxler tatsächlich - nach seinen desaströsen Fehlern in der Partie gegen die Niederlande -, öffentlich den Mund aufzumachen und Forderungen zu stellen. In einer Ehe, in der alles okay ist, würde ein Kind in dieser Situation den Mund halten – aus Demut, Dankbarkeit und Anstand. Dass Draxler genau das Gegenteil tat, ist symptomatisch.

Wie verfahren und eingefahren die ganze Lage ist, zeigt auch die Rolle des Toni Kroos auf dem Platz. Unbestritten ein Spieler mit großen Fähigkeiten und noch größeren Verdiensten. Aber dennoch wäre es an der Zeit, dass ihm Jogi Löw entweder zeigt, wie man das Repertoire an möglichen Ecken-Varianten erweitert oder er jemandem anderes diesen Job anvertraut. Denn so wie im Moment kann es nicht mehr weitergehen.

Die Erinnerungen an die tollen Zeiten und die gemeinsamen Erlebnisse, die niemand je vergessen wird, machen den Abschied so schwer. Die Hoffnung darauf, dass alles noch einmal so schön wird, wie es einmal war, ist schließlich immer noch da. Und wer weiß: Vielleicht flackert sie heute Abend sogar noch einmal kurz und kräftig auf - doch schon bald wird man getrennte Wege gehen. Denn so traurig die Situation für alle Beteiligten auch sein wird, darf man eine Sache nie vergessen: Das Ende kann auch eine Erlösung sein!

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Quelle: n-tv.de

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