Redelings Nachspielzeit

Skurrile Trainerschicksale Die Frau vom Boss "fände Labbadia attraktiv"

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Der "schöne Bruno" Labbadia kämpft mit Hertha BSC gegen den Abstieg.

(Foto: imago/HJS)

Im Augenblick stehen in Berlin, Hoffenheim und Köln mal wieder die Trainer unmittelbar vor dem Rauswurf. Doch alle drei könnten schon bald wieder woanders aktiv werden. Außer die Trennung verläuft mal nicht harmonisch - so wie einst bei einer deutschen Legende.

Manchmal würde man sich in diesen Tagen ja fast schon wünschen, dass es mal wieder so richtig kracht. Aber irgendwie läuft es auch beim Thema Trainerentlassungen zumeist alles recht harmonisch und nach Schema F ab. Keine Geschichten für die Ewigkeit auf jeden Fall. Dabei kann gerade auch so ein extraordinärer Rauswurf seine ganz speziellen Reize entfachen - weil man sich an die ungewöhnlichen Dinge eben viel eher und viel lieber noch ganz lange in der Zukunft erinnert. Das beste Beispiel dafür ist der 15. Dezember 1999, als in Köln die Gefühle regierten und der Verstand für einen Moment ausgeschaltet wurde.

Hauptfigur dieses filmreifen Dramas war damals ein echtes Unikum des deutschen Fußballs, der Präsident von Fortuna Köln, Hans "Jean" Löring. Die Fortuna gab sich in diesen Jahren stets viel Mühe, aus dem großen Windschatten des übermächtigen Stadtkonkurrenten, dem 1. FC Köln, zu kommen, doch das gelang trotz aller Anstrengungen nie. Und das hatte traurige Konsequenzen zur Folge. Es mangelte dem Klub schlicht an einem weitergehenden Interesse der Fans. Und so kommentierte TV-Reporter Werner Hansch eines Tages beim Blick über die leeren Ränge süffisant: "Und wieder nur 500 Zuschauer im Kölner Südstadion, rufen Sie an und ich gebe Ihnen die Namen durch."

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Der häufig aufbrausende, immer emotional statt rational agierende Präsident des rheinischen Underdogklubs ließ in der Regel keine Gelegenheit aus, ein gut gekühltes Glas mit alkoholischen Getränken zu konsumieren. Und so kommt einer seiner vielen legendären Sätze nicht von ungefähr: "Morgens denke ich nicht, da nüchtere ich höchstens meinen Kater aus". Ob auch an diesem speziellen Dezember-Abend des Jahres 1999 Alkohol im Spiel war - man kann es nur vermuten.

"Du machst meinen Verein kaputt"

Wie sehr Jean Löring allerdings mit seinem Verein verschmolzen, ja, fast eins war, zeigte sich an diesem unvergesslichen Tag auf besondere Art und Weise. Er ist auch deshalb in die Geschichte des Fußballs eingegangen, weil der Kölner Präsident an diesem Abend einmal für einen Augenblick alle Regeln und guten Gepflogenheiten aus dem Blick verlor und ganz allein aus der Hüfte heraus entschied.

Zur Halbzeit des damaligen Spiels gegen den SV Waldhof Mannheim stand es bereits 0:2. Löring war außer sich. Beim Gang in die Katakomben fragte er die Ordner, was er denn jetzt tun solle? Die einstimmige Antwort lautete: "Jean, du musst den Toni entlassen!" Der "Toni", das wissen die Älteren natürlich sofort, war niemand Geringeres als der ehemalige deutsche Fußball-Nationaltorhüter und das Idol des innerstädtischen Konkurrenten, dem 1. FC Köln. Doch das war Löring in diesem Moment herzlich egal.

Wutschnaubend riss er die Tür zur Kabine auf, stellte sich mit hochrotem Kopf vor Schumacher auf und schrie ihn vor der versammelten Mannschaft an: "Hau ab in die Eifel. Du machst meinen Verein kaputt. Du hast hier nichts mehr zu sagen, du Wichser!" Die Partie endete übrigens anschließend 1:5.

Wie sich später, als ein wenig Gras über die Sache gewachsen war, herausstellte, hatten die Ordner, die Löring auf dem Weg in die Katakomben getroffen hatte, eigentlich natürlich gemeint, dass man den "Kölner Jung" Schumacher wie gewöhnlich nach dem Spiel und nicht mittendrin entlassen solle. Doch das war Löring auch im Nachhinein egal. Noch Jahre später sah er sich voll im Recht, wie seine ebenfalls legendären Worte eindrucksvoll beweisen: "Ich als Verein musste reagieren!"

Harmonische Trennungen?

Knapp einundzwanzig Jahre später ist alles anders, gewöhnlicher. Wie immer zu dieser Jahreszeit, so auch jetzt, lautet in der Bundesliga aktuell wieder das Motto: Im Herbst, da fallen die Blätter - im Winter dann die Trainer. Und nachdem Mainz und Schalke schon tüchtig vorgelegt haben, heißt es jetzt auch in Hoffenheim, bei der Hertha in Berlin und in Köln mal wieder: Mal schauen, wer als Nächstes von diesen dreien seinen Hut nehmen muss? Aber egal, ob es Sebastian Hoeneß, Bruno Labbadia oder Markus Gisdol treffen wird, man kann sicher sein, dass die Trennung gewohnt harmonisch und mit vielen gegenseitigen Danksagungen vollzogen werden wird. Es ist und bleibt eben so, wie es der damalige Präsident von Eintracht Frankfurt, Rolf Heller, nach seinem vierten Trainerrauswurf einmal so schön sagte: "Ich würde gern mal länger mit einem Trainer arbeiten. Aber man kommt ja nicht dazu!"

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und Projekten gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Und man kann die Vereine natürlich auch verstehen: Sie wollen für ihren Klub und die Fans immer das Optimale herausholen, auch wenn gerade die Mannschaften in den unteren Tabellenregionen selbstverständlich wissen, dass ein neuer Coach auch kein Allheilmittel ist. Oder wie es die alte Trainer-Legende Dettmar Cramer einst in Erinnerung an den Weltmeistercoach so treffend auf den Punkt brachte: "Wenn jeder Verein in der Bundesliga einen Herberger hätte, müssten zwei Herberger absteigen."

Für Toni Schumacher war es das übrigens damals nach diesem spektakulären Rauswurf bei der Fortuna aus Köln. Nie wieder sollte er als hauptamtlicher Chefcoach eines Bundesligisten an der Seitenlinie stehen. Bei den drei Kandidaten, die momentan um ihre Anstellung bangen müssen, sind die Zukunftsperspektiven jedoch deutlich besser. Aller Voraussicht nach würden sie schon recht bald wieder irgendwo unterkommen. Das gilt auch für den "schönen Bruno". Denn schließlich ist Heribert Bruchhagen, der die folgenden Worte einst in Frankfurt sagte, mittlerweile selbst nicht mehr in Amt und Funktion: "Meine Frau fände Bruno Labbadia sehr attraktiv. Aber bei der Trainerwahl höre ich nicht auf sie. Sonst schon."

Quelle: ntv.de