Redelings Nachspielzeit

Die Tragik des Diego Maradona Viel zu labil für (s)ein Leben als Popstar

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Die Verlockungen waren groß, manchmal zu groß.

(Foto: imago/Sportfoto Rudel)

Der legendäre Diego Armando Maradona ist tot. Wenige Tage nach seinem 60. Geburtstag ist der argentinische Weltmeister verstorben. Für viele gilt er als der beste Fußballer aller Zeiten. Doch Maradona war mehr. Sein Leben war das eines Popstars!

Als Kind wollte ich immer Diego Armando Maradona sein - als Erwachsener nicht mehr. Gestern ist nicht nur einer der besten Fußballer aller Zeiten, sondern auch einer der größten Popstars, die es je auf dieser Welt gegeben hat, von uns gegangen. Das letzte Spiel seines Lebens, das Diego immer so sehnsüchtig hoffte zu gewinnen, hat er nun verloren. Endgültig. Und es trifft uns Fußballfans, alle, die mit ihm zusammen aufgewachsen sind, auf diese seltsam befremdliche Weise, als ob ein naher Angehöriger plötzlich nicht mehr da ist.

Maradona ist tot. Diese Nachricht muss man erst einmal sacken lassen - obwohl man eigentlich seit über zwanzig Jahren stets damit rechnen musste. Seit klar war, dass dieses Idol der Kindheit abseits des grünen Rasens die Dinge nicht immer so souverän unter Kontrolle hatte wie auf dem Spielfeld. Die Fotos vom aufgedunsenen, fetten Maradona wollten damals so gar nicht zu unserem Bild vom glänzenden Superstar passen. Diesem Helden am Ball, der zum Aufwärmen vor dem Spiel die Kugel locker-lässig durch die Lüfte fliegen ließ und sie dann mit dem Kopf, Po, Oberschenkel oder der Hacke wieder sanft auffing. Dazu veranstaltete er passend zur Stadionmusik ein ulkiges Tänzchen - und grinste. Diego in seinem Element.

In diesen Tagen vor zwanzig Jahren konnte Maradona die Wahrheit, die die Welt schon viel früher gesehen und begriffen hatte, nicht mehr länger verleugnen. Und er wollte es wohl auch nicht mehr. Damals versuchte er uns Normalbürgern verständlich zu machen, was mit ihm und seinem Leben passiert sei: "Ich habe 40 Jahre so intensiv gelebt, als wären es 70 gewesen. Dabei habe ich alles Mögliche durchgemacht und bin immer wieder aufgestanden. Ich bin wie aus heiterem Himmel aus den Tiefen der Villa Fiorito bis auf den Gipfel des Mount Everest aufgestiegen. Und einmal ganz oben angekommen, war ich plötzlich auf mich allein gestellt, weil mir niemand erklärt hatte, wie man sich in einer solchen Situation verhält."

Ein Leben, das nicht zu fassen ist

Doch auch wenn wir diese Worte als solche damals verstanden, die ganze epische Tiefe dieser Sätze hat vermutlich selbst Maradona nie ganz durchdrungen. Sein Leben in Neapel in den Jahren 1984 bis 1991, das der Spielfilm von Asif Kapadia aus dem vergangenen Jahr auf beeindruckende wie bedrückende Art zeigt, ist für einen normalen Menschen nicht zu fassen. Aber auch der große Fußballer Diego Armando Maradona scheiterte an dem Versuch, dieses Leben nachträglich zu begreifen.

In einem anderen, einzigartigen Dokumentarfilm "Maradona by Kusturica" singt der Weltstar das Lied "La mano de dios" (Die Hand Gottes) über sich selbst. In einer Diskothek steht Maradona zusammen mit einer Band auf der Bühne. Von unten schauen seine Frau und Tochter zu ihm hinauf. Der Song beginnt harmlos und nostalgisch: "Von klein auf träumte er, bei einer Weltmeisterschaft zu spielen und sich in der ersten Liga zu behaupten, um so durch das Spielen vielleicht seiner Familie zu helfen." Das hat Diego Armando Maradona geschafft. Doch dann kamen ihm der Ruhm, das Leben und die neapolitanische Camorra mit ihren Verlockungen dazwischen.

Und so endet das Lied auf eine brutal-schonungslose Art offen und ehrlich. Spätestens in diesem Moment wird das Kind in einem endgültig zum Manne - und man verabschiedet sich vom Traum der frühen Jahre, als man sich nichts sehnlicher wünschte, als dieser wunderbare Fußballer aus dem Fernsehen zu sein. Das erwachsene Ich muss sich eingestehen, dass es dieses Leben des Diego Armando Maradona abseits des Platzes niemals hätte führen wollen. Und auch der argentinische Weltstar wird sich wohl so manches Mal gewünscht haben, dass wieder alles so einfach für ihn sei wie damals als Kind auf dem grünen Rasen.

Die "weiße Frau" lässt ihn nicht los

Und so singt Diego mit Tränen in den Augen und dennoch mit voller Stimme das Lied über sich selbst weiter: "Er trägt ein Kreuz auf seinen Schultern, weil er der Beste ist, seinem Gegenüber niemals käuflich. Eigenartige Schwäche. Wenn Jesus doch stolperte, warum sollte er nicht auch? Der Erfolg stellte ihm eine weiße Frau vor, geheimnisvoll angehaucht und verboten im Genuss, hat ihn von dem Verlangen abhängig gemacht, sie noch mal zu probieren und in seinem Leben einzuschließen."

Die "weiße Frau" ist Diego Armando Maradona nie wieder ganz losgeworden. In jedem Fall jedoch zu spät. Das Kokain hat das Leben dieses einzigartigen Fußballers zerstört. Und so ist sein Traum, den er in der letzten Zeile des Liedes besingt und heraufbeschwört, leider nicht mehr Realität geworden: "Es ist ein Spiel, das Diego eines Tages gewinnen wird."

Gestern ist im Alter von 60 Jahren der große argentinische Fußballer Diego Armando Maradona gestorben. Und mit ihm ein Teil meiner Kindheit. Mach's gut, Diego!

Quelle: ntv.de