Redelings Nachspielzeit

Fußball-Zeitreise, 29.5.99 Die legendäre Bundesliga-Schlusskonferenz

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Der Höhepunkt eines verrückten 34. Spieltags der Saison 1998/1999: In Frankfurt fällt das 5:1 - das Tor zum Klassenerhalt für Eintracht Frankfurt.

Die Radio-Schlusskonferenz der Saison 1998/1999 geht in die Geschichte der Fußball-Bundesliga ein. Mit Manni Breuckmann, Günther Koch und Dirk Schmitt erlebten die Zuhörer ein unvergessliches Stück Zeitgeschichte das für unseren Kolumnisten noch viel mehr war.

"Ganz kurz eine Unterbrechung der Konferenz: Wieder Kinder auf der Autobahn. Achtung Autofahrer, auf der A45 Hagen Richtung Gießen, Kreuz Hagen und Lüdenscheid Nord, diese Kinder auf der Fahrbahn!", meldet sich aus dem Rundfunkstudio des WDR in Köln mit gewohnt sonorer Stimme Dietmar Schott, der Moderator der Sendung. Es ist Samstag, der 29. Mai 1999, gegen 17.12 Uhr. Damals war ich am Morgen mit einem Kleintransporter aus Amsterdam zurück nach Bochum gefahren. Ein Jahr hatte ich dort in einem Vorort namens Diemen gelebt. Diemen sollte erst zweieinhalb Jahre später weltweit bekannt werden, weil genau auf meinem täglichen Radweg Richtung Innenstadt ein Zwischenfall zwischen dem niederländischen Nationalspieler Edgar Davids und seinen Freundin für Schlagzeilen sorgte.

Das wäre vielleicht ein guter Stoff für mein Buch gewesen, das ich vor zwanzig Jahren schreiben wollte und weshalb ich nach Amsterdam aufgebrochen war. Doch die Zeilen, die ich damals zu Papier brachte, haben es aus der Schublade nie hinaus geschafft. Und doch waren sie der Anfang von einem Sommer, der mein Leben auf den Kopf stellen sollte. An diesem Samstag im Mai 1999, der in die Geschichte der Fußball-Bundesliga einging, weil am letzten Spieltag noch fünf Mannschaften absteigen konnten und sich drei dieser Teams ein dramatisches Finale lieferten, habe ich es nicht mehr ins Ruhrstadion geschafft.

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Slawomir Majaks Treffer zum Rostocker Klassenerhalt kostete den Polen Hemd und Hose.

(Foto: imago sportfotodienst)

Wahrscheinlich wollte ich es auch gar nicht. Während meiner Abwesenheit war mein VfL Bochum abgestiegen. Und nun ging es heute für meinen Klub gegen Hansa Rostock eigentlich nur noch um die goldene Ananas. Vermutlich hofften das auch die 7.000 Hansa-Anhänger oder wie sie der Reporter im Ruhrstadion, Manni Breuckmann, nannte: die "Ostsee-Anrainer". Denn Rostock benötigte einen Sieg, um sicher drin zu bleiben. Und tatsächlich: Wenige Minuten vor Ende der Partie erlöste der eingewechselte Majak die Hansa-Fans. Sein Kopfballtreffer zum 3:2 hatte die Begegnung gedreht.

"Wir melden uns vom Abgrund"

"Toor, Toor für die Frankfurter Eintracht, 5:1, herrje, welche Leistung! Und damit ist wieder der 1. FC Nürnberg in der zweiten Liga", ruft der Reporter Dirk Schmitt im Frankfurter Waldstadion. In dieser Sekunde ist nicht nur Hansa Rostock gerettet, sondern auch die intracht. Ich setze mich auf einen Stuhl aus den fünfziger Jahren. Vor zwei Jahren war meine Oma gestorben und ich hatte mir zwei Stühle und einen Glastisch von ihr ausgesucht. Schon als kleines Kind hatte ich auf dem beigen Polster der Stühle gesessen - und stets penibel darauf achtgeben müssen, dass keine Schokolade aufs Polster kam. Wenn ich bei Oma übernachtete, durfte ich als einziger abends bei der Sportschau noch etwas naschen. Sonst durfte niemand überhaupt nur in die Nähe von etwas Essbarem kommen, wenn er auf den guten Stühlen saß.

Ich nahm den Teller mit dem Stück Kuchen, den meine Mutter extra zur Heimkehr ihres verlorenen Sohns gebacken hatte, lehnte mich zurück und hörte, wie Günther Koch sagte: "Hallo, hier ist Nürnberg, wir melden uns vom Abgrund, Nürnberg 1:2. Ade liebe Freunde, es ist nicht zu fassen, was der Club seinen Fans, was er seinen Anhängern, und was er seinem treuen Publikum zumutet ... ich rufe noch einmal Manni Breuckmann in Bochum."


In Amsterdam hatte mich häufiger eine Freundin besucht. Sie war an Krebs erkrankt. Durch eine Bekannte hatte ich davon erfahren und wieder Kontakt zu ihr aufgenommen. Wir schrieben uns lange Briefe und telefonierten oft stundenlang. Am Ende dieses Sommers sollte sie mich auf eine Party mitnehmen, auf der ich Menschen kennenlernte, mit denen ich schon bald eine Künstlergruppe gründete und Veranstaltungen organisierte. Ein Jahr später fand ein Abend beim VfL Bochum statt. Es war der Beginn von so vielem.

Die Erde drehte sich doch weiter

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In Frankfurt herrschte am 29. Mai 1999 am Ende nichts als Jubel, ausgelöst von Jan-Aage Fjörtoft und kommentiert von Dirk Schmitt.

(Foto: imago/Horstmüller)

Aus dem Ruhrstadion meldet sich Manni Breuckmann. Er tut etwas ganz und gar Außergewöhnliches. Er spricht seinen Reporterkollegen direkt an. Ich schaue auf das Radiogerät und bekomme eine Gänsehaut: "Günther, du tust mir auch Leid, erlaube mir dieses persönliche Wort an der Stelle ...". Die Partie ist zu Ende. Nürnberg ist abgestiegen.

Das Silvester des Jahres 1999 war ein besonderes. Überall zelebrierten die Menschen Millennium-Feierlichkeiten. Es gab nicht wenige, die den Untergang der Welt voraussagten. Als sich damals nach Mitternacht die Erde noch weiterdrehte, wussten wir, dass wir es geschafft hatten.

Aus dem Waldstadion meldet sich ein letztes Mal Dirk Schmitt: "Das Spiel in Frankfurt ist aus. Grenzenloser Jubel! Frankfurt ist definitiv weiter in der Fußball-Bundesliga, Manni Breuckmann!" Musik ist zu hören, dazu rhythmisches Klatschen. Sie spielen "Status quo".

Drei Monate nach dem Jahreswechsel lernte ich meine heutige Frau kennen. Das Jahr 2000 war ein gutes. In diesen Tagen begann damals auch mein Leben, wie es ein bekannter Radiosender einmal sagte, als "Fußball-Kulturschaffender". Für unseren Abend beim VfL Bochum hatte ich mir die Schlusskonferenz des vergangenen Sommers beim WDR besorgt und Wort für Wort transkribiert. Sechs Jahre später sollte sie in Teilen in meinem ersten Fußballbuch "Ein Tor würde dem Spiel gut tun" abgedruckt werden. Mit Manni Breuckmann stehe ich regelmäßig auf der Bühne. Er hat mir viel erzählt von diesen aufregenden Minuten des 29. Mai 1999. Ich jedoch habe ihm noch nie gesagt, dass das damals für mich der Start in einen Sommer war, der mein Leben auf den Kopf stellen sollte. (In Gedenken an B.)

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Quelle: n-tv.de

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