Redelings Nachspielzeit

Schande von Gijon lässt grüßen Die schlimme Angst vor der eigenen Machtlosigkeit

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Joshua Kimmich geht mit dem DFB-Team in ein Finale, dessen Ausgang nicht in der eigenen Hand liegt.

(Foto: IMAGO/Sven Simon)

Auch wenn es nach dem Unentschieden gegen Spanien anders scheint: Deutschland hat im Grunde das Weiterkommen ins Achtelfinale nicht mehr in der eigenen Hand. Und warum ein Ausscheiden gar nicht mal so unwahrscheinlich ist, zeigt leider auch ein Blick in die eigene WM-Geschichte!

Auf den ersten Blick scheint die Lage für die deutsche Nationalmannschaft nach dem Unentschieden gegen Spanien gar nicht so übel zu sein. Ein Sieg mit zwei Toren Unterschied sollte wohl langen, denken sicherlich die allermeisten Fußballfans, schließlich wird Spanien doch niemals gegen Japan verlieren. Und vermutlich haben diese Anhänger sogar recht. Doch im Worst-Case-Szenario sieht die Geschichte leider ganz anders aus. Denn wie sagte Spaniens Torschütze Alvaro Morata nach dem Abpfiff der Partie gegen den Erzrivalen so schön: "Deutschland gehört zu den Titelfavoriten." Hört, hört. Aber wäre es da nicht eigentlich eine ganz interessante Option, wenn man sich dieses Mitkonkurrenten auf eine recht simple Art und Weise frühzeitig entledigen könnte?

Denn schließlich gehört nach der Partie gegen Spanien auch zur Wahrheit: Man hat es zu einem großen Prozentsatz nicht mehr in der eigenen Hand, sich eigenständig fürs Achtelfinale zu qualifizieren? Oder glaubt tatsächlich jemand, dass dieses Team, das in den letzten Begegnungen so sehr mit Treffern geizte, Costa Rica mit einer Differenz von acht Toren aus dem Stadion schießt? Wohl eher nicht. Und deshalb muss man ganz nüchtern konstatieren: Spanien ist bereits vor dem letzten Spieltag der Gruppe E bei dieser Weltmeisterschaft in Katar für das Achtelfinale qualifiziert.

"Willst du alles kaputt machen?"

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Der WM-Sieger von 2010 kann also die Partie gegen Japan sehr gelassen angehen - und durchaus den einen oder anderen Spieler bereits für die K.o.-Phase schonen. Einzig eine hohe Niederlage gegen die Samurai Blue müsste vermieden werden - doch das sollten die Spanier bei all ihrer Klasse im Griff haben. Und damit beginnen die bösen Gedankenspiele zu kreisen. Denn bei allem Sportsgeist, der über allem stehen sollte: Leichter wird es vermutlich nicht mehr werden, Deutschland ohne viel Aufwand aus diesem Turnier zu kegeln.

Und wer glaubt, dass es solche Situationen im Fußball noch nie gegeben hat, der sei nur einmal an das populärste Beispiel mit deutscher Beteiligung erinnert. Beim legendären "Nichtangriffspakt" am 25. Juni 1982 in Gijón zwischen Deutschland und Österreich rief damals Paul Breitner zu dem in der 66. Minute für Rummenigge eingewechselten Lothar Matthäus, als dieser überraschend ein Dribbling wagte, den schönen Satz hinüber: "Hör auf. Oder willst du alles kaputt machen?"

Zu dieser Zeit bewegte sich auf dem Platz allenfalls noch ein laues Lüftchen. Ansonsten herrschte totaler Stillstand. Denn die Ausgangslage vor diesem Spiel war an diesem Tag eindeutig. Eine knappe Niederlage Österreichs und beide Mannschaften würden weiter dabei sein. Zum Leidwesen des Teams von Algerien. Die hatten zwar Deutschland und Chile knapp geschlagen - aber eben nur knapp. Und da die letzten Spiele der Gruppe nicht wie heutzutage zeitgleich stattfanden, sondern

"Schweinehunde oder Schwachsinnige?"

hintereinander, wussten beide Teams genau, was die Stunde geschlagen hatte. Und so war bereits nach zehn Minuten die Messe des Tages gelesen. Nach einer Flanke von Littbarski hatte Horst Hrubesch mit dem Oberschenkel den Ball ins Tor bugsiert. Dieses 1:0 hatte bis zum Schluss Bestand. Die französische Zeitung "Le Figaro" sprach damals nicht von einem offenen Betrug, sondern vermutete eher so etwas wie gelebte Faulheit bei den 22 Spielern auf dem Platz: "Sind die deutschen und österreichischen Spieler Schweinehunde oder Schwachsinnige? Wohl nicht einmal das. Vor allem aber eiskalte Profis - eiskalt wie Dschungeltiere, die niemals zwei Tatzenhiebe versetzen, wenn einer genügt, sich Nahrung zu holen." Doch damit waren die französischen Journalisten weltweit fast alleine. Die allermeisten Fußballfans gingen von einer Absprache zwischen Deutschland und Österreich aus. Die Spieler und Offiziellen von damals bestreiten dies allerdings mehrheitlich bis zum heutigen Tag.

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er montags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem aktuellen Buch ("60 Jahre Bundesliga. Das Jubiläumsalbum") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Ob dies für den kommenden Donnerstag tatsächlich eine Blaupause sein könnte, wird man ebenfalls nie erfahren werden - auch wenn die Partie tatsächlich knapp für Japan entschieden wird. Doch das Beispiel des 25. Juni 1982 von Gijón zeigt sehr anschaulich, dass solche Dinge immer wieder im Fußball passieren - und offenbart die brutale Angst vor der eigenen Machtlosigkeit.

Denn die deutsche Nationalmannschaft kann am Donnerstagabend ein großartiges Feuerwerk gegen Costa Rica abbrennen - doch wenn sie nicht mit mindestens acht Toren Differenz gewinnt, hat sie die Lage leider nicht mehr in der eigenen Hand. Man kann nur hoffen, dass Spanien erst gar nicht in Versuchung geführt wird. Denn am Ende wissen auch die Weltmeister von 2010: Der Fußball ist unberechenbar - und deshalb sollte man am besten nie schon vor Anpfiff anfangen zu rechnen.

Quelle: ntv.de

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