Redelings Nachspielzeit

Torwart, Horrorunfall, Dschungel Eike Immels verrücktes Leben am Limit

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Damals, als der BVB noch ohne Vereinslogo auf dem Trikot auflief.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Als Eike Immel 2008 in das RTL-Dschungelcamp zog, hatte er schon ein ganzes Leben auf der Überholspur hinter sich. Hübsche Frauen, schnelle Autos und eine Menge verpulvertes Geld. Heute feiert der Bauernsohn und ehemalige Nationalkeeper seinen 60. Geburtstag!

Eike Immel hatte alles. Die Liga lag ihm zu Füßen, die Fans feierten ihn, das Geld stimmte und das Leben pulsierte. Schöner konnte es nicht sein. Doch der Nationaltorhüter machte einen entscheidenden Fehler: Er dachte, es würde immer alles so weitergehen. Doch eine kaputte Hüfte und einige private Probleme katapultierten den Lebemann aus seinem Paradies. Am Ende blieb nicht viel, bis auf eine entscheidende Lehre: "Eines habe ich daraus gelernt: Wenn einer sagt, Geld spielt überhaupt keine Rolle, dann sprinte ich so schnell weg, dass ich mir einen Muskelfaserriss hole!"

Das Leben meinte es gut mit Eike Immel. Im Westfalenstadion stand im Jahr 1978 am ersten Spieltag bei der Partie Borussia Dortmund gegen den FC Bayern München (1:0) ein 17-Jähriger im Tor der Schwarz-Gelben und hielt wahrhaft glänzend. Die "Bild" titelte am nächsten Morgen gewohnt reimfest: "Immel flog in den Himmel". Und der junge Eike war nicht nur ehrgeizig, sondern zeigte schnell, dass er wusste, worauf es ankam: "Bälle halten, das kann jeder, doch die Nerven behalten …"

Schon zuvor hatte die Boulevardpresse das Talent des jungen Torwarts ausgiebig gefeiert: "Kickers Offenbach bot Mähdrescher für den fliegenden Bauernsohn Immel!" ("Bild"). Viel Lob für einen jungen Menschen, der noch als Bundesliga-Torwart jahrelang einen Teddybär hinter sich ins Tornetz legte. Als Glücksbringer und seelische Unterstützung.

Ein geklautes Auto ist kein Problem

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Eike Immel kompensierte den Druck des aufregenden Fußballerlebens mit seiner Vorliebe für schnelle Flitzer. Er wurde zu einem richtigen Freak auf diesem Gebiet. Der junge Profi des BVB liebte Autos. Er liebte sie sogar so sehr, dass er sich bereits als Siebzehnjähriger einen gebrauchten Mercedes zulegte. Aber da er ja eh noch keinen Führerschein hatte, dachte sich Immel nichts weiter dabei, als er sein erstes Auto noch vor der ersten eigenen Nutzung bei seiner zweiten großen Leidenschaft, dem Kartenspiel verzockte. "Eike Immel pokerte schon wie ein Süchtiger. Oft sah man, wie er aus seiner Brusttasche eine Handvoll Geldscheine herauszog. Nicht selten wurde um 20.000 bis 30.000 Mark gespielt", erzählte Toni Schumacher einmal.

Als dann endlich richtiges Geld in seinem Portemonnaie wucherte und der Führerschein auf dem Tisch lag, stürmte er in ein Männerparadies in Unna, bezahlte den frisch erworbenen Mercedes bar und fuhr ihn in seinem jugendlichen Übereifer erst einmal souverän zu Schrott. "Macht nichts", begriff Immel damals schnell, "diese Dinger aus Stuttgart sind sowieso weit unter meiner Kragenweite", und orderte deshalb umgehend für knappe 60.000 Mark, was auch in den Achtzigern nicht unbedingt Schickermoos war, ein wunderschönes Gefährt, das auf den Namen Porsche hörte.

Und nun wurde das Kapitel Eike Immel und Autos langsam ein wenig tragisch. Denn dieses Fahrzeug wurde ihm schon einige Tage nach dem Erwerb nachts direkt vor dem Westfalenstadion entwendet. Wahrlich nicht nett. Aber eine Marke, deren Produkte so wertvoll sind, dass Leute dafür eine Straftat begehen, konnte so verkehrt nicht sein, mag Immel sich gedacht haben, als er den Einsatz auf über 100.000 Mark erhöhte und am nächsten Morgen stolz mit einem nigelnagelneuen Porsche Turbo beim Training seines BVB aufkreuzte.

"Dann wäre ich mausetot gewesen"

Die Mannschaftskameraden staunten nicht schlecht ob dieses beeindruckenden Flitzers, wunderten sich allerdings auch nicht weiter, als wenige Tage später eine dramatische Nachricht die Runde machte. Eike Immel hatte seinen Wagen mit hundertdreißig Sachen auf frostglatter Straße in die Leitplanken gesetzt. Danach überschlug sich das Auto mehrfach und landete schließlich auf einem Acker.

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Der Torhüter von Borussia Dortmund lag regungslos und durchgefroren unter der Kühlerhaube, als man ihn - wie durch ein Wunder - bereits eine halbe Stunde später fast gänzlich unverletzt entdeckte. Dem Gerücht, er wäre mit über 200 km/h an diesem kalten Wintertag über die Autobahn gebrettert, widersprach Immel vehement: "Dann wäre ich doch mausetot gewesen."

Um einige tausend Mark ärmer und vielleicht für eine Sekunde auch ein Stück weiser, wollte der aufstrebende Torhüter anschließend mal ein wenig auf die Bremse treten und vermied die schnelle Anschaffung eines Neuwagens. Doch ein Eike Immel ohne entsprechendes Gefährt ist natürlich nur die Hälfte wert. Und so lieh er sich von einem Kumpel den Porsche, parkte diesen im Halteverbot und musste aus einem gegenüberliegenden Café leichenblass und regungslos mit ansehen, wie jemand mit Karacho seitlich in das edle Gefährt reinrauschte. Die zehn Mark Strafe für das Parken im Halteverbot waren anschließend für den Pechvogel unter den Autonarren das geringste Problem.

Vom Balkon gewunken

Schon als Kind soll Immel übrigens auf dem elterlichen Hof den kostbaren Traktor der Familie mehr als ungeschickt in einen tiefen Graben gelenkt haben. Den Einsatz der Freiwilligen Feuerwehr mit schwerem Gerät und die Bewirtung der kompletten Mannschaft mit selbst hergestellten Kräuterdestillaten durfte der kleine Immel noch Jahre später bei der Kartoffelernte abarbeiten. Seine fast magische Anziehungskraft auf die Gesetzeshüter hat der Keeper von Borussia Dortmund, dem VfB Stuttgart und Manchester City aber trotzdem nie ganz verstanden: "Ich finde das unheimlich. Wenn ich mit meinem Porsche die Straße herunterfahre und ein Streifenwagen kommt mir entgegen, dann kann ich schon sicher sein, dass er gleich umdreht und mir hinterherkommt."

Eike Immel erscheint einem im Rückblick ein wenig wie der deutsche George Best ("Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst …"). Und so war Immel auch den Frauen nicht abgeneigt. Er selber erzählte einmal die Geschichte, wie er bei der WM in Spanien mit Toni Schumacher auf dem Hotel-Balkon gestanden und zwei wunderhübschen Spanierinnen auf einem gegenliegenden Balkon zugewunken habe.

Als sich Immel und Schumacher umguckten, stand die komplette Mannschaft ebenfalls auf den Balkonen und winkte. Am nächsten Morgen riss Immel noch schlaftrunken die Vorhänge auf, schaute hinüber zum Balkon der Mädels und erblickte zwei Mannschaftskameraden nur in Shorts bekleidet. Enttäuscht stellten Schumacher und er fest: "Die waren schneller als wir und schon eingewechselt, als wir noch nachdachten!"

Am Ende blieb nur der Dschungel

Weil er sich gegenüber seinen Frauenbekanntschaften stets genauso großzügig zeigte wie immer, blieb auch dort viel Geld hängen. Einer Freundin kaufte er einmal eine Jeans für 1.500 Euro - und das gleich in sechs verschiedenen Farben. Als er später gefragt wurde, warum es das gemacht habe, sagte er: "Wahrscheinlich war ich voller Vorfreude auf die Nacht!" Seine Traumfrau beschrieb Eike Immel einmal so: "Nichts Besonderes. Wie's kommt!"

Beinahe wäre übrigens alles ganz anders gekommen, denn Eike Immel kann wohl den seltsamsten Grund aller Zeiten für die Ausmusterung eines Bundesliga-Profis vorweisen. Die Bundeswehr musste nämlich leider auf den Torhüter verzichten, weil dieser einen "Sehfehler" hatte. Man könnte es auch so sagen: Für den nationalen Dienst auf dem grünen Rasen erklärte ihn Teamchef Franz Beckenbauer bei der EM 1988 für tauglich, für den Einsatz an der Waffe hätte es aber nicht gereicht.

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und Projekten gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Als all das schöne Geld verprasst war, blieb ihm am Ende nur der Dschungel. Doch obwohl Eike Immel Ratten hasste, ließ er sich im Jahr 2008 auf das Abenteuer ein. Schon als Torhüter hatte er sich als großer Realist ausgezeichnet: "Im Großen und Ganzen war es ein Spiel, das, wenn es anders läuft, auch anders hätte ausgehen können." Und so überlegte er trotz seiner Furcht vor den kleinen Nagern nicht lange, als RTL bei ihm anfragte, denn er sagte sich: "16 Tage Australien, nur zweimal sechs Minuten mit Ratten."

Doch auch danach ging es nicht unbedingt bergauf mit dem ehemaligen Nationaltorwart, der über einen Anruf aus dem Jahr 2015 sagte: "Diese Hilfe war lebensrettend." Am anderen Ende der Leitung war Wolfgang Schratz, Unternehmer und Finanzmanager von Immels Heimatverein, dem TSV Eintracht Stadtallendorf. Beim nordhessischen Regionalligisten betreut der Europameister von 1980 nun die zweite Mannschaft in der Kreisliga und kümert sich um die Torhüter des Klubs.

Ein Zitat von Eike Immel muss am Ende noch erwähnt werden. Auf die Frage, wann er zum letzten Mal für Borussia Dortmund gespielt habe, antwortete der ehemalige Nationaltorhüter so logisch wie großartig: "An einem Samstag." Heute feiert der Lebemann und fabelhafte Ex-Keeper seinen 60. Geburtstag. Alles Gute und Glück auf, lieber Eike Immel!

Quelle: ntv.de